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Maupassant
Guy de Maupassant: Stark wie der Tod
[Fort comme la mort] Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2013. Gebunden, 295 Seiten. Hermann Lindner: Nachwort, Caroline Vollmann, Übs. – Guy de LinksGuy de Literatur
Der alternde Maler Olivier Bertin hat eine Malblockade: er sucht nach neuen Motiven und neuer Inspiration. Mit der verheirateten Madame Any de Guilleroy hat er seit langem ein Verhältnis, das der Ehemann zumindest ahnend akzeptiert. Graf de Guilleroy, normannischer Adel, ist Abgeordneter und interessiert sich nur für Politik und Landwirtschaft. Er hegt kaum Verdacht, empfindet keine Eifersucht und ist gut Freund mit dem Maler (S. 50)
Da kommt Anys Tochter Annette aus der Provinz nach Paris. Zwischen Jugend und junger Frau stehend erinnert sie Olivier an die junge Any. Er verliebt sich in die Tochter. Das wird verstärkt als die Mutter Anys stirbt und Annette dem Maler in Trauerkleidung Modell sitzt: so hatte er sich auch einst in Any verliebt.
Any erkennt sofort, dass ihr Geliebter sich der Tochter zugewendet hat, Olivier will es sich nicht eingestehen. Seine anfängliche Blockade war nicht nur künstlerischer Art: auch seine Beziehung zu Any war trotz allen Beteuerungen abgeflacht.
Für Annette ist aber bereits der reiche Marquis de Farandel als Ehemann erkoren. Olivier glaubt geheimnisvolle und heilige Rechte an Annette zu haben. Daher empört er sich anfangs gegen den Marquis, der ihm seine geheimnisvollen und heiligen Rechte an Annette streitig machen will (S. 170). Er wird grausam gequält vom Gedanken, dass Annette den anderen heiratet, wie ein Kettenhund will er losheulen, er wird von einem tierischen Verlangen gepackt (S. 228), „er fühlte die Unruhe eines rasenden Tieres in sich” (S. 233). Nach etlichen Aussprachen mit Any scheint sich Olivier zu fügen. Um weiter Annette nahe zu sein arrangiert er sich.
Die Beziehungen zu Damen der Gesellschaft werden als ganz normal empfunden und mancher wirft die Namen der Geliebten durcheinander. Marquis de Rocdiane treibt es mit seinen Mätressen auf die Spitze und fordert daher: „Man sollte sich angewöhnen, alle Frauen »Sophie« zu nennen” (S. 87). Etwa 50 Jahre nach Erscheinen des Romans sang Horst Winter, vom Orchester Benny de Weille begeleitet: „Ich nenne alle Frauen »Baby«” (1942).
Mit dem Maler Olivier Bertin als Hauptperson fügt sich Stark wie der Tod in die Reihe grosser Malerromane ein. Es ist auch der Roman einer Dreiecksbeziehung und eines Doppelwesens: für Olivier gleicht Annette exakt der jungen Any. Vor allem ist es auch ein Roman des Alterns. Bertin erkennt, dass er alt ist und gegenüber dem Marquis de Farandel keine Chance hat. Mit jedem Pendelschlag der Uhr wird er auf die Vergänglichkeit der Zeit hingewiesen (S. 241). Nichts kann man bewahren und man muss die Zeit in jedem Augenblick genießen (S. 160).
Aber er muss auch erkennen, dass er in seinem Künstlerdasein zu einer vergangenen Epoche zählt. Auch Ruhm (und gerade dieser) ist vergänglich.
Schach
Oliver Bertin spielt nach dem Abendessen – bezeichnenderweise mit dem Bankier – Liverdy eine Partie Schach (S. 200).
Wie in Fontanes Schach von Wuthenow haben auch in Stark wie der Tod die Salons und die dort geführten Gespräche einige Bedeutung, wenn sie auch mehr im Hintergrund bleiben. Einmal erkennt Monsieur de Musadien die erstaunliche Wahrheit: „Kriege werden in dieser Welt nur für den Frieden geführt” (S. 55).
Charles Gonoud: Faust
Das späte 6. Kapitel im 2. Teil widmet sich einem Besuch der Oper von Charles Gonoud: Faust (dt. Titel Margarethe). In Goethes Faust, Grundlage für die Oper, begehrt Faust – wie der Maler Bertin – Jugend und Liebe. Zweimal zitiert Maupassant wörtlich die drei Zeilen aus der Oper:
„Ein Wunsch mich beseelt,
Der Alles vereint.
So höre: die Jugend!”
Als Bertin kurz nach dem Opernbesuch erkennt, dass die Jugend nicht wieder erreichbar ist, greift er zur schärfsten Waffe: er sucht und findet den Freitod. Der Freitod nach Erfüllung der Wünsche oder ihrer Negierung ist eine übliche Metapher in der Literatur um die Protagonisten aus dem geschehen zu entfernen. Oft wird das mit Hilfe eines Fahrzeugs (man denke an Anna Karenina) bewerkstelligt.
Stark wie der Tod
Der Titel des Romans geht auf das Hohelied aus dem Alten Testament zurück:
„Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flammen.”
Hoheslied 8,5
Allerdings erweist sich die These, dass die Liebe stark wie der Tod sei, als falsch. Der Tod erweist sich in diesem Roman als stärker. Die Bibel hat nicht immer recht.Bibel .
Das Alter eines berühmten Malers und begünstigten Liebhabers wird in Stark wie der Tod jäh beendet. Als Olivier Bertin die Unausweichlichkeit der Vergänglichkeit der Jahre und der Liebe erweist sich seine Liebe zu Any und Annette nicht so stark wie der Tod: der Tod ist stärker, es ist seine Wahl. – Die neue Ausgabe bei der Edition Büchergilde ist von Jim Avignon ausgezeichnet bebildert und rundherum empfehlenswert.
Fort comme la mort erschien 1889, die deutsche Ausgabe erstmals 1918.
Vergleichsliteratur
Paul Bourget: Le Fantôme (1901)
Maupassant Theodor Fontane: Schach von Wuthenow: Erzählung aus der Zeit des Regiments Gensdarmes
Ford Madox Ford: The Good Soldier
Ford Madox Ford schrieb, er hoffe „to do for the English novel what in Fort comme la mort Maupassant has done for the French”. Ford bewunderte an  Fort comme la mort die geschickte Behandlung der Affäre, die allmähliche und delikate Entwicklung. Die Behandlung der latent explosiven Situationen in The Good Soldier gleicht der in Fort comme la mort, die Handlung ist anders. (Huntley 1967, S. 135)
Maupassant Hanns-Josef Ortheil: Im Licht der Lagune
Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Eine Tragödie
Links
Guy de Maupassant: MaupassantGutenbergMaupassantWikipedia
MaupassantCharles Gonoud: Faust
MaupassantGoethes Faust
Maupassant Schach in der Literatur
Literatur
Bendner, Todd K. (1962): „The Sad Tale of Dowell: Ford Madox Ford’s “The Good Soldier””. Criticism 4:4, S. 353-368.
Havens, George R. (1921): „Review: Flaubert and Maupassant: A Literary Relationship by Agnes Rutherford Riddell”. Modern Philology 18:11, S. 617-619.
Huntley, H. Robert (1967): „»The Good Soldier« and »Die Wahlverwandtschaften«”. Comparative Literature 19, S. 133-141.
Moore, Olin H. (1918): „Literary Relationships of Guy De Maupassant”. Modern Philology 15:11, S. 645-662.
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Maupassant
MaupassantGuy de Maupassant: Stark wie der Tod. Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2013. Gebunden, 295 Seiten. Hermann Lindner: Nachwort, Caroline Vollmann, Übs. Maupassant
Guy de Maupassant: Stark wie der Tod. Zürich: Maness, 2001. Gebunden, 400 Seiten. Hermann Lindner: Nachwort, Caroline Vollmann, Übs. Maupassant
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MaupassantGuy de Maupassant: Stark wie der Tod. CreateSpace Independent Publishing Platform, 2012. Taschenbuch, 200 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 31.10.2013