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Ringelnatz
Matthias Oesterheld: »Wir sind Freunde auf Lebenszeit«
Wasserburg und Ringelnatz, Erinnerungen an eine literarische Freundschaft

Joachim Ringelnatz [Hans Bötticher], deutscher Lyriker und Erzähler, 7. 8. 1883 Wurzen – 16. 11. 1934 Berlin
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Wer kennt ihn nicht, den Vater des Kuddel Daddeldu und  solcher Evergreenreime wie der vom armen Sauerampfer, vom nicht mehr zurückkehrenden Bumerang oder den reisenden Ameisen: den Meister obskurer Reime Joachim Ringelnatz?
Ringelnatz zählt heute zu den Klassikern des deutschsprachigen Humors neben einem Wilhelm Busch oder Erich Kästner und damit zweifellos zu den beliebtesten Dichtern des zwanzigsten Jahrhunderts.
Und doch verstellt der Blick auf den skurrilen Meister des Leichten den  auf die dunkle  sensible private Seite des Menschen Hans Bötticher, wie Ringelnatz mit bürgerlichem Namen hieß.
Das Ringelnatz-Jahr 2009 mit seinen zahlreichen Veranstaltungen und Gedenkbeiträgen, ist noch nicht lange vergangen, es erinnerte an den 75igsten Todestag dieses frech genialen Sprachakrobaten. Da gibt es erneut Gelegenheit, an Ringelnatz zu erinnern, dieses Mal an seine Freundschaft mit dem Wasserburger Schriftsteller Peter Scher und darüber an die Verbindung zu Wasserburg am Inn.
Eine Verbindung, die außerhalb der Region und auch in der literarischen Forschung  praktisch unbekannt geblieben ist und auch vor Ort selbst wissen nur wenige etwas darüber.
Nur rare sichtbare Erinnerungsspuren sind der Stadt Wasserburg erhalten, wie der Ringelnatzweg in der nördlichen Burgau, der Gedenkstein vor  dem Kreiskrankenhaus, der heute zugewucherte Ringelnatzblick oder die erhaltene Korrespondenz im Peter Scher Nachlass des Stadtarchivs. Auch  die wenigen Zeitungsartikel sind hier gesammelt, die an die Freundschaft zu dem Dichter und Schriftsteller Peter Scher und die Aufenthalte in der Inn-Stadt des kleinen Mannes, Ringelnatz war nur 1,60 m groß,  mit „dem leisen melancholischen Vogelgesicht“  so Theodor Heuss, erinnern.
Ohne diese Freundschaft hätte es wohl keine Besuche in Wasserburg gegeben. Kennen gelernt haben sich die zwei ungleichen Geistesbrüder wohl schon im Münchener Schwabing in den unruhigen Jahren vor dem ersten Weltkrieg. Peter Scher war zu dieser Zeit Redakteur in der populären Satirezeitschrift Simplicissimus, dem Sammelbecken der zeitkritischen Intelligenz. Die schier endlose Liste berühmter Namen der ehemaligen Mitarbeiter dieses Blattes liest sich wie das „Who is Who“ der literarischen Elite seiner Zeit, Thomas und Heinrich Mann, Herrmann Hesse, Frank Wedekind, Ludwig Thoma und Erich Kästner, um nur einige zu nennen. Aber auch berühmte Zeichner wie Alfred Kubin, Olaf Gulbrannson, Thomas Theodor Heine oder Georg Grosz arbeiteten für den Simpl, wie jedermann zu der Zeitschrift mit der roten Bulldogge als Markenzeichen sagte. Nach einem Prozess wegen Majestätsbeleidigung 1908 stieg die Popularität der Zeitschrift steil an und erreichte vor Beginn des ersten Weltkrieges 1914 seinen vorläufigen Höhepunkt.
Ab 1909 hielt sich auch Hans Bötticher in Schwabing auf, wo er rasch zum Hausdichter im „Simpl“, einem Künstlerlokal in der Münchener Maxvorstadt  aufstieg, das schon im Namen auf das Satireblatt anspielte. Hier verkehrten als Stammgäste viele Mitarbeiter  des Simplicissimus, aber auch die gesamte Schwabinger Künstlerboheme. Auch Karl Valentin war hier zeitweise einer der Hausdichter. In diesem Umfeld feierte Ringelnatz erste Erfolge als Kabarettist und Vortragender seiner eigenen Werke. Auch schrieb er erste eigene Beiträge für den Simplicissimus.
In diesem anregenden Umfeld lernten sich die zwei späteren Freunde kennen und schätzen. Nur am Rande sei als Anekdote vermerkt, dass Hans Bötticher, wie er noch damals hieß, dort in Schwabing für einige Monate einen Zigarrenladen erwarb, den er „Tabackhaus zum Hausdichter“ nannte, in dem er den Kunden bereits im Schaufenster anbot, von ihm „angedichtet“ zu werden. Dieser Ausflug ins Kaufmännische endete im finanziellen Fiasko. Ringelnatz blieb seinem unsteten Leben treu und verließ 1912 den Simpl und die bayrische Metropole, wurde u.a. Bibliothekar, Fremdenführer und begann eine Lehre als Schaufensterdekorateur. Nebenbei schrieb er Novellen und veröffentlichte erste Sammlungen seiner skurrilen  Gedichte. Er selbst gibt an: „Habe nach meiner Seemannszeit ca. 35 andere Berufe gehabt.“
Später in den zwanziger Jahren machte es  den beiden Verseschmieden viel Freude, sich fleißig Briefe zu schreiben und gegenseitig anzudichten.  Schers Gedichte  an den Freund entstanden allerdings erst nach dessen frühem Tod 1934. Das letzte Gedicht „Freund Ringelnatz“ sogar erst 1953 kurz vor Schers eigenem Ableben. Es betont neben den Gemeinsamkeiten aber auch die unterschiedlichen Charaktere der Freunde So heißt es in den letzten beiden Strophen: „Die kühn geschwungene Nase am Papier/schrieb er und muffelte mit seiner Schnute./er war ein wahrhaft seltner Gast, der Gute,/nur urlaubsmäßig auf der Erde hier;/man sagte drum nicht falsch und unbegründet,/er war ein Licht, an beiden Enden angezündet./
Jedoch zurück zum Anfang des Gedichts/ ich bin dem Toben nicht wie er gewachsen, / der aus dem Himmel stammte und aus Sachsen, / von seiner Zähigkeit besitz ich leider nichts;/ mich macht der Lärm…, der Lärm macht mich zu schanden./ und er, der ihn ertrug, kam uns so sehr abhanden.“
Diese Freundschaft, die auch die beiden Ehefrauen gleichberechtigt mit einschloss, hielt bis zu Ringelnatz zu frühem Tode 1934 und über seine spätere Ehefrau Muschelkalk sogar noch lange darüber hinaus bis zum Tode von Helene Scher 1958.
Nach seinem Ableben 1953 geriet der Schriftsteller Peter Scher im Laufe der Zeit völlig in Vergessenheit, nicht nur in der Öffentlichkeit, sogar in den Fachkreisen der Literaturwissenschaft. Seine Bücher wurden nicht mehr aufgelegt und sind schon lange nur noch antiquarisch zu erhalten. Auch in den wichtigen Literaten-Lexika sucht man ihn vergebens. In jüngerer Zeit hat der Germanist und Bibliothekar Michael Pilz dankenswerter Weise in zwei längeren Artikeln an Leben und Werk von Peter Scher erinnert.
Ganz anders Joachim Ringelnatz, seine Popularität scheint immer noch zu wachsen und die Anzahl der Bücher und Hörbücher ist immens. Überaus beliebt sind auch Rezitationsabende prominenter Schauspieler mit Ringelnatz Texten und Begleitmusik. Selbst seine lange wenig bekannten Gemälde und Zeichnungen wandern seit Jahren auf Ausstellungen durch die Lande und erzielen beachtliche Preise. Mehrere Strassen, Schulen und Krankenhäuser sind nach ihm benannt.  Zwei Museen, eines in Cuxhaven und das zweite an seinem Geburtsort Wurzen zeigen Dauerausstellungen. Auch die Anzahl der Sekundärliteratur über ihn und sein Werk ist schier unüberschaubar.
Aber zu Lebzeiten begegneten sich die beiden fleißigen Dichter und Erzähler auf Augenhöhe. Auch Peter Scher war in den dreißiger Jahren ein beliebter und hochgeschätzter Schriftsteller, über den es beispielhaft 1940 in einem Werbetext für sein Buch „Drollige Käuze“ heißt: „Dies Buch des eigenwilligsten unter den deutschen Erzählern ist sozusagen ein Taschenbuch der frohen Laune, anspruchsvoll, wie bei Peter Scher nicht anders zu erwarten, aber so erfüllt von Heiterkeit und Laune, dass man diese Sammlung von Meistererzählungen und fröhlichen Gedichten nur ungern wieder aus der Hand gibt.“
Auch der Schriftstellerfreund und langjährige Chefredakteur des Simplicissimus Herrmann Sinsheimer räumte Scher einen Ehrenplatz zwischen Christian Morgenstern und Matthias Claudius ein.
Und er fügt hinzu: „Wovon freilich die breite deutsche Öffentlichkeit bislang noch keine Notiz genommen hat.“ 
Entsprechend war auch sein Selbstbewusstsein, das sich durchaus mit dem gewiss nicht geringen des Joachim Ringelnatz messen lassen konnte.
1923 schreib Ringelnatz dem Freunde aus Berlin: „Guter Freund Peter! Dein Ferienbrief schmeckte wie Seeluft mit Zwanzigkräuterschnaps. In der gegenwärtigen Weltwirtschaft, die nun jeder hasst, weil die anderen nicht zu seiner, ihm bequemen Ansicht bekehren lassen, weißt du schon Graumelierter dich nicht nur jung einfühlend mit dem, was blieb und ward, zu bescheiden, sondern dankbar entdeckst du allenthalben hinter den Wolken den Himmel, die hohe unübersehbare Gerechtigkeit. Dein frommer Humor bestärkt mich in allem redlichen Vertrauen; Schöneres vermag heute niemand zu schenken!“
Im selben Jahr, mitten in einer schöpferischen Phase als malender Dichter schenkte Ringelnatz „dem alterprobten Freunde“ Peter Scher in München ein Ölgemälde, und auch bei einem späteren Anlass erwarb Scher ein weiteres Gemälde, mit denen sich Ringelnatz zwischenzeitlich auch Anerkennung in der Kunstszene als kreativer außergewöhnlicher Maler erworben hatte.
Seine Bilder  sind oft rätselhaft, düster, zeigen nicht selten Gewaltmotive oder vereinsamte Gestalten in einer endlosen Landschaft und haben so gar nichts von der Komik vieler seiner Gedichte.  Er stellte mit so bekannten Malern wie Otto Dix und Georg Grosz aus und wurde auch in bedeutenden Galerien gezeigt. Auch wenn Peter Scher selbst nicht gemalt hat, so gab es bei aller gegenseitigen Zuneigung in dieser Freundschaft durchaus auch Konkurrenzen und Spannungen.
Dies belegt das Gedicht „An Peter Scher“:
„Mein lieber Peter Scher, / horch her:/ Ich hätte dich manchmal hassen und an der Gurgel fassen/ wollen, dich, den der Ringelnatz liebt./ Weil du nicht lernst, dass es Etwasse gibt,/die gar nichts mit sich anfangen lassen./Oder weil du, der auch du mich liebst,/ das nicht zugibst./ Und gerade auf das Zugeben/ Kommt’s an im Leben./ Du bist oft an falscher Stelle zu dick./ Wir sind Freunde auf Lebenszeit./ Ich kenne deine Vergangenheit./ Und ich weiß: Im wichtigen Augenblick/ bist du ganz groß und hilfsbereit.“
Mit viel Herzenswärme, „ganz groß und hilfsbereit“ schildern auch  andere Künstlerfreunde den Menschen Peter Scher. So äußerte sich der alte Freund Peter Schers der Psychologe Kurt Seelmann: „Das Wichtigste ist das Herz, übersehen Sie nicht die große Herzlichkeit bei Scher.“
Beide sowohl Peter Scher als auch Ringelnatz feierten gern augelassen und feuchtfröhlich im Kreise der illustren Gäste und Künstlerfreunde, wenngleich Schers Depressionen ihn immer wieder zu völligem Rückzug zwang.
Diese Künstlerfeste waren auch einer der Anlässe für Ringelnatz Besuche in Wasserburg. Auch in den zwanziger Jahren schon waren beide bei der Familie Kobe in ihrem Wohnsitz Gutenberg bei Halle gerngesehene Gäste. Die Familie Kobe erwarb 1934 auf Vermittlung des Malers Karl Wähmann in Wasserburg das sog. „Hesseschlößchen“.
Der Wasserburger Maler Karl Wähmann war ebenfalls ein enger Freund des Peter Scher und wohl auch derjenige, über den Scher 1933 ins malerische Innstädtchen fand. 
Da jedoch Ringelnatz selbst bereits im Mai 1934 an TBC erkrankte, und in Berlin an den Folgen auch im November 1934 starb, können dies nicht mehr viele Besuche und fröhliche Feste im Schloss und in Wasserburg gewesen sein.
Der Literaturwissenschaftler Dirk Heiserer schreibt über diese seltenen Besuche: „Wenn Ringelnatz zu Besuch war, so erzählt Frau Kobe heute, saßen die Männer gern auf dem Platz um den Findling herum und ließen die Flaschen kreisen. Die Denkmalsetzung nach dem Tode des Freundes wurde dann, wohl ganz im Sinne des Geehrten, ebenfalls ausgiebig begossen.“ Leider existiert kein Gästebuch, das die Rolle des Schlosses der Feste dort  und seine Bedeutung als beliebter Treffpunkt der Boheme aus München und Berlin näher aufzeigen könnte.
Feuchtfröhliche Faschingsfeste und turbulente Bälle spielten schon eine große Rolle im Künstlermilieu der zwanziger Jahre. Eine der großen Leidenschaften von Ringelnatz war dabei das Verkleiden und Kostümieren. Zahlreiche Anekdoten belegen dies. Es war in München, aber nicht nur dort, durchaus üblich, in Vereinen und Gesellschaften zwischen Malern Dichtern und Musikern sich regelmäßig zu treffen, auszutauschen, zusammen zu diskutieren und zugleich ausgelassene Feste zu feiern, in denen auch viel Alkohol floss.  Auch im Meier-Bräu in Wasserburg fanden schon in den zwanziger Jahren solche „rauschende Künstlerfeste“ statt, einem stattlichen historischen Gasthof, der sich in dieser örtlichen Künstlerszene großer Beliebtheit erfreute.  So schwärmte der Heimatdichter Franz Xaver Rambold 1925 im Gästebuch des Meyerbräu über seinen Garten „Eden“: „Beim Meyerbräu ist rückwärts die Veranda,/die luftig hoch sich überm Inn erhebt,/wo einem durch gar große Schiebefenster/so lieblich auch der Reiz der Landschaft blüht./Da in der Pracht rot glühender Geranien/sitz ich meist dreimal täglich, hoch vergnügt:/zum Morgenimbiss, früh im Sonnenschein,/des Mittags, recht beschaulich nach der Mahlzeit,/und abends, dann beim köstlich lichten Bier.
/Du helles Bier, wenn ich nur an dich denke,/dann möchte ich dir ein Lob- und Danklied singen!/Wie traut vereinst du ein paar nette Leute/- die Herbergsmutter zwar trinkt lauter Milch-/zu herzhaft frohen, schönen Abendstunden,/dass man im kleinen, enggesellten Kreise/die weite Welt vergisst und ihren Lärm.“
Auch Peter Scher nahm wohl durch Vermittlung Wähmanns häufiger an solchen Abenden im trauten Kreise teil, wenn es sein Gesundheitszustand zuließ. Ob auch Ringelnatz bei diesen Anlässen dabei war, lässt sich nicht mehr mit letzter Gewissheit feststellen. Aber da Ringelnatz in dieser Zeit regelmäßig auf Tourneen in der näheren Umgebung weilte, ist es zumindest nicht unwahrscheinlich.
Gedenkstein und Ringelnatzblick:
„In der Nähe des Kreiskrankenhauses Wasserburg am Inn, an abseitiger unscheinbarer Stelle, liegt ein Findling, der bei wenigen Eingeweihten als Ringelnatz-Stein bekannt ist. Kaum sichtbar sind darauf eingemeißelte Worte und Ziffern zu erkennen: „Ahoi Ringelnatz/17.XI.34“. Als Abschiedsgruß und Erinnerung an den Todestag des gemeinsamen Freundes ist dieses Denkmal von Peter Scher und Hans Kobe, dem Schriftsteller und damaligen Hausherrn des Hesse-Schlössl, in den 30iger Jahren auf eine etwas oberhalb vom heutigen Fundort gelegene Stelle zwischen Bäume gesetzt worden. Denn dort, von wo aus der Blick durch den Wald hinab auf den Fluss, das jenseitige Blaufeld und die „Rückseite“ der Stadt mit ihrer noch heute gebrauchten Drahtseilfähre geht, war der Lieblingsplatz des Dichters Joachim Ringelnatz bei seinen seltenen Besuchen in der Burgau.“
Dies schrieb Dirk Heiserer 1984 in einem Zeitungsartikel. Hans Christian Kobe war übrigens in den zwanziger Jahren ein erfolgreicher UFA-Regisseur und hatte 1923 in dem Film „Am Rande der Großstadt“ Ringelnatz eine Rolle als hexenartig aussehende Köchin verschafft. Leider existieren nur noch Standfotos davon, die diese Arbeit belegen. Ringelnatz verhandelte in dieser Zeit mit Hans Kobe erfolglos über die Verfilmung seines Kuttel Daddeldu Stoffes. Der Blick  von der Steilkante der Innleiten existiert heute nicht mehr, da dort alles zugewuchert ist. Aber den Findling findet man noch zusammen mit einer kleinen Bronzetafel:
„Zur Erinnerung an den Wasserburger Freundeskreis um den Schriftsteller und Poeten Joachim Ringelnatz (Hans Bötticher  7.Aug.1883 – 16.Nov.1934)“ ist dort geschrieben und die zweite Strophe des Scher Gedichtes „Tröstliches Gedenken“.
Die erste lautet: „Ich sitz auf einem Steine/Und bin so fern von Lust und Leid,/dass ich gestorben scheine,/wie Walter von der Vogelweid/und bin so voll des Lebens,/wie Busch und Baum um diesem Stein,/ein hoher Himmel wölbt uns ein./Es ist doch nicht vergebens,/zu sein“.
(und die zweite Strophe ist auf der Tafel zu lesen:)
„Mit einem Stückchen Kreide/Quer übern Stein/ Schreib ich den Satz:/Wo bist Du, Joachim Ringelnatz?/So fern von Lust und Leide?/Hier, Hier, schreit ein vergnügter Spatz/Auf einer alten Weide.“
Peter Scher
Die Ehefrauen:
Sowohl Helene Scher als auch Muschelkalk Ringelnatz waren ihren dichtenden Ehemännern immens wichtige  Lebenspartnerinnen, vielleicht sogar überlebens-wichtig. So schreibt Peter Scher über seine Frau an Alfred Kubin: „Meine Frau, deren Engelsflügel merkwürdigerweise noch nicht sichtbar geworden sind, so sehr ihre kaum fassbare Güte und Großmut auch dazu herausfordert“. Und an anderer Stelle berichtet Scher über seine Depressionen: „Dies habe ich – nein, dies hat vor allem meine Frau, die Gott als ein Wunder in die Welt gestellt und zu dem Pech verurteilt hat, mit mir und meinem Leiden zusammenleben zu müssen – zwanzig Jahre lang durchgehalten.“  Von diesem Briefwechsel berichtet Dirk Heiserer und er ergänzt: “Er (Scher) geriet oft in eine so starke Lebensverweigerung, dass seine Frau Lene ihn nicht nur pflegen, sondern bisweilen sogar füttern musste.“ Wie sehr Helene Scher ihm auch Mutter sein musste, hat sie im selben Artikel selbst beschrieben: „Mein Mann ist ein großes Kind und spielt sich durch die Tage“.
Und Joachim Ringelnatz schrieb seiner „liebsten Kalk“ eines der schönsten deutschen Liebesgedichte, das mit einer Liebeserklärung beginnt, die zum geflügelten Wort geworden ist: „Ich habe Dich so lieb/Ich würde Dir ohne Bedenken/ eine Kachel aus meinem Ofen schenken“. Muschelkalk war ihm nicht nur Lebensgefährtin und Vertraute, sie war auch seine unersetzliche „Managerin“ und Sekretärin, die alle seine flüchtig unterwegs hingereimten Verse sorgfältig niederschrieb und archivierte. Denn zwischen den Jahren 1921 und 1933 war Ringelnatz praktisch ständig als Vortragskünstler  unterwegs. So findet sich oft in seinen Briefen die Anordnung an Muschelkalk: „Beiliegendes Gedicht schrieb ich unterwegs, trage es ein“.
Sie gibt seinem unsteten Leben die Geborgenheit und den nötigen Rückhalt. Diese Beziehung verleiht ihm auch die Kraft, das für den mit einer schwachen körperlichen Konstitution Ausgestatteten das anstrengende Leben als Kabarettist durchhalten zu können. Bis zu seinem allzu frühen Tode führen Ringelnatz und Muschelkalk eine von Liebe getragene, harmonische Ehe. Sie ist es auch, an die er seine letzten Wort richtet: „Lache doch. Muschelkalk“. Das Gedicht dazu „An M.“ ist eine einzige Liebeserklärung, sie  zählt zum schönsten der deutschen Liebeslyrik. Der Freund Paul Wegener las es auf der Beerdigung zu den Klängen von „La Paloma“: „Der du meine Wege mit mir gehst,/Jede Laune meiner Wimpern spürst,/Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst-./Weißt du wohl, wie heiß du mich oft rührst?/Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern./Meine Liebe wird dich überdauern/Und in fremden Kleidern dir begegnen/Und dich segnen./Lebe, lache gut!/Mach deine Sache gut!“
Nach seinem Tode führte Muschelkalk unermüdlich mit den überall verstreuten Freunden weiter umfangreiche Briefwechsel. Der Peter Scher Nachlass im Wasserburger Stadtarchiv gibt davon beredt Zeugnis, zahlreiche Briefe und Postkarten an Peter und Lene Scher sind hier erhalten. Das dieser Nachlass noch existiert, ist der Familie Kobe zu danken, die nach dem Tode von Helene Scher diesen Jahrzehnte sorgfältig verwahrte und vor wenigen Jahren der Stadt vermachte. Die literaturwissenschaftliche Aufarbeitung dieses Nachlasses steht bis heute noch aus.
Die Wasserburger Stadträte bewiesen außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, als sie bei den Straßennamensgebungen in der nördlichen Burgau nicht weit vom Krankenhaus ein eigenwillig krummes Sträßchen, das  an beiden Seiten in einer Sackgasse endet und nur in der Mitte einen Zugang aufweist, mit den Namen der Freunde versah. So geht heute der Peter Scher Weg direkt in den Ringelnatzweg über. Ob die Stadträte dabei auch an den Wunsch von Ringelnatz gedacht haben, den er in dem Gedicht „Ehrgeiz“ ausdrückt, wird nicht mehr herauszufinden sein. Auch wenn Ringelnatz Beschreibung des erwünschten Gässchens nicht ganz der Wasserburger Wirklichkeit entspricht, hätte das wohl beiden Freunden gefallen: 
„Und ich pfeife durchaus nicht auf Ehre./Im Gegenteil. Mein Ideal wäre,/Dass man nach meinem Tod (grano salis)/Ein Gässchen nach mir benennt, ein ganz schmales/Und krummes Gässchen, mit niedrigen Türchen,/Mit steilen Treppen und feilen Hürchen,/Mit Schatten und schiefen Fensterluken./Da würde ich spuken.“
Ob er wohl immer noch in Wasserburg oder in so manchen Köpfen umherspukt? Fast möchte es so scheinen.
Matthias Oesterheld, Juni 2010
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Joachim Ringelnatz: Sämtliche Gedichte. Zürich, Diogenes, 20043.Gebundene Ausgabe: 864 SeitenRingelnatz
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