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Marianne Weil
Marianne Weil, Hg.: Wehrwolf und die Biene Maja. Der deutsche Bücherschrank zwischen den Kriegen
Berlin: Ästhetik und Kommunikation, 1986. Edition Mythos Berlin. 303 Seiten – AutorinLiteratur
Der deutsche Bücherschrank zwischen den Weltkriegen ist mir recht unbekannt. Thomas Mann, Brecht und Döblin gehörten nicht unbedingt dazu. Marianne Weil und Mitautoren dieses Sammelbandes untersuchen an einigen typischen Bestsellerautoren jener Zeit die Unterhaltungsliteratur. Sie nahmen dazu Richards, Donald Ray: The German Bestseller in the 20th Century. A Complete Bibliography and Analysis 1915-1940 zu Hilfe; siehe Literatur. Die vordere Zeitgrenze ist nicht allzu streng: einiges erschien vorm Ersten Weltkrieg oder während die Soldaten schon metzelten. Trotzdem die meisten Autoren unpolitische Romane schufen, bereiteten sie den Boden für den Nationalsozialismus oder verstärkten vorhandene Klischees. Es sind die folgenden Kapitel; die Hervorhebung der behandelten Autoren ist von mir.
Peter Krumme: Der Opfergang von Rudolf Binding
Lothar Müller: Die Biene Maja von Waldemar Bonsels
Genia Schulz: Tagebuch einer Verlorenen - von einer Toten herausgegeben von Margarete Böhme
Lothar Müller: Alraune. Die Geschichte eines lebenden Wesens von Hanns Heinz Ewers
Irmela von der Lühe: Der Wanderer zwischen beiden Welten von Walter Flex
Gerwin Zohlen: Jörn Uhl von Gustav Frenssen
Marianne Weil: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer von Johannes Gillhoff
Hans-Thies Lehmann: Die Stoltenkamps und ihre Frauen von Rudolf Herzog
Marianne Weil: Ferien vom Ich von Paul Keller
Marianne Weil: Der Wehrwolf von Hermann Löns
Marianne Weil: Anilin von Karl Aloys Schenzinger
Marianne Weil: Zwei Menschen von Richard Voß
Der Anhang enthält noch weitere Angaben zu den behandelten Autoren und Kurzbiografien von im Hauptteil fehlenden Autoren: Hermann, Burte,Artur Dinter, Jakob Christoph Heer, Bernhard Kellermann, Theodor Kröger, Artur Landsberger, Walter von Molo, Hermann Popert, Felicitas Rose, Agnes Sapper.

Typisch für viele der Werke ist die von der Herausgeberin Marianne Weil für Paul Kellers Ferien vom Ich angeführte Feststellung aus Kindlers Literaturlexikon. Ich gebe diese etwas ausführlicher wieder.
Das Wesen dieser Idealwirklichkeit jedoch, eine Mischung aus engstirniger Zivilisationsfeindlichkeit, die auch und gerade politisches Desinteresse einschließt, aus bis zur Verachtung gesteigerter Ablehnung des »Draußen«, das gleichermaßen das Ausland wie den engeren Umkreis des Heimes und Waltersburgs umfaßt, und aus einer fatalen Nivellierung der Individuen durch Verleugnung ursprünglicher Unterschiede (»Wenn die Leute ihren Namen abgelegt haben und auch alle die gleiche Tracht haben, kennt man den Großen vom Kleinen nicht mehr heraus. Der Geist verrät sie nicht«), scheint bezeichnend für eine Geisteshaltung, die, für sich genommen völlig harmlos, dennoch den Boden für Ideen bereitete, die in letzter Konsequenz zum Debakel des Dritten Reiches führten. Kindlers Literaturlexikon, S. 3493
So gilt denn auch für die Schriftsteller des Sammelbandes, was Marianne Weil im Vorwort über alle Deutschen schreibt: "Nicht alle Deutschen waren Nazis, aber auch mit vielen, die keine waren, haben die Nazis den Nationalsozialismus gemacht" (S. 9). Wer sich von den häufig vergessenen Autoren ein Bild machen kann, dem ist die Lektüre des gelungenen Wehrwolf und die Biene Maja zu empfehlen. Ich lese jetzt die Werke von Richard Voß (voss Autor Richard Voß) mit anderer Aufmerksamkeit und auch die Schriften des Leo Maduschka (maduschka Leo Maduschka, Bergsteiger, Schriftsteller, Literaturwissenschaftler) erhalten eine andere Farbe.
Wer von den vielen Autoren die Lektüre trotz allem immer noch lohnt, kann der Leser selbst herausfinden.
Marianne Weil
* 1947 Darmstadt
Studium Literaturwissenschaft und Soziologie; lebt seit 1969 in Berlin; schreibt Hörspiele
Literatur (derzeit 8/2004 nur antiquarisch):
Marianne Weil, Hg.: Wehrwolf und die Biene Maja. Der deutsche Bücherschrank zwischen den Kriegen. Berlin: Ästhetik und Kommunikation, 1986. Edition Mythos Berlin. 303 Seiten
Neuausgabe: Büren: Scheld, 1988. Broschiert, 303 Seiten
Donald Ray Richards: The German Bestseller in the 20th Century. A Complete Bibliography and Analysis 1915-1940. Bern: Herbert Lang, 1968. 276 Seiten. richards Rezension

Marianne Weil
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 25.8.2004