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Henrichs
Bertina Henrichs: Die Schachspielerin
[La joueuse d'échecs] Hamburg: Hoffmann und Campe, 2006. Gebunden, 142 Seiten. Claudia Steinitz, Übs.
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Eleni ist mit Panos verheiratet; sie haben zwei Kinder mit 12 und 16 Jahren. Sie arbeitet als Zimmerfrau im Hotel Dioysos. Sie wohnen in einem kleinen Ferienort auf Naxos, in der jeder Einheimische den anderen kennt oder zu kennen meint. Soweit scheint alles gut. In der männer-dominaten griechischen Welt haben Frauen wenig zu vermelden. Eleni ist ausgeglichen aber wie sich zeigt, doch unzufrieden. Zufällig stößt sie in einem Hotelzimmer auf ein aufgestelltes Schachbrett und wird neugierig.
Ihren Ehemann Panos kann sie dafür nicht gewinnen. Schach ist zu intellektuell und verpönt. Da lernt Eleni selbst auf trickreichen Wegen das Schachspiel. Die Bewohner ihres Ortes – nichts bleibt dort lang verborgen – sind empört. Panos fühlt sich beleidigt: eine Frau die Schach spielt!
Eleni läßt sich kaum beirren und beteiligt sich sogar an einem mehrtägigen Schachturnier in Athen. Das kann Panos nicht hinnehmen.
Eleni macht ihre Bildungsphase recht spät im Leben durch. Gegen die Widerstände der Gemeinschaft setzt sie ihre Selbstverwirklichung im Schach durch. Vielleicht könnte es auch etwas anderes sein, nicht unbedingt das Schachspiel. Das macht die Protagonistin zurecht sympathisch. Wenigstens die Hotelbesitzerin zollt ihr Respekt (S. 68).
Die Andersartigkeit eines Menschen gegenüber einer Umwelt von Traditionen und Konventionen kann zum Ausschluss führen (eine zeitlang so im Roman) oder zur Akzeptanz (die Lösung im Roman).
Die Stimmungen der Hauptpersonen sind nachvollziehbar, man kann sich als Leser gut hineinfühlen. Doch manches an Eleni scheint doch unpassend. Eine Familie, die vor Büchern regelrecht zurückschreckt, erlaubt keinen Charakter, wie ihn Eleni zeigt. Ebensowenig die Charakterisierung, dass für Eleni und Panos das Lernen mit der Schule beendet war (S. 64), ist – zumindest für Eleni – unglaubwürdig. Sie würde nicht zwanzig Jahre später plötzlich solch einen Lerneifer entwickeln.
Elenis Schacheifer verändert auch den alten Eigenbrötler und Ex-Lehrer Kouros. Warum er nicht mehr gegen den Computer spielen will (S. 72) ist nicht einsichtig. Ebenso unmotiviert scheint mir Elenis Tarnung der Besuche (sie deponiert das Schachspiel bei Kouros, S. 68) und ihre plötzliche Einstellung der Besuche (S. 72). Die Idee mit dem Schachturnier, die Kouros begeistert an Eleni vermittelt, passt gut in die Romanhandlung, aus schachlicher Perspektive ist sie aber Humbug.
Schach
Die Autorin hat manches im Schach nicht ganz verarbeitet oder hatte einen schlechten schachlichen Berater.
• Gambit ist in aller Regel ein Bauernopfer, keine Figur (S. 49). Spontan fällt mir keine einzige Eröffnung ein, in der eine Figur geopfert wird und die Gambit genannt wird.
• Figurenopfer pflegt Eleni auch später noch, wenn auch widerstrebend (S. 109). Das ist schon richtig, doch niemand spielt von Beginn an auf ein Figurenoper hin, er nimmt allenfalls die Gelegenheit wahr, wenn sie sich ergibt.
• Das Beherrschen der Eröffnungen ist zwar eine dehnbare Sache, aber "nach anderthalb Monaten" (S. 82) beherrscht ein Anfänger die Regeln, mehr nicht, zumal Eleni nur selten zum Spielen kam.
• Völlig abwegig ist die Vorstellung, dass man zunächst die Eröffnung lernt und sich dann  an das Mittelspiel macht (S. 82).
• Auch Schachlaien wissen, dass die Dame im Schach üblicherweise die mächtigste Figur ist. Wenn man einen Schachroman schreibt, sollte man auch wissen, dass der Verlust der Dame (noch dazu gegen einen stärkeren Gegner) die sofortige Partieaufgabe erheischt (S. 83).
• Was ist die "siebte und achte Diagonale" (S. 96)?
Bertina Henrichs hat am Text gearbeitet, das zeigt sich besonders am Anfang in geschraubten Sätzen ("empfing es – einen Gott für den anderen –", S. 7) und Bildern ("in den unzähligen Zimmern, denen sie ihre Jungfräulichkeit zurückgegeben hatte", S. 10).
Manches ist eher gedankenlos, wie: "Sie nahm sich vor, neue [Batterien] zu kaufen, falls die ersten ausfallen sollten" (S. 37). Muss man sich das wirklich vornehmen?
Manches ist zu gesucht und zu einfach gestrickt. Die Kirchenszene, in der Eleni um den Frieden in der Welt und etliches mehr betet, passt nicht in den leichtfüßigen Kontext.
Auch der Brief des Ehemanns Panos an die Hotelbesitzerin, in dem er seine Frau entschuldigt (S. 120) ist aus der Luft gegriffen. Erstens hätte ihn das zu diesem Zeitpunkt kaum gejuckt und zweitens konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wissen, ob Elenis Abwesenheit nicht mit der Hotelbesitzerin abgesprochen war oder Eleni sich selbst bereits entschuldigt hatte ...
Die Übersetzerin trägt pikanterweise den Nachnamen des ersten Schachweltmeisters Wilhelm Steinitz. Vielleicht geht manche sprachliche Unbeholfenheit auf ihr Konto oder darauf, dass die deutsche Autorin den Roman in Französisch schrieb. Ungünstig ist beispielsweise die Auszeichnung der Bauernzüge im Schach als "unveränderlich"; das sind alle anderen Züge – einmal ausgeführt – auch. Gemeint ist wohl, dass Bauern nicht rückwärts fahren können und damit einen vollzogenen Zug durch einen späteren Zug nicht egalisieren könne. Bei den anderen Figuren kann man das wenigstens theoretisch.
Worterklärungen
Baklava und Dolmades sind Speisen, siehe BertinaLinks.
Die Schachspielerin bietet sich als schnelle Abendlektüre an, mehr nicht. Das Motiv der Auflehnung einer Frau mittleren Alters gegen eine männerdominierte Welt voller Konventionen liest man gerne und teilnahmsvoll. Viele Kommentatorinnen beeindruckte auch das griechische Ambiente auf Naxos (Erinnerung und Vorfreude). Als Schachspieler muss man mindestens ein Auge zudrücken, als Leser muss man über verunglückte Absätze hinweghuschen.
Im Jahr 2006 erhielt die Autorin für Die Schachspielerin den Rolf Heyne Debütpreis (HenrichsCorine).
Links
Bertina Schach in der Literatur
HenrichsInterview mit Bertina Henrichs von Dr. René Gralla
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Rezensionen
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Literatur
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henrichs Henrichs Bertina Henrichs: Die Schachspielerin. München: Heyne, 2008. Taschenbuch: 144 Seiten. Claudia Steinitz, Übs. [La joueuse d'échecs] henrichs
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