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Bakker
Gerbrand Bakker: Birnbäume blühen weiß
Andrea Kluitmann, Übs. Frankfurt: Suhrkamp, 2010. Taschenbuch, 141 Seiten – Gerbrand LinksGerbrand Literatur
Ein scheinbar idyllischer Haushalt: Vater Gerard mit den Zwillingen Klass und Kees und dem dreizehnjährigen Nachkömmling Gerson und dem Hund Daan, läßt die Frage nach der Mutter aufkommen. Marian hatte sich vor Jahren ins Auto gesetzt und war weggefahren. Sporadisch kommen Kartengrüße aus Italien mit verwischtem Stempel, so dass die vier ihren Ort nicht kennen. Daan war Mutters Liebling hat aber jetzt eine besondere Beziehung zu Gerson.
Da passiert ein folgenschwerer Autounfall. Gerson ist am schlimmsten verletzt. Er liegt im Koma und wacht nach Tagen auf. Man hat inzwischen festgestellt, dass er nicht mehr sehen kann. Erstaunlich schnell (wenn man dem Text glauben darf) hat er sich daran gewöhnt. Vielleicht ist er  eigenbrödlerischer als zuvor.
Nach einem Jahr passiert wieder etwas Schreckliches. Alle Buchbesprechungen, die ich las, interpretieren es als Freitod. Es könnte aber auch ein Unfall gewesen sein. Gerson ist ein guter Schwimmer (S. 126), da scheint es mir fraglich, ob es durch einfaches ins Wasser gehen mit dem Freitod klappt.
Die verbliebenen drei Männer rappeln sich auf und sehen ihre Zukunft darin, endlich nach Marian zu suchen. Fazit also: ohne Frau geht es doch nicht.
Der Roman schwankt zwischen Tragödie und Optimimus (das ist kein Vorwurf: es gelingt!). Der Autounfall wird kaum thematisiert, er dient dem Autor nur als Ursache für Gersons Behinderung. Nebenbei erfährt man, dass Gerard Schuld war. Juristische Konsequenzen werden nicht einmal angedeutet. Dem Autor geht es um die Bewältigung aus der Perspektive der jeweiligen Personen. Dazu benutzt er den Kniff der wechselnden Erzählstimme auf sehr originelle Weise. Das Zwillingspaar erzählt als „wir”, spaltet sich aber in Klass und Kees auf. Am Ende erhält sogar Daan eine Stimme. Er allein ist es, der den Lesern vom letzten Unglück erzählt. Das gelingt dem Autor sehr gut.
Überhaupt versteht Bakker schon in seinem Erstlingswerk sein Autorenhandwerk. Im zweiten Satz des Romans: „Bis vor einem Jahr, das war das letzte Mal” (S. 7) baut er Spannung auf. Das wiederholt er beispielsweise bei der Ankündigung des zweiten Unglücks. Den Nachmittag des 10. August beschwört er mehrfach dramatisch.
Einige Kleinigkeiten kann man getrost überlesen. Mir war beispielsweise unklar, warum die Ärzte bereits während des Komas feststellen können, dass Gerson blind ist und bleiben wird (S. 36). Gersons Kopf war noch reichlich verbunden. Aber vielleicht war die Schädigung der Augen zu offensichtlich.
Gerson verkraftet sein Blindsein erstaunlich gut. Das Bemühen der anderen um seine Blindheit weist er zurück (S. 71). Das kann Oberfläche sein; ist aber weniger wahrscheinlich, da der Erzählfokus auch auf Gerson selbst liegt.
Der überzeugendste Höhepunkt war für mich der Besuch des Nachbars während des Besuchs der Familie bei den Eltern Gerards: Anna und Jan. Der Dialog Gerson mit dem Nachbarn (S. 76-78) legt die häufige Verlegenheit beim Umgang mit Behinderten offen.
Bakker kontrastiert auch gekonnt die dramatischen Einschnitte mit der weiterhin idyllischen Umgebung (so z.B. S. 83).
Behinderung und jugendlicher Freitod (wenn es einer war) sind zwei sehr ernste Probleme, die Bakker zur Diskussion stellt.
Eine Unterfrage dazu drängt sich auf: Ist die plötzliche Blindheit eine so starke Behinderung (eingeschränkte Lebensqualität), dass der Freitod ein angemessenes Ende setzt? Diese Frage erhält Aktualität, da im selben Monat (Januar 2013), in dem ich den Roman las, in Belgien zum ersten Mal ein Zwillingspaar freiwillig in den Tod ging und sich dabei medizinischer Hilfe bediente. Marc und Eddy Verbessem, ein Zwillingspaar von Geburt an taub, drohte zu erblinden. Ihre lokale Klinik verweigerte die tödliche Injektion. In der Klinik der Universität Brüssel in Jette fanden sie Unterstützung. Am 14. Dezember 2012 schieden sie aus dem Leben (Gerbrand Links).
Der Umgang mit Behinderung und Behinderten wird dabei mehr angerissen als ausdiskutiert. Das ist für einen Roman durchaus das angemessene Verfahren.
Ähnlich ist es mit den Beziehungen im Roman. Das Verhalten Marians ist zu hinterfragen: dazu gibt der Text aber wenig Anhaltspunkte. Doch die Eltern Marians haben auch jeglichen Kontakt zu Gerards Familie abgebrochen! Gerard scheint keine Versuche zu machen, den Kontakt wieder herzustellen. Was einzig funktioniert ist die Beziehung Hund-Mensch zwischen Daan und Gerson.
Durch die Alliteration Gerbrand – Gerard – Gerson bekundet der Autor eine gewisse Verwandtschaft.
Birnbäume blühen weiß ist das Romandebüt des niederländischen Autor Gerbrand Bakker. Es ist ein Jugendroman, der 1999 im Original als Perenbomen bloeien wit erschien. Zurecht erhielt der einfühlsame, gut erzählte Roman einige Jugendbuchpreise.
Zur Lektüre auch für Erwachsene empfohlen.
Links
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BakkerLothar Struck: Beinharte Familiengeschichten
BakkerBelgian twins had first request to die refused, The Telegraph, 14 Jan 2013
Literatur
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Bakker Bakker Gerbrand Bakker: Birnbäume blühen weiß. Andrea Kluitmann, Übs. Frankfurt: Suhrkamp, 2010. Taschenbuch, 141 Seiten Bakker
Kindle Edition: Gerbrand Bakker: Birnbäume blühen weiß. Andrea Kluitmann, Übs. Bakker
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