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Guenassia
Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten
Le Club des incorrigibles optimistes – Eva Moldenhauer, Übs. Frankfurt: Insel, 2013. Broschiert, 685 Seiten
Jean-Michel LinksJean-Michel Literatur

Vorab: auch wenn weiter unten im Abaschnitt "Schachpartien im Club der unverbesserlichen Optimisten" viel von Schach geschrieben wird: man kann den Roman ganz ohne schachliche Kenntnisse einwandfrei lesen. Es kommen auch nur wenige auf Schach bezogene Absätze und Dialoge vor.
Mit Der Club der unverbesserlichen Optimisten schrieb Jean-Michel Guenassia einen umfangreichen Roman, der 2009 mit dem Prix Goncourt des lycéens (nicht zu verwechseln mit dem Prix Goncourt) ausgezeichnet wurde.
Im Wesentlichen erzählt Michel Marini darin die fünf Jahre ab seinem 12.  Geburtstag Ende 1959. Die Schule interessiert ihn nicht so, dafür widmet er sich mehr dem Kickerspiel. Darin bringt er es zu besonderer Meisterschaft.
Der Rock ‘n‘ Roll ist für ihn und viele seiner Zeitgenossen ein Erweckungserlebnis: „Bill Haley kam und veränderte unser Leben. Von heute auf morgen wurde das unsere Musik, und das übliche Gedudel verschwand in der Versenkung” (S. 31). Sein Freund Pierre hat eine umfangreiche Plattensammlung mit Elvis Presley, Fats Domino, Little Richard, Chuck Berry, Buddy Holly und Jerry Lee Lewis. Als Pierre dem Algerienkrieg entgegen zieht überläßt er seine Platten keinem anderen als Michel.
Neben Kicker und Rock ‘n‘ Roll bildet das leidenschaftliche Lesen das dritte Standbein Michels.
Am Ende des Bistros „Balto”, Michels Kickerparadies, gab es eine Tür mit grünem Samtvorhang, durch die zahlreiche seltsame aussehende Männer verschwanden (S. 68; zum Verschwinden später mehr), ohne dass die Kickerspieler wissen, was dahinter vorgeht. In der Popmusik jener Zeit verbleibend denkt man an „Green Door” von Jim Lowe:
„Green door, what's that secret you're keeping? ......
Wish they'd let me in
So I could find out what's behind the green door.”
Die Leser werden etwas auf die Folter gespannt, aber dann entpuppt sich alles als harmlos: im Hinterzimmer wurde Schach gespielt. Dort traf sich der Club der Optimisten.
 Es sind Emigranten vor allem aus dem Ostblock, die alles hinter sich gelassen haben um im Westen neu anzufangen. Oft kamen sogar Jean-Paul Sartre und Joseph Kessel ins Hinterzimmer.
Michel wird im Club geduldet und die Leser lernen einige der erstaunlichen Schicksale der Optimisten kennen.  Trotz bester Ausbildung sitzen sie in Paris fest. Emigranten hatten es zu keiner Zeit und kaum einem Land leicht. Doch immerhin fristen Igor, Leonid und alle anderen unbhelligt ihr Leben nach den Motti: „Du bist am Leben, nutze es aus, um zu leben” (S. 86) und „Man darf nicht nörgeln, wenn man es so gut hat, das ist eine Beleidigung derer, die nichts haben” (S. 117). Das Bestreben der Emigranten: sie wollen Papiere erhalten um nicht bei Kontrollen festgenommen zu werden. Sie wollen die Vergangenheit hinter sich lassen und arbeiten (S. 130).
Dann taucht Sascha auf und freundet sich mit Michel an, dem  Club der Optimisten gilt er aber als Persona non grata. Warum, das erfährt man erst ganz am Ende des Romans.
Natürlich freundet sich Michel auch mit Mädchen an. Da ist zuerst Celine, die Freundin seines älteren Bruders Franck, die von jenem verlassen wurde. Ohne sich zu verabschieden meldete er sich zum Kriegseinsatz für Algerien. Michel lernt Camille kennen, verliebt sich, aber ihre Familie wandert nach Israel aus. Nur Camille kann ihre Liebe retten, meint Michel in typischer Verblendung des Verliebten. Wenn Camille sich durchs Abitur durchfallen ließe, müßte sie es nachholen und könnte mindestens noch ein Jahr in Paris bleiben. „Wenn sie wollte, daß wir nicht getrennt wurden, wußte sie, was sie zu tun hatte. Die Entscheidung lag in ihrer Hand. Ihre Eltern oder ich” (S. 618).
Neben Michels Erkundung des Lebens in der Großstadt Paris und dem Schicksal der Emigranten bildet die Familienverbindung der Marinis mit den Delaunays die dritte Handlungsebene. Die wohlhabende, französische Mutter kam auf sonderliche Weise zum italienischen Vater. Seitdem reibt sich in dieser Verwandtschaft das französische Großbürgertum mit dem italienischen Proletariat.
Das alles spielt sich vor dem sehr präsenten Algerienkrieg ab. Ähnlich wie sich unter den Emigranten Kommunisten und Antikommunisten gegenüber stehen und trotzallem gemeinsame Interessen vertreten, trennen die verschiedenen Positionen bezüglich der französischen Kolonien die Franzosen. Der Zeitgeist der Fünfzigerjahre mit dem dominanten Existentialismus von Albert Camus und Jean-Paul Sartre und der  Rock ‘n‘ Roll als Ausdruck des Protests der Jugend bilden den Hintergrund. Der „Club” ist also Entwicklungsroman, aber auch Familienroman und ein Roman über das Paris in den späten 50-ern und frühen 60-ern.
Durchgehend im Werk wird das Verschwinden manigfaltig praktiziert und durchgespielt. Meist verschwindet jemand aus seinem Umfeld ohne sich zu verabschieden oder auch nur seine verlassenen Mitmenschen zu benachrichtigen. Sogar Michels Vater wird der Familienzwistigkeiten überdrüssig und verläßt seine Familie kommentarlos. Michel klagt: „Ohne Vorwarnung hatte er mich aus seinem Leben gestrichen. Um mich herum war Wüste” und „Man trennt sich doch nicht von den Menschen, die man liebt. Ich fiel in einen tiefen Brunnen, und es war niemand da, an dem ich mich festhalten konnte” (S. 466). Der Brunnen war so tief, dass Michel seinen Freitod plant, bis er merkt, dass er seinen Ausweis nicht dabei hatte, keiner würde ihn identifizieren können. „Um Schluß zu machen, muß man seinen Ausweis bei sich haben. Sonst ist es völlig witzlos” (S. 467).
Wir alle hatten Glück, ansonsten gäbe es diesen Roman nicht.
Die Klammer des Romans bildet das Verschwinden in seiner radikalsten Form. Der Roman beginnt mit „Heute wird ein Schriftsteller beerdigt” (S. 9). Bei dieser Beerdigung Sartres auf dem Friedhof Montparnasse trifft Michel ein Clubmitglied. Die Ereignisse ab Oktober 1959 kommen wieder hoch und enden mit einer Beerdigung. Der Roman schließt (abgesehen von einem Dante-Zitat) mit: „Nach Saschas Beerdigung wurde das Wetter schön, und der Sommer begann” (S. 685).
Verblüffend, wieviel Aktualität der Roman mit sich bringt. Zieht man Parallelen zu heutigen Flüchtlingsschicksalen, wird bewusst, welch Optimismus nötig ist um beispielsweise als ausgebildeter Arzt in der Emigration nachts Taxi zu fahren. Doch immerhin: sie konnten arbeiten, was heutigen Flüchtlingen oftmals verwehrt wird. Wie schnell man unter Josef Stalin zur Flucht gezwungen wurde erklärt Igor so: „Bei uns ist ein Verdacht eine Gewißheit. Das ist die Grundlage des Systems. Du bist schuldig, weil man dich verdächtigt” (S. 133). Mit dem Gefährderstatus sind wir derzeit auf bestem Wege Stalin einzuholen.
Der Romantitel bringt das alles auf den Punkt:  Club der unverbesserlichen Optimisten.
Wer Action erwartet, wie sie oft in Gangsterfilmen, gerade französischen, jener Zeit abspult, wird enttäuscht. Es gibt keinen Knaller (sieht man von der Auflösung zum Mobbing Saschas ab), aber viele Denkanstösse zur Lebensplanung und ob und wie man Gelegenheiten beim Schopf packt. Trotzdem ist immer was los und das Erwachsenwerden Michels Marinis steht dem von Holden Caulfield (siehe Jerome D. Salinger, Guenassia Links) keineswegs nach.
Gekonnt wechselt Guenassia zwischen ruhiger Detailbeschreibung und Skizzierung weiterer Abläufe in knappen Sätzen. Die letztgenannte Technik bringt er besonders an den Kapitelabschlüssen virtuos zur Meisterschaft.
Zwei Beispiele:
  • Michel entschuldigt gedanklich Franck, der seine geliebte Celine sitzen ließ. Franck müsse nachdenken, jedes Wort seiner Antwort abwägen, deshalb ließ der Erklärungsbrief auf sich warten. Doch er kommt nicht. „Die Monate vergingen. Liebe und Revolution sind wohl unvereinbar. Er hat ihr nie geschrieben” (S. 204).
  • Nachdem Camille nach Israel ausgewandert war, versank Michel in Wut und Resignation. „Ein vom Nordpol kommendes Tief beschwerte uns den Winter. Der Himmel war schwarz. Es goß in Strömen. Dieses Wetter kam mir wunderbar zupaß” (S. 604).
Guenassias verhaltener Stil erscheint allerdings gewöhnungsbedürftig. Wie andere Leser (siehe Besprechungen im Web) brauchte ich drei Leseanläufe. Zu verästelt sind die Handlungsabschnitte, zu verzweigt die Personen. Doch dann zog ich die knapp 700 Seiten in wenigen Tagen mit Genuss durch.
Guenassia läßt auch Humor und zahlreiche Witze einfließen.
  • Bekanntlich fällt eine Marmeladenschnitte scheinbar naturgesetzlich immer auf die Butter/Marmeladenseite. Wenn nicht, dann – so Igor – „hast du sie auf der falschen Seite mit Butter bestrichen” (S. 410).
  • Leonid kannte Stalin persönlich (behauptete er zumindest). Stalin fragte ihn einst, ob er Witze über ihn kenne und damit kam Leonid in ein ähnliches Dilemma wie einst Boris Pasternak (siehe Guenassia Links). Sagte er „ja”, musste er damit rechnen sofort erschossen oder verbannt zu werden, sagte er „nein” würde ihm Stalin nicht glauben (S. 299).
  • Viel zu ernst, aber thematisch hier passend: auch Sascha gerät in ein ähnliches Dilemma. Er soll zu seinem inhaftierten Bruder verhört werden. „Nichts auszusagen wäre der Beweis, daß ich ein Komplice der Verschwörung war. Ein Bruder ist schuldig, weil er der Bruder ist. Auszusagen würde heißen, von der Verschwörng zu wissen und meine Schuld anzuerkennen” (S. 675).
Der auktoriale Ich-Erzähler kann sich Übertreibungen, ja sogar Widersprüche leisten, ohne dass diese auf den Autor zurückfallen. Michel beschreibt sein Eintreten hinter den grünen Samtvorhang so: „Mit klopfendem Herzen trat ich vorsichtig ein. Es war die größte Überraschung meines Lebens. Ich war in einen Schachclub geraten” (S. 79). Doch einen Absatz später widerspricht er sich: „Die Überraschung war nicht der Schachclub, sondern daß ich Jean-Paul Sartre und Joseph Kessel im verrauchten Hinterzimmer dieses Bistros für das einfache Volk zusammen spielen sah” (S. 79).
Wenn man – wie ich – Original und die Originalsprache nicht kennt kann man eine Übersetzung kaum sachgerecht beurteilen. Wie dem auch sei, ich finde das Flair der Sprache des Romans in der Übersetzung von Eva Moldenhauer wunderbar. Besonders ohrenfällig wird das in den genialen Kapitelabschlüssen wie oben schon belegt.
Bei kleineren Fehlern kann ich nicht entscheiden, auf wessen Kappe sie gehen: Autor oder Übersetzerin?
  • Clark Gabel (S. 279) ist selbstverständlich Clark Gable.
  • An einer Stelle scheint (beim Autor oder der Übersetzerin) eine bei Amateuren häufig vorkommende Verwechslung von Patt und Remis vorzuliegen. Gegen den mit Abstand besten Spieler im Club Leonid verloren alle: „Ein Patt gegen ihn zu erreichen galt als Glanzleistung” (S. 246). Gerade gegen schwächere Spieler wird Leonid wohl nie auf ein Patt hereinfallen, sondern er wird allenfalls ein Remis anderer Art (zu wenig Material zum Mattsetzen, Dauerschach) hinnehmen müssen. Vor diesem Hintergrund ist auch die andere Aussage zu Leonids Spiel zu bezweifeln: „Auch wenn er [Leonid] sich in einer schwierigen Lage befand oder viel getrunken hatte, gelang es ihm, sich mit einem Patt aus der Affäre zu ziehen” (S. 302). Wiederum gilt: ein Patt kann selbst ein starker Spieler selten erzwingen (zumal seine schwächeren Gegner wohl selten so große Materialüberlegenheit herausholten, dass Leonid an ein Pattfalle basteln konnte). Leonid wird sich wohl in ein Dauerschach oder anders zum Remis gerettet haben.

Schachpartien im Club der unverbesserlichen Optimisten
Zwei Partien werden im Club der unverbesserlichen Optimisten explizit genannt.

Ossip Bernstein – Savielly Tartakower, Paris 1937 (S. 432–436)
Leonid hat gegen seinen Gegner eine Stellung ähnlich wie in Bernstein – Tartakower, Paris 1937, erreicht (Sascha zu Michel, S. 436) und kündigt ein Matt in drei Zügen an (S. 432), egal, was sein Gegner zieht. Darauf werden Wetten abgeschlossen, Leonid notiert die Gewinnzüge und läßt sie von Michel ausführen. Die Leser müssen annehmen, dass die von Sascha genannte Vergleichspartie nur das Muster für Leonids Abschlusskombination abgab, da die Konversation nicht ganz zum historischen Spielverlauf passt. Hier ist er:
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11

e4
Sf3
d4
dxe5
Lc4
Lxe6
De2
Db5+
Sd4
Dxb7
c3
e5
d6
Sf6
Sxe4
Le6
fxe6
d5
Sc6
Dd7
Lb4+
Sxd4
Tartakower
12
13

Dxa8+
Dxh8
Kf7
Db5 0-1

Die zweite explizit benannte Partie wird im Roman zur Grundlage eines geplanten Wettschwindels:

Mikhail Botvinnik – Alexander Konstantinopolsky, Sverdlovsk 1943 (S. 486ff)

Michel spielt mit Weiß die Gewinnpartie Botvinniks nach, die Bistrobesucher wetten (da sie davon ausgehen es sei eine faire Partie) auf Leonid mit den schwarzen Steinen. Doch irgendwo kamen die Züge durcheinander. In der historischen Partie rochiert Weiß im 17. Zug, im Roman machte Michel im neunten Zug die kleine Rochade (S. 494).
Botvinnik
Im 38. Zug spielte Botvinnik Sxb5 und Michel machte es ebenso (S. 495).
Botvinnik
Im 40. Zug zog  Konstantinopolsky Tf1, aber Leonid wich ab. Stattdessen „setzte er seine Dame auf c6” (S. 496). Zu diesem Zeitpunkt sind aber – wie man im Diagramm sieht – keine Damen mehr am Brett.
Die Partie endete wie folgt:
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52

...
Se2
Ke5
Kxd4
Sc3
Te2
Sxe2
Ke5
Sd4
Sxf5
Sg7
f5
Se6+

Tf1
Te1
  d4
Kg6
Kh5
Txe2
Kg4
Lc8
  h5
Ld7
La4
Kg5
1-0
Guenassia hatte anscheinend eine andere Partie zum Vorbild.

Wer sich in den Roman einliest und dranbleibt, auf den warten viele Stunden anspruchsvoller und anregender Unterhaltung. Ob er dann das von Sascha empfohlene „Romeo und Julia” von Sergej Prokofjew anhört (S. 683) oder die Rock ‘n‘ Roller krachen läßt, bleibt jedem selbst überlassen. Die optimistische Lebenseinstellung wird durch die Lektüre in jedem Fall geweckt oder verstärkt werden.
Links
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