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Simenon
Georges Simenon: Maigret und die Frauen:
Maigret und die junge Tote / Maigret und die alte Dame

Zürich: Diogenes, 2007. Broschiert, 385 Seiten – Georges LinksGeorges Literatur
Maigret und die junge Tote
Dieser Maigret-Roman erschien 1954 als Maigret et la jeune morte, die deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Hansjürgen Wille und Barbara Klau erschien 1958 unter dem Titel Maigret und die Unbekannte. Der folgenden Besprechung liegt die Neuübersetzung von Raymond Regh aus dem Jahre 1978 zugrunde.
Nach sehr langer Zeit griff ich wieder zu einem Maigret-Roman und wurde nicht enttäuscht.
Mitten in Paris wird ein totes Mädchen in ungewöhnlicher Kleidung (wurde von ihr ausgeliehen!) gefunden. Maigret übernimmt. Er interessiert sich hauptsächlich für das Opfer und will alles über sie wissen. Wenn er Aufträge verteilt betont er, dass er alles über sie erfahren möchte. So ergibt sich allmählich für ihn ein Bild vom Opfer und damit – so läßt Simenon seine Leser glauben – ist der Rest einfach.
Maigret verhält sich wie man es von ihm erwartet: er raucht Pfeife und trinkt gerne mal ein Bier (ein Zugeständnis des Belgier Simenon an seine Heimat). Mit seinem Kollegen Inspektor Lognon, den Griesgram, spielt er Katz und Maus. Sein Stützpunkt ist nicht nur das Büro am Quai des Orfevres sondern auch sein Heim mit der wartenden Frau Maigret, die immer etwas zum Essen für ihn parat hat.
Dialoge und Milieuschilderungen passen genau: die Leser ziehen mit, auch wenn sie Simenon mit der Detektivarbeit Maigrets nicht mitnimmt. Das wird dadurch verstärkt, dass Maigret passiv ermittelt, er läßt alles auf sich zukommen. Er muß seine Büro kaum verlassen.
„Die Auskünfte erreichten ihn, ohne dass er einen Finger zu krümmen brauchte.” (S. 117)
Die komplizierte Lösung ergibt sich ziemlich am Ende. Der zugrundeliegende Gangsterplot um Leute massiv um Geld zu betrügen (S.138 f) erscheint hanebüchen, aber man nimmt‘s in Kauf.
Simenon ist fasziniert von der Halbwelt Paris‘ und jungen Frauen, die  in Paris ihr Glück suchen. Ebenso scheint er fasziniert von Leuten, die Knall auf Fall ihre Umgebung verlssen, wie hier Van Cram, der von Zuhause wegging um Zigaretten zu kaufen und nicht mehr heimkam (S. 130). Vergleiche dazu auch Der Mann, der den Zügen nachsah.
Gambler's Fallacy
Mrs. Laboine. Mutter der Toten Louise, unterliegt bei ihren Casinobesuchen der Gambler's Fallacy. Wenn mehrmals Rot kommt verdoppelt sie (so lange es geht) ihren Einsatz auf Schwarz (S. 132) in der irrigen Meinung, die Roulettekugel wüßte wohin sie zuletzt gerollt ist.
Schach
Ich nehme an, Simenon spielte selbst Schach.In vielen seiner Romane baute er kurze Schachszenen ein, so hier einen Traum Maigrets, in dem dieser selbst Schach spielt (S. 125-126).
Es ist erstaunlich wie es Georges Simenon, der einen Roman meist in wenigen Tagen schrieb (Maigret und die junge Tote entstand vom 11. bis 18. Januar 1954!) gelang atmosphärisch dichte und doch im Stil lockere Krimis zu schreiben. Sehr empfehlenswert.
Maigret und die junge Tote wurde mehrfach verfilmt und zur Grundlage von 2 Hörspielen:
  • 1959 - SWF, Regie: Gert Westphal
  • 1961 - BR, Regie: Heinz-Günther Stamm

Maigret und die alte Dame
Kommissar Maigret wird zu einem Todesfall in Etretat (Normandie) gerufen. Die alte Dame Valentine Besson sollte vergiftet werden, es traf aber tragischerweise das Hausmädchen Rose Trochu. Viele Verwandte der alten Dame, die wegen ihres Geburtstags nahezu vollzählig vor Ort waren, hatten eine Aversion gegen Valentine, aber ob das als Mordmotiv ausreicht? Ihr früherer Reichtum ist schon lange dahin.
Dann passiert ein zweiter Mord und allmählich klärt sich für Maigret und dann hoffentlich auch für die Leser der Fall.
Maigret-Kenner erwarten keinen Thriller, hier sollten sie gar mit einem Anti-Thriller rechnen. Bis weit über die Hälfte des Romans passiert wenig. Maigret befragt mit oder ohne dem örtlichen Inspektor Castaing die Verwandten und Leute im Dorf. Die Gespräche fördern verzweigte und komplizierte Familienbeziehungen zutage. Die Leser erfahren diese Rückblenden in die Vorgeschichte durch die Worte der Befragten. Ich konnte kaum alles aufnehmen und behalten. Vieles blieb dadurch unklar.
Dabei fielen mir zwei Umstände auf:
  • Maigret gibt Castaing zeitaufwändige Aufträge. Manchmal hatte ich den Eindruck, das dient nur dazu (wie bei Inspektor Lognon, dem Griesgram, siehe Maigret und die junge Tote) ihn beschäftigt zu halten.
  • Maigret widmet sich ausgiebig dem Umfeld des Opfers Rose. Die einfache Fischerfamilie, der sie entstammt, besucht er in ihrem Heimatort Yport. Wie sich herausstellt hat Maigret damit wieder einmal den richtigen Riecher: Rose ist der Hebel zur Lösung.
Simenon verknüpft die Dienstreise Maigrets mit Kindheitserinnerungen seines Protagonisten. Erkennt Maigret, dass seine Erinnerung nichts hervorruft, mit dem er sein Leben in Paris tauschen würde? Auch der Lebensabend der alten Dame, die einsam und zurückgezogen in ihrer Traumwelt lebt, ist für ihn nicht attraktiv. Dann lieber mit und zurück zu Frau Maigret, die im Roman nicht vorkommt.
Maigret und die alte Dame entstand in wenigen Tagen 1949 und ist der 33. Roman der Serie um Kommissar Maigret.
Durch die vorherrschenden Gespräche wird den Lesern nahezu alles nur indirekt bekannt. Es mangelt an Präsenz. Erst nach dem zweiten Todesfall wird es mäßig spannend.
Maigret und die alte Dame wurde mehrfach verfilmt und zur Grundlage eines Hörspiels:
  • 1955 – NDR, Regie: Raoul Wolfgang Schnell; Maigret: Gustav Knuth.

Links
Maigret und die alte Dame: Simenon@Krimi-CouchSimenon@maigret.deSimenon@wikipedia
SimenonTilman Spreckelsen: Maigret-Marathon 33  Maigret und die alte Dame, 30.11.2008
Maigret und die junge Tote: Simenon@Krimi-CouchSimenon@maigret.deSimenon@wikipedia
Simenon Georges Simenon mit Hinweisen auf weitere Rezensionen
SimenonJohannes Fischer: Aus wenig wird viel: Georges Simenon, 13.2.2014
SimenonTilman Spreckelsen: Selbstversuch: Der Maigret-Marathon. Warum ich jede Woche einen Maigret-Roman lesen werde, FAZ, 2008
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Simenon SimenonGeorges Simenon: Maigret und die Frauen: Maigret und die junge Tote / Maigret und die alte Dame. Zürich: Diogenes, 2007. Broschiert, 385 Seiten Simenon
Georges Simenon: Maigret und die Frauen: Maigret und die junge Tote / Maigret und die alte Dame. Zürich: Diogenes, 1978. Broschiert, 192 Seiten Simenon
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