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Werber, Bernard Ameisen
Werber, Bernard: Die Ameisen
[Les Fourmis] Michael Mosblech, Übs. München: Heyne, 1994. 370 Seiten
"Während der wenigen Sekunden, die Sie brauchen, um diesen Text zu lesen,
    werden auf der Erde 40 Menschen und 700 Millionen Ameisen geboren,
    sterben auf der Erde 30 Menschen und 500 Millionen Ameisen."
Edmond Wells: Enzyklopädie des relativen und absoluten Wissens [Wells = Wilson]
Mit dieser Bemerkung auf dem Vorsatztitel beginnt der Roman Die Ameisen. In den Romantext sind immer wieder aufklärende, oft überraschende Auszüge aus dieser fiktiven Enzyklopädie eingestreut. Der zu Romanbeginn bereits verstorbene Onkel von Jonathan Wells war ein fanatischer Ameisenforscher und hinterläßt seinem Neffen ein zweispältiges Erbe. Er zieht mit Frau Lucien, Sohn Nicolas und Hund Quarzazate in das ererbte Haus Nr. 3 in der Rue des Sybarites , erhält aber einen Brief des Onkels: "Niemals den Keller betreten!" (S. 25). Leider beginnt damit zwar die Spannung, aber auch die Kolportage und Manipulation des Lesers. Den entscheidenden Befehl seines Onkels erhält Jonathan von seiner Mutter Augusta, die den Brief in ihrem Wandschrank suchen muß. Der überintelligente Edmondo war zu dumm, seinen Neffen sicher und überzeugend zu warnen: denn was anderes tut man, bei so einem Verbot? Übertreten. Nicht so Jonathan. Er hält sich zunächst daran und erst nach dem Tod seines Hundes im Keller übertritt er das Verbot.
Parallel mit dieser Fantasy-Story ist eine über das Leben in einem Ameisenstaat eingefädelt. Anfangs faszinierte mich dieser moderne Biene Maja Exkurs, doch mit dem Laufe des Buches wurden die ständigen Kämpfe zwischen den Stämmen und Stammverbänden der roten Ameisen und Zwergameisen langweilig. Wer freilich Gefallen an analogen Kämpfen von Perry-Rhodan-Typen hat, wird auch diesen Handlungsstrang goutieren.
Störrend fand ich, daß Werber in bester Fortsetzungsroman-Manier den jeweiligen Handlungsstrang an den spannendsten Stellen abbricht. Ich hoffe, daß die wichtigen Informationen über das Leben der Ameisen korrekt sind, beispielsweise die faszinierene absolute Kommunikation. Durch Antennenvereinigung können zwei oder drei (S. 124) Ameisen Gedanken (vorausgesetzt, sie haben welche) austauschen und zu einem Gedächtnis verschmelzen. Doch die Vermenschlichung der Insekten hat bedenkliche Auswüchse. Ich meine kaum, daß Ameisen über ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen in die Vergangenheit verfügen.
  • Obwohl der Ameisenstamm Bel-o-kan 18 Millionen Bewohner hat (S. 13) haben die Ameisen-Protagonisten zwei- und dreistellige Nummern als Namen, die Nr. 103 683 ist schon ein Ausreißer (siehe Glossar S. 368-69).
  • Lucie entdeckt die Spuren des getöteten Hunds Quarzazate im Keller hinter einer abgeschlossenen Tür (S. 133). Vielleicht ist es dem "normalen" Leser egal, ich wunderte mich, wie dieser Zwergpudel (!) die Türe öffnete.
  • Unerklärlich war mir auch, wie die Ameisen große Tiere, beispielsweise einen Maulwurf (S. 134), überblicken können. Man stelle sich einen Mensch vor, der an das Ufer des Bodensee kommt und sofort weiß: Ah, ein Binnensee!
Einleuchtende Vergleiche ("Die Pheromone, die den Ameisenhaufen als globale Informationen durchfluten, entsprechen dem weltweiten fernsehen von heute" [S. 185]), wechseln mit falschen Informationen: Darwin wird wegen seiner Theorie der Vorherrschaft zum Besten hin getadelt (S. 186); diese hat er nie vertreten. Es ist ärgerlich, das die Selektion der Evolutionstheorie immer wieder falsch wiedergegeben wird. Auch die Speichertheorie des menschlichen Hirns ist falsch: "...wenn dieser Speicher voll ist, wird automatisch aussortiert" (S. 209). Der Speicher ist nie voll und es wird ständig aussortiert.
Gefallen hat mir Werbers Kurzfassung des Werdegangs von Berufssoldaten
"Die jungen Menschen verbachten dort schwere Jahre, ihre Erziehung war von zahlreichen Fußtritten in den Hintern geprägt. Sie wurden größer, und sie wurden härter. Die meisten von ihnen wurden anschließend Berufssoldaten." (S. 176)
Da Werber die Exkursionen in den Keller und nicht Wiederkehr aus dem Keller zu oft wiederholt, wird die Spannung eher abgebaut. Die Erwartungshaltung wird überzogen. Die Lösung konnte mich nicht mehr befriedigen. Wer endlose Kämpfe zwischen Ameisen und anderen Tieren mag, kann's lesen, ansonsten empfehle ich stattdessen edward wilson Bert Hölldobler, Edward O. Wilson. Ameisen. Die Entdeckung einer faszinierenden Welt
Edmond Wells ist wohl eine Alliteration und Verneigung vor
Edward Osbourne Wilson, * 10. 6. 19290, 1929, Birmingham, Ala., U.S. die führende Authorität für Ameisen; auch Experte für Soziobiologie, die das soziale Verhalten von Tieren und Menschen untersucht. 1971 erschien The Insect Societies, sein Hauptwerk über Ameisen und andere soziale Insekten.
Bernard Werber
* 1962 in Toulouse. Jurastudium und Journalistenschule; er schrieb sechs Jahre lang für das Wochenmagazin Le Nouvel Observateur naturwissenschaftliche Artikel.
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Werber, Bernard Ameisen   Werber, Bernard AmeisenBernard Werber. Die Ameisen. München: Piper, 2001. Taschenbuch, 370 Seiten. Bert Hölldobler Edward Wilson
Bert Hölldobler, Edward O. Wilson. Ameisen. Die Entdeckung einer faszinierenden Welt. München: Piper, 2001. Taschenbuch, 265 Seiten.Werber, Bernard Ameisen

Werber, Bernard Ameisen
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 18.7.2003