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Saramago
José Saramago: Die Stadt der Sehenden
Reinbek: Rowohlt, 2007. Gebunden, 382 Seiten. [Ensaio sobre a Lucidez] Marianne Gareis, Übs.
José LinksJosé LiteraturJosé Vergleichsliteratur

Bei einer Kommunalwahl in der Hauptstadt eines ungenannten demokratischen Land (siehe José Ort) werden über siebzig Prozent der Stimmzettel leer abgegeben. Eine Wiederholung der Wahl ändert nichts. Die Regierung flippt aus und verhängt den Belagerungszustand über die Stadt: sie läßt sie abriegeln. Die Regierung und ein Grossteil des Behördenapparats geht aufs Land.
Im zweiten Teil des Romans werden einige Personen auf einem Foto als Urheber verdächtigt. Insbesondere eine Frau ist das Ziel von drei Polizeikräften. Vor vier Jahren gab es in der Hauptstadt eine eigentümliche Blindheit (Vorgängerroman Die Stadt der Blinden), die Zeit der kollektiven Blindheit: diese Frau blieb als einzige davon verschont. Sie dient der Regierung als Sündenbock.
• Die Romanfiguren haben keine Namen, sondern nur Dienstgrad, Funktionsbezeichnung oder Kennzeichnung wie "die Frau des Augenarztes". Dieser Verallgemeinerungstrick erschwert für den Leser jede Identifikation.
• Ein wirklicher Protagonist tritt zudem erst im zweiten Romanteil mit dem Kommissar auf.
• Satzkonstruktionen, die bis zum Beamtendeutsch ausufern (von Saramago gewollt um die Bürokratie zu desavouieren), sind die nächste Erschwernis für die Lektüre.
• Dem setzt Saramago die Krone auf durch seine Dialoge im Fließtext, das heißt ohne neue Zeile, ohne Anführungszeichen, ohne Markierung des jeweiligen Sprecher. Diesen muss man aus Inhalt und Grossschreibung (signalisiert manchmal, nicht immer, Sprecherwechsel) erschließen.
• Einmal verhakelt sich der Autor selbst. Der Innenminister beginnt eine Radioanansprache (S. 184) und nach seiner Rede verschwindet er vom Bildschirm (S. 186). Simultanübertragung Saramago?
• Merkwürdig ist, dass eine Kommunalwahl die Regierung ausrasten läßt.
Der Roman von 2004 nimmt stark auf den Vorgänger Die Stadt der Blinden von Bezug.
Aktueller Bezug
Der Zusammenbruch der Demokratie steht (noch nicht) bevor. Doch in vielen Aspekten ist Die Stadt der Sehenden weder SF noch Utopie. Ein paar Beispiele:
• Wiederholungswahl – wird in Irland zur EU am 2. Oktober 2009 praktiziert: das böse Volk hatte zum Lissabonvertrag der EU mit "Nein" gestimmt; es muss nochmals abstimmen (José Links).
• Wahlausgang: nahezu jede Partei feiert sich als Sieger; nicht eingetroffene Erwartungen liegen am verständnislosen Wähler oder allenfalls an schlechter Öffentlichkeitsarbeit der Partei.
• Die Opposition im Roman erkennt beispielsweise, dass es sinnlos ist, die Rechte von Menschen einzuschränken, "deren Verbrechen einzig und allein darin bestand, eines dieser Rechte ausgeübt zu haben" (S. 42). – Genau dies geschieht im grossen Stile: Versammlungsrecht, Asylrecht, ...
Vergleiche im Roman: "Demonstrationen haben noch nie etwas gebracht, sonst hätten wir sie doch niemals genehmigt" (S. 152). – In Deutschland müssen Demonstrationen vorher genehmigt werden.
• Der Feind kommt von innen (z.B. S. 70). – Viele Gesetze und Gesetzesvorhaben in Deutschland lassen diese Einstellung auch bei unseren Politikern erkennen.
• Roman: Explosion in der abgeriegelten Stadt, von der Regierung inszeniert. – 1978 verübte das Bundesamt für Verfassungsschutz einen Sprengstoffanschlag auf das Gefängnis in Celle.
• Der Innenminister entläßt den Kommissar aus dem Dienst, da er nicht das gewünschte Ergebnis brachte. – Das ist bei uns in Deutschland gängige Praxis, siehe Michael Reitz: "Vorsicht Zivilcourage!", José Links.
Fehlinterpretation
Mir scheint einige Buchbesprechungen lassen erkennen, dass sie die Botschaft des Romans nicht verstanden haben. Die Rezensenten eignen sich somit hervorragend als Regierende. So liest eine Redakteurin im Themenguide Jugend den Roman als Mahnung für notorische Nicht-Wähler (siehe José Links). Wenn man die Weißwähler als Nicht-Wähler sieht, kann ich deren Versagen nirgends lesen. Erst durch diese Weiß- = Nicht-Wähler wird die Regierung demaskiert und ihre undemokratische Grundeinstellung wird wirksam.
Die Botschaft scheint mir hingegen zu sein:
die Regierenden sind überfordert; die Bürger sind nicht die Hauptsache (die wirkliche Ursache für die leeren Stimmzettel wird nie ergründet), sondern der Machterhalt; die Bürger werden nach Strich und Faden ausgeschmiert; dem zerbrechenden Rechtsstaat (u.a. durch Einschränkung der Bürgerrechte) muss Einhalt geboten werden.
Ort
Saramago war gegen den EU Beitritt Portugals, kandidierte aber bei den Europawahlen Portugals von 2004 erfolglos. Der Präsident spricht im Roman als die Landsleute als "Portugieeeeesinnen und Portugieeeeesen" an (S. 107), doch beeilt sich die Erzählerstimme sogleich, dies zu dementieren.
Prinzip der Uniformität der Natur (S. 237)
Kurz wirft der Assistent das Prinzip der Uniformität der Natur ein. Es gibt keinerlei Grund dagegen. Dummerweise gibt es auch keinerlei Grund dafür. 
Samarra (S. 370-371)
Es lohnt sich nicht, nach Bagdad zu rennen um dem Treffen in Samarra auszuweichen (S. 370) geht auf ein Motiv in der Kürzestgeschichte William Somerset Maugham: "The Appointment in Samarra" (José Vergleichsliteratur) zurück: man kann dem Unausweichlichen (Schicksal oder was immer) durch keine Tricks entgehen.
Den Roman Die Stadt der Sehenden trägt ein glanzvoller Entwurf für eine außer Kontrolle geratende Demokratie. Irgendwann reitet sich das leider zu Tode, wenn auch immer sprachlich grossartig vorgetragen. Im zweiten Teil treten wenige Figuren etwas hervor und beleben das Theaterbrett.
Eine lehrreiche, lesenswerte Parabel, ernüchternd bis öd, realitätsnah (von der Wirklichkeit teilweise überholt), deren Lektüre der Autor durch einige Stilmittel  erschwert.
Links
SaramagoJosé Saramago (Wikipedia), Literaturnobelpreis 1998
SaramagoJosé Saramago: Die Stadt der Sehenden
SaramagoDie Stadt der Sehenden (Wikipedia)
SaramagoDieter Wunderlich: José Saramago: Die Stadt der Sehenden
SaramagoNorbert Lammert: José Saramago: Die Stadt der Sehenden
SaramagoDie Stadt der Sehenden, Lyrikwelt
SaramagoJose Saramago: Die Stadt der Sehenden, Perlentaucher
SaramagoDie Stadt der Blinden (Wikipedia)
SaramagoKatharina Bendixen: Politisch-menschliches Versagen
SaramagoMichael Reitz: "Vorsicht Zivilcourage!", DLF 18.09.2009
SaramagoSilke Schröder im Themenguide Jugend, 10.4.2006
Saramago2. Volksabstimmung in Irland zum Lissabon-Vertrag:  2.Oktober 2009
Vergleichsliteratur
José Dystopie oder auch Anti-Utopie in der Literatur
José Margaret Atwood: The Handmaid's Tale
José George Orwell: Animal Farm
José Franz Kafka
José W. Somerset Maugham: "The Appointment in Samarra", 1933
Literatur
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saramago SaramagoJosé Saramago: Die Stadt der Sehenden. Reinbek: Rowohlt, 2007. Broschiert, 382 Seiten. [Ensaio sobre a Lucidez] Marianne Gareis, Übs. saramago
José Saramago: Die Stadt der Sehenden. Reinbek: Rowohlt, 2007. Gebunden, 382 Seiten. [Ensaio sobre a Lucidez] Marianne Gareis, Übs. Saramago
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.9.2009