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Bruller
Vercors: Das Schweigen des Meeres. Erzählungen
[Le Silence de la mer et autres récits]. Übs.: Kurt Stern, Günther Grübel, Ulrich Friedrich Müller
Leipzig: Reclam, 1977. Taschenbuch, 75 Seiten – Vercors LinksVercors Literatur

Die dieser Besprechung zugrunde liegende Reclamausgabe von 1977 hat diesen Inhalt:
  • Das Schweigen des Meeres
  • Ohnmacht
  • Das Pferd und der Tod
  • Die Druckerei von Verdun
  • Nachwort von Ulrich Ricken
Das Schweigen des Meeres
Während des Krieges (die Erzählung entstand 1941) quartiert sich der deutsche Offizier Werner von Ebrennac in einem Haus in der Nähe von Chartres bei einem Onkel und seiner Nichte ein. Während er beim allabendlichen Anwärmen in deren Stube über das deutsch-französische Verhältnis plaudert schweigen die beiden wie das Meer. Sie wollten nichts an ihrem Lebensablauf ändern, so als gäbe es den Offizier nicht. Er respektiert dies, kommt aber jeden Abend wieder in ziviler Kleidung. Der Onkel stellt einmal ihre Abmachung in Zweifel: „Es ist vielleicht unmenschlich, ihm das Almosen eines einzigen Wortes zu verweigern.” Stumm macht sie ihm deutlich, dass sie an ihrer Schweigeabmachung festhalten will.
Mit dem Verweis auf die großen Dichter und Komponisten versucht sich von Ebrennac zu entschuldigen. Wenn Deutschland mit Frankreich vereint ist, so träumt er, wird die Sonne über Europa erscheinen. Als von Ebrennac seine Lebensgeschichte erzählt kommt er auch auf seine Freundin zu sprechen, die sich bei aller deutschen Humanität als grausam gegenüber Tieren erwies. Nach einem Besuch in Paris erkennt der Offizier, dass seine Visionen ungerechtfertigte Illusionen sind: die Deutschen sind Verbrecher. Von Ebrennac läßt sich an die Front versetzen: dort ist die Hölle, aber die scheint ihm gegenüber dem Geist der Nazis vorzuziehen zu sein.
Das Tier und die Schöne (La Belle et la Bête), im Deutschen unter Die Schöne und das Biest und Tausendschön bekannt, dient in der Erzählung als vielfach auslegbare Metapher. Wenn beispielsweise die Schöne Frankreich repräsentiert und das Biest Deutschland, dann wird das Biest am Ende durch die Liebe der Schönen zurückverwandelt in den schönen Prinzen.
Das Motiv kommt bereits in der Bibel vor.
Jiftach (Jeptha) gelobte Gott, wenn dieser ihm die Ammoniter übergäbe und er von diesem Sieg wohlbehalten nach Hause käme, „dann soll, was immer mir (als Erstes) aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören und ich will es ihm als Brandopfer darbringen” (Richter 11,32). Jiftach schlägt die Ammoniter vernichtend, doch zu Hause kommt ihm nicht sein Hund, sondern seine einzige Tochter entgegen. Nach einer zweimonatigen Karenzzeit tat er mit ihr, was er gelobt hatte (Richter 11,39).
Ohnmacht
Als Renaud Holande vom Erzähler erfährt, dass ihr gemeinsamer Bekannte Bernard Meyer in einem Lager in Schlesien umgekommen sei verzweifelt er am Leben. Wenn die Menschen so niederträchtig sind, was soll dann die Poesie, die Philosophie? Der ganze Plunder ist nur Heuchelei. Er will all sein Hab und Gut verbrennen. Der Ich-Erzähler kann ihn gerade noch abhalten. Im letzten Absatz sinniert er, dass er die Freude an der Lektüre verloren hat, er kann die Schätze der Kunst nicht mehr ruhigen Herzens genießen. Und trotzdem: nur die Kunst verhindert, dass er auch verzweifelt. Die Kunst und das uneigennützige Denken geben dem Menschen die Würde zurück.
Das Pferd und der Tod
In geselliger Runde werden Geschichten zum Besten gegeben.
In einer Art Studentenstreich wird ein Pferd ausgespannt und in einer einsamen Starße einem Portier in den Hausgang gestellt. Sie rufen „Phee–heerd” und nehmen Reißaus.
Die zweite Geschichte handelt von Hitlers erstem Auftritt in einem Haus in Paris. Die in aller Früh herausgeklopfte Wächterin erblickt erschrocken Adolf, als wäre es der Teufel oder der TOD mit einer Sense.
Diese allegorische Gegenüberstellung ist sehr wirkungsvoll.
Die Druckerei von Verdun
In der Druckerei von Verdun arbeitet der Chef mit einem jüdischen Angestellten. Der Chef ist ein antisemitischer Mitläufer und für die Kollaboration Frankreichs mit den Nazis. Seinem Angestellten verhilft er zu Flucht. Er verspricht ihm, dass seiner Frau und den Kindern nichts passieren wird. Doch er kann nicht verhindern, dass diese verschleppt werden. Erst da erwacht er und will sich dem Widerstand anschließen. Doch es ist zu spät.
Eine sehr bedrückende Geschichte, die signalisiert: mit dem Widerstand kann man nie zu früh anfangen.
Vier eindrucksvolle Geschichten aus dem Frankreich unter der Naziherrschaft. Wann muss man Widerstand leisten? und Wie?, das sind die beiden Fragen, die verhandelt werden.
Verfilmung
Le silence de la mer – Regie: Jean-Pierre Melville – F 1947
Vergleichsliteratur
Bruller Wladimir Korolenko: "Die Gefangenen", in: Das Paradox. Erzählungen
Bruller Michael Wallner: April in Paris
Links
BrullerDas Schweigen des Meeres (frz. Le silence de la mer) 
BrullerDie Schöne und das Biest (Original: französisch La belle et la bête), dt. auch Tausendschön
BrullerVercors: Das Schweigen des Meeres – Perlentaucher
BrullerAnna-Selina Sander: „Vercors: Das Schweigen des Meeres”, 2003
Brullerzapatoo_tiger: Vercors - Das Schweigen des Meeres, 14.7.2008 
Bruller Kurzgeschichtenanthologien, Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen dazu 
Literatur
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Vercors SchweigenVercors: Das Schweigen des Meeres. Mit einem Essay von Ludwig Harig. Zürich: Diogenes, 2002. Taschenbuch, 144 Seiten. Karin Krieger, Übs. Vercors
Vercors: Das Schweigen des Meeres. Zürich: Diogenes, 2002. Karin Krieger, Übs. Hörbuch, 2 CDs, gelesen von Hans Korte. Vercors
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