Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Conrad
Joseph Conrad: The Secret Agent
London: Collector’s Library, 2005. Gebunden, 335 Seiten – Joseph LinksJoseph Literatur
Mr. Adolf Verloc betreibt zusammen mit Mrs Winnie Verloc, deren Mutter und seinem Schwager Stevie einen Krimskramsladen in Soho, London. Das Geld für den Laden hatte er von Winnies Mutter erhalten (sie hat noch ein Mietshaus). Dafür heiratete Adolf die Tochter und nahm die kränkelnde Mutter und den geistig zurückgebliebenen Stevie in Kauf.
Im Hinterzimmer des Ladens trifft sich eine Gruppe von Anarchisten und Verschwörern. Adolf treibt ein Doppelspiel. Er spioniert die Gruppe aus und meldet an Vladimir. Eines Tages wird er zu Vladimir in die Botschaft eines ungenannten Staates in London gerufen. Der will nicht nur mehr oder minder wertlose Berichte, sondern Taten.
Mr Vladimir observed the forced expression of bewilderment on Verloc’s face, and smiled sarcastically.
“I see that you understand me perfectly.  I daresay you are intelligent enough for your work.  What we want now is activity—activity.” (Chap. 2, S. 37)
Wird aus Adolf Verloc der Mann in Havanna? Nein, Vladimir wird konkreter. Während eines Anarchistenkongresses soll auf das Royal Greenwich Observatory  ein Anschlag verübt werden. Das hinter Vladimir stehende Land erhofft sich davon eine strengeres Vorgehen Grossbritanniens gegen die Anarchoszene.
Vor diesem Hintergrund führt Conrad die kleinbürgerlichen Männer des Hinterzimmers vor. Statt der vermeintlichen staatsgefährdenden Revoluzzer ist es ein Haufen Kleinganoven.
Entsprechend dilettantisch geht Adolf beim zu planenden Anschlag auf den Nullmeridian in Greenwich, ein symbolischer Ort der Wissenschaft, vor. Vom Anschlag auf den wissenschaftlichen Ort verspricht sich Valdimir erhöhte Aufmerksamkeit.
Conrad wurde von einem tatsächlichen Anschlag auf das Royal Observatory, Greenwich, im Jahre 1894 (Joseph Links) inspiriert.
Knappe hundert Jahre nach dem fiktiven Anschlag in Conrads The Secret Agent erfolgte der Anschlag. Inzwischen stand die Wirtschaft mehr im Interesse als die Wissenschaft, folgerichtig wurde in 2001 ein Symbol der Wirtschaft ausgewählt, das World Trade Center in New York.
Adolf beauftragt als Bombenträger Stevie. Dieser stolpert noch vorm Ziel, die Bombe explodiert und zerfetzt Stevie zur Unkenntlichkeit.
Pech für Adolf: ein Kleidereinnäher (angefertigt von Winnie) übersteht die Explosion und führt Chief Inspector Heat bald auf die Spur.
Als Winnie von der Tragödie um ihren Bruder erfährt, macht sie Adolf voll verantwortlich und rächt sich. Das zunächst kopflastige Geschehen gewinnt ungemein an Fahrt.
Auf mehreren Ebenen ist The Secret Agent topaktuell.
Die Geheimdienste arrangieren auch heute Anschläge und Terrorakte um Staaten auf von ihnen gewünschte Linie zu bringen. So verübte 1978 der BfV einen Sprengstoffanschlag auf das Gefängnis in Celle (siehe Archiv bis inklusive 2001 zur Arbeit der Geheimdienste Deutschlands, unter Joseph Links). Man wird sich fragen müssen, inwieweit bei anderen Anschlägen skrupellose Geheimdienst und deren politische Auftraggeber dahinterstecken um ihr Süppchen zu kochen. Auch in Deutschland wird nach jedem Attentat reflexartig nach Verschärfung der Gesetze gerufen. Doch dass man nicht für alles vorsorgen kann, ist eigentlich klar: "there are more kinmds of fools than one can guard aginst" (Chap. 4, S. 91).
Vladimir beruft sich auf das Sprichwort: "prevention is better than cure" (Chap. 2, S. 39). Dieses Sprichwort leuchtet vielen ein und wird für die Akzeptanz der ständig wachsenden Überwachung gerne herangezogen
The Secret Agent wirft auch zahlreiche moralische Fragen auf. Verwerflich erscheint insbesondere die Instrumentalisierung seines Schwagers für die kritische Mission.
Zeitgerecht für das Erscheinen von The Secret Agent werden auch Fragen des Sozialdarwinismus erörtert. Irgendwie muss auch der dümmste Terrorist seine Taten begründen.
Stil
Conrads Stil ist kunstvoll. Wer – wie ich – den Roman in Englisch liest muss sich auf einen umfangreichen Wortschatz gefasst machen. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass für Conrad Englisch ide Zweitsprache war: er wurde in Polen geboren.
Hörbuch
Ich hörte The Secret Agent mit Peter Joyce als Vorleser (2011). Peter Joyce ist als Erzähler makellos. Er schien mir so perfekt, dass ich weitere Hörbücher mit ihm auf meine Wunschliste setzen wollte. Den wörtlichen Reden der Protagonisten gibt er je eine eigene Stimme.
Doch hier setzt meine Kritik ein. Etwa der Hälfte dieser Personen gibt er eine ähnliche Stimmfärbung. Daran ist wenig zu mäkeln, wohl kein Sprecher hat 20 verschiedene Stimmen drauf. Doch er spricht diese Personen mit tiefer, knarriger, zumindest am Satzanfang stotternder Stimme. Das wäre für eine Figur mit wenig Stimmanteil hervorragend – da unverwechselbar –, nicht aber wenn er die Hälfte der Personen zu Stotterern macht.
Conrad liefert am Ende des 12. Kapitels einen wunderbaren Abschnitt
zum Conrad Motiv: Umherirren in der Stadt in der Literatur.
Der Plot aus The Secret Agent erweist sich als Prophetisch für unsere Zeit. Dazu kommen die alltäglichen Charaktere, die Conrad spannend ausformuliert und verwebt.
Man muss freilich die (englische) Sprache lieben um Conrads genau beobachtete Sätze voll genießen zu können. Und vielleicht muss am The Secret Agent ein zweites Mal lesen um nicht von der Handlung abgelenkt zu werden und sich ganz auf Sprache und Charakterisierung konzentrieren zu können.
Links
ConradJoseph Conrad
ConradThe Secret Agent
ConradDer Geheimagent
ConradThe Secret Agent by Joseph Conrad
Online Text: ConradenglischConraddeutsch
ConradAlexander Cammann: Wer bombt wofür? Joseph Conrads Klassiker "Der Geheimagent", 7. Juni 2017.
ConradEike Schmitz: Conrad, Joseph – Geheimagent, Der 8. November 2005
ConradThe real story of the Secret Agent and the Greenwich Observatory bombing, The Guardian
Conrad Archiv bis inklusive 2001 zur Arbeit der Geheimdienste Deutschlands
Conrad Motiv: Umherirren in der Stadt in der Literatur
Literatur
Berthoud, Jacques (1996): „The Secret Agent”. In: Stape, J.H. (1996): The Cambridge Companion to Joseph Conrad. Cambridge: Cambridge UP. S. 100-121.
Casler, Lawrence (1989): „Images of Conrad’s Father in The Secret Agent”. The International Fiction Review 16:1, S. 39-41.
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Agent ConradJoseph Conrad: The Secret Agent. London: Penguin, 1994. Tachenbuch
Agent
Joseph Conrad: The Secret Agent. The Secret Agent Hörbuch – Ungekürzte Ausgabe
Sprecher: Peter Joyce. 11 Stunden und 47 Minuten.  Conrad
Conrad ConradJoseph Conrad: Der Geheimagent. Diogenes, 1975. Günther Danehl, Übs. Taschenbuch, 336 Seiten
Conrad
Joseph Conrad: Der Geheimagent. Anaconda, 2013. Ernst W. Freißler, Übs.  Gebunden, 384 Seiten Conrad
Conrad ConradJoseph Conrad: Der Geheimagent. Eine einfache Geschichte. CreateSpace, 2016. Ernst W. Freißler, Übs. Taschenbuch, 230 Seiten Conrad
Joseph Conrad:  Der Geheimagent. Zürich: Manesse, 2007. Fritz Lorch, Übs. Gebunden, 480 Seiten Conrad
Conrad Anfang

Conrad
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.8.2017