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Barry
Sebastian Barry: The Secret Scripture
[Ein verborgenes Leben, Hans-Christian Oeser, Übs.] London: Faber & Faber, 2009. Taschenbuch, 312 Seiten
Sebastian LinksSebastian Literatur

Nahe Roscommon, in der Grafschaft Roscommon in Westirland (Sebastian Links), lebt seit fast sechzig Jahren die etwa 100-jährige Roseanne McNulty in der Nervenheilanstalt, früher hieß dies wohl Irrenhaus. Sie schreibt heimlich ihre Memoiren und man fragt sich sofort: Warum ist die an diesem Ort? Was kommt dazu als Auflösung?
Gleichzeitig führt auch Dr. Grene, der Psychiater in diesem Haus, Tagebuch. Reichlich spät (er kennt Roseanne seit mehr als dreißig Jahren) kommen ihm Zweifel an Roseannes Aufenthalt auf seiner Station. Er hatte sie jahrelang kaum beachtet. Anlässlich eines bevorstehenden Umzugs (das Haus ist hoffnunglos veraltet und soll abgerissen werden) begann er die Krankenakten der Frau McNulty zu studieren.
Gemäss dem vorangestellten Motto aus Maria Edgeworth: Castle Rackrent (Sebastian Links) ist Geschichte immer mit Unsicherheiten verbunden. Geheime Lebenserinnerungen können da aufhellen. Roseanne McNulty hat ja, kurz nach 1900 geboren, bis zu ihrer Heimeinweisung (1957 kann man nach der ersten Kapitelüberschrift, S. 3, vermuten) die ersten stürmischen Jahre der irisichen Geschichte hautnah miterlebt. Vieles bleibt – ganz in der Tradition der »Gothic Novel« – im Ungefähren, doch nicht aus literarischem Zwang, sondern weil Roseanne selbst nicht so richtig durchblickte. So kennt sie ihren Vater als Friedhofswärter, der aufgrund einer Nichtigkeit im politischen Kampf zum Rattenfänger degradiert wurde. Doch an späteren Stellen wird oft unterstellt, er sei heimlich Polizist gewesen. Trügt Roseannes Erinnerung?
Andrerseits erweist sich Roseanne als glaubwürdig. Sie wirkt nur vergesslich, weil sie ihre Erinnerung oft in Zweifel zieht. Sie ist skeptisch gegenüber denen ohne Zweifel.
»Oh,« I said. »No. It's just that I don't like the religious.«
»The religious? You mean, people that believe?«
»No, no, priest, and nuns, and such.«
»And is there any reason for that?«
»They are so certain about things, and I am not.« – S. 193
Das macht Roseanne aber gerade deshalb recht verlässlich und glaubwürdig.
Neben den bürgerkriegsähnlichen Fronten spielen die Aversionen zwischen den christlichen Religionen eine entscheidende Rolle. Dazu kommen der enorme Einfluss des Klerus und völlig überzogene moralischen Ansprüche. Eine Ahnung wird gleich auf der ersten Seite aufgebaut. Im schwarzen Fluss, der durch Sligo, dem Heimatort Roseannes, fließt, treiben auch arme Babys, die nur eine Störung der sauberen Oberfläche der christlichen Fassade waren.
Roseanne war verheiratet, doch ihre Ehe wird nachträglich vom Vatikan (?) annulliert, Ihr Baby verliert sie kurz nach der geburt. Im Meer? Nur verschollen?
Nicht immer traut Roseanne ihrer eigenen Erinnerung. Daher bleibt auch einiges in ihrer Biografie im Dunklen, ganz abgesehen davon, dass sie nur als ein Spielball zwischen den familiären (Standesdünkel), politischen und religiösen (Katholiken, Protestanten verschiedener Ausprägung) Fronten ist.
Abwechselnd kommen Dr. Grenes Tagebuchaufzeichnungen zu Wort. Er berichtet mehr über das Tagesgeschehen in der Anstalt und seine Nachforschungen zu Mrs McNulty, die zum Ende des Romans dichter werden und in einer Überraschung enden.
Geschichtsschreibung von unten
Ganz allmählich wird der Leser mit dem Irrsinn vor der Anstaltseinweisung in Sligo und Irland vertraut. Aus der geschichte irlands weiß man, dass es anschließend noch lange weiterging, wenn doch auch hauptsächlich in Nordirland.
Kann man davon ausgehen, dass wir in einer besseren Situation sind? Vielleicht ja, doch mancher Irrsinn passiert auch um uns, den erst spätere generationen als solchen erkennen werden. Also: skeptisch bleiben oder werden, wenn von politischen, religiösen oder standesdünklerischen Zwängen geredet wird!
Die erstaunliche Einsicht Roseanne McNultys zur Geschichtsschreibung:
»For history as far as I can see is not the arrangement of what happens, in sequence and in truth, but a fabulous arrangement of surmises and guesses held up as a banner against the assault of withering truth«, S. 56
Manches mutet wie aus einem Schauerroman des 19. Jahrhunderts an. Doch erleben wir nicht gerade (Anfang 2010) Skandale in Heimen und Schulen, Züchtigung und Missbrauch, alles was man nur in fernen vergangenen Zeiten vermutet hätte? Vor nicht allzu langer Zeit war diesbezüglich Irland in allen Medien, siehe beispielhaft "Die unbarmherzigen Schwestern" [The Magdalene Sisters] (Sebastian Links).
Zur Armut in Irland war Frank McCourt eindringlicher. Sebastian Barrys Stil erinnert an Marilynne Robinson: Gilead und die Romankonstruktion an Margaret Atwood: Alias Grace, zu all diesen siehe Sebastian Vergleichsliteratur.
Die gewählte Konstruktion (abwechselnde Rückblicke der zwei Erzählpersonen) hat einige dramaturgische Vorzüge, aber auch einige Nachteile: mir kam das Geschehen weniger präsent vor (man fühlt sich im Erzählzeitpunkt, nicht in der erzählten Zeit); dies wird durch die wenigen Dialoge unterstrichen.
Das erstaunliche Leben der Roseanne McNulty schält sich mit jeder Seite ihrer Aufzeichnungen weiter heraus. Dem Getümmel ihrer ersten Lebensjahre folgen ruhige Heimjahrzehnte (die kaum thematisiert werden). Am Ende der hundert Jahre steht ein Zwangsumzug bevor. Das Haus um Roseanne herum ist schon fast leer.
Ein auswühlender und berührender Roman. Manche Passage hätte ein Autor straffen müssen, doch es sind ja Roseanne McNultys Worte.
Auszeichnungen
2008 Short List Booker Preis
2008 Costa Book Award
2009 Roman des Jahres in Irland
Lektüren
Roseanne McNulty liest (S. 31)
Thomas Browne: Religio Medici (The Religion of a Doctor) – BarrySir Thomas Browne
The Hounds of Hell – Es gibt mehrere Legenden über die Höllenhunde; genaues Werk unklar, siehe BarryHellhound
Walt Whitman: Leaves of GrassBarryLeaves of Grass
Anmerkungen
»The star to every wandering bark«, S. 18
Aus: Shakespeare: Sonnet 116: "Let me not to the marriage of true minds". Die Sterne dienten zur Navigation.
»Those that feed them do not love them, those that clothe them do not fear for them«, S. 32 – Quelle unbekannt
»When milk comes frozen home in pail, And Dick the shepherd blows his nail«, S. 133 – hier verwechselt Roseanne zwei Zeilen. Bei Shakespeare: "Winter" lautet der Anfang
»When icicles hang by the wall
    And Dick the shepherd blows his nail
And Tom bears logs into the hall,
    And milk comes frozen home in pail«
»The best laid plans«, S. 164 – geht auf Robert Burns: "To A Mouse" zurück. Darin heißt es
»The best laid schemes o' Mice an' Men,
Gang aft agley,
An' lea'e us nought but grief an' pain,
For promis'd joy!«
"Gang aft agley" – often go awry
"An' lea'e us nought" – And leaves us nothing
Links
BarrySebastian Barry – Wikipedia: BarrydeutschBarryenglisch
BarryAntje Deistler: "Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben", WDR
BarryKonrad Dittrich: "Ein Leben zwischen IRA und Regierung", Die Berliner Literaturkritik, 10.08.09
BarryKatharina Döbler: "Subtiles Melodram", dradio, 8.09.2009
BarryAnja Hirsch: "Die verschwundene Tante", FAZ, 31. Aug. 2009
BarryPerlentaucher
BarryMonika Stranakova: Feder und Hammer. „Ein verborgenes Leben“ erzählt Sebastian Barry vom harten Los der Frauen im Irland der Bürgerkriegsjahre. Literaturkritik 18.02.2010
BarrySebastian Barry Wins 2008 Costa Book of the Year, 27. Jan. 2009
BarrySean O'Hagan: "Ireland's past is another country", The Observer, 27. April 2008
Roscommon: BarryStadt – BarryGrafschaft
BarryMaria Edgeworth: Castle Rackrent
Sebastian Die unbarmherzigen Schwestern (The Magdalene Sisters)BarryWikipedia
Vergleichsliteratur
Sebastian Margaret Atwood: Alias Grace
Sebastian Frank McCourt: Angela's Ashes
Sebastian Marilynne Robinson: Gilead

Literatur
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Barry BarrySebastian Barry: The Secret Scripture. London: Faber & Faber, 2009. Taschenbuch, 312 Seiten Barry
Sebastian Barry: The Secret Scripture. London: Faber & Faber, 2009. Taschenbuch, 312 Seiten Barry
Barry BarrySebastian Barry: The Secret Scripture. London: Faber & Faber, 2008. Gebunden, 300 Seiten Barry
Sebastian Barry: Ein verborgenes Leben. Göttingen: Steidl, 2009. Gebunden, 392 Seiten. Hans-Christian Oeser, Übs. Barry
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.11.2015