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Terzani
Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang: Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens
[La fine è il mio inizio] Christiane Rhein, Übs. München: DVA 2007. Gebunden, 416 Seiten –
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Tiziano Terzani sieht sein Ende nahen. Er läßt seinen Sohn kommen und erzählt ihm aus seinem Leben. Dieser soll daraus ein Buch zusammenstellen.
Terzani, ein italienischer Journalist und Schriftsteller, starb am 28. Juli 2004 in Orsigna bei Pistoia, Italien, mit 66 Jahren.
Der Beginn verheißt nichts Gutes.
• Jeder meint heute ein Buch über sein Leben schreiben zu müssen. Nun hat fast jeder damit recht: sein Leben ist außergewöhnlich und einzigartig, doch das muss noch keine lesenswerte Biografie ergeben.
• In den ersten zwanzig Seiten tauchen zahlreiche Asienbezüge auf: Sufi, Indien, alleine fünfmal Himalaya. Mir kommen schwere Bedenken: asiatische Mystik und indische Esoterik für Europäer wie in Hermann Hesse: Siddhartha. Eine indische Dichtung!?
Beide Bedenken schwanden während der Lektüre, wenn auch nicht ganz und es entstanden andere Vorbehalte.
Terzani wuchs behütet in Italien auf, studierte und wurde Journalist. Lange Jahre berichtete er für den "Spiegel" aus Asien: Vietnam, China, Japan, Tibet, Indien, Thailand. Die Kriegsjahre in Vietnam hinterließen bei mir die stärksten Eindrücke.
Das Ende ist mein Anfang ist eine halbwegs gelungene Gratwanderung zwischen Biografie, Interview, Erinnerungen, Essay und Sachbuch. Keine der Kategorien verfehlt es ganz, keine aber trifft es. Trotz vierhundert Seiten kann es nur asiatische und Welt-Geschichte im Schnelldurchlauf geben. Sowjetunion und die USA im 20. Jhdt. werden in zwei Absätzen abgehandelt (S. 47), der Maoismus auf wenigen Seiten (S. 63f). Zahlreiche essayistische Thesen bringt das Buch mit der Holzhammermethode: einem Mann auf dem Sterbebett widerspricht man nicht so gern. Das tut der Sohn auch nicht. Er ist allenfalls schmückender Stichwortgeber für die Erlasse des Vaters. Vom angekündigten Austausch (S. 5) liest man wenig. Seine "Dialogbeiträge" klingen hölzern und wurden mechanisch eingefügt.
Zu den genannten Kategorien gibt es Besseres auch mit ähnlichem Inhalt: zur Kindheit etwa Gavino Ledda, zu Asien Ian Buruma, zu den Kriegsschauplätzen Carolin Emcke (zu allen siehe Tiziano Vergleichsliteratur).
Terzanis Lebenserkenntnisse sind manchmal hilfreich, manchmal Leerformeln. So betont er gleich zu Beginn: Das wahre Verlangen sei es "man selbst zu sein". "Die wahre Entscheidung ist die, du selbst zu sein" (S. 13). Das kann alles oder nichts bedeuten. Im Essay müßte diese Behauptung erläutert und Einwände diskutiert werden. Im Roman müßten exemplarische Fälle pro und contra gezeigt werden. Nichts davon, wenn man davon absieht, dass Terzani zeitlebens seinen Prinzipien treu blieb.
Auch die politischen Thesen sind oft oberflächlich. Kapitalismus, Marxismus-Leninismus und islamischer Fundamentalismus werden kurzerhand in einen Topf geworfen, wer die Verbindung nicht sieht, wird abgekanzelt: "Wenn man das nicht kapiert, kapiert man nichts" (S. 139).
Das soll nicht bedeuten, dass Terzani nichts Bemerkenswertes zu berichten hat. Doch meist kann man aufgrund der Knappheit nur dem zustimmen, das man eh schon wusste oder als Position eh schon einnahm. Eine meiner letzten Lektüren war T.C. Boyle, der seinem The Tortilla Curtain ein Motto von John Steinbeck voranstellt. Auch Terzani erkennt: der erste Schritt in den Krieg ist die Entmenschlichung des Feindes (S. 183). Hier gilt es also immer hellhörig zu sein und die politische Propaganda als solche zu erkennen.
Den Niedergang des investigativen Journalismus beklagt Terzani zu recht (S. 285f). Sein gleichzeitiges Loblied auf den subjektiven Journalismus ist aber bedenklich. Richtig, objektiv kann keiner berichten, aber anstreben sollte es der Journalist trotzdem.
Manche Ratschläge lesen sich wie Honig sind aber Krampf. Während die anderen an der Uni paukten, ging Terzani am Wochenende bergsteigen und tauchen. Und genau da habe er gelernt, was wichtig sei (S. 195). Das mag für ein Lerngenie gültig sein, allgemein aber nicht ratsam.
Dass Bertrand Russell mit einem "l" geschrieben wird (S. 287) ist peinlich, zumal er auf S. 348 richtig geschrieben wurde
Wer keinen Wunsch mehr hat, ist praktisch tot. Terzani hat keinen mehr (S. 13). Das stimmt nicht. Er will, dass sein Sohn zum Austausch kommt. Warum dieser erst jetzt zum Fragen aufgefordert wird, ist merkwürdig. Er will, dass sein Leben als Buch erscheint. Es gibt literarisch wenig her und ist eingeschränkt für uns interessant. 
Links
Tiziano Terzani: Terzanitizianoterzani.comTerzaniWikipedia
TerzaniCarl Wilhelm Macke: Guru mit Stil. Ein Nachruf auf den italienischen Journalisten, Polemiker und Weltmann Tiziano Terzani. Titel - Kulturmagazin, 19. August 2004
TerzaniInterview mit Tiziano Terzani, Die Gazette
TerzaniPerlentaucher
TerzaniC.W. Macke: "Und das war’s dann. Die Lebenserinnerungen von Tiziano Terzani". Titel - Kulturmagazin, 16. Mai 2007
Vergleichsliteratur
Tiziano T.C. Boyle: The Tortilla Curtain
Tiziano Ian Buruma: Der Staub Gottes. Asiatische Nachforschungen
Tiziano Carolin Emcke: Von den Kriegen. Briefe an Freunde
Hermann Hesse: Siddhartha. Eine indische Dichtung
Tiziano Gavino Ledda: Padre Padrone
Tiziano Frank McCourt: Angela's Ashes
Literatur
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Terzani Terzani Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang: Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens. Christiane Rhein, Übs. München: Goldmann, 2008. Broschiert, 416 Seiten Terzani
Tiziano Terzani: Das Ende ist mein Anfang: Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens. Christiane Rhein, Übs. München: DVA, 2007. Gebunden, 416 Seiten Terzani
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