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Puschkin
Alexander S. Puschkin: Die Meistererzählungen
Fred Ottow, Übs. Düsseldorf: Albatross, 2006. Gebunden, 447 Seiten – Alexander LinksAlexander Literatur
Für Kenner war es klar, dass sich Puschkins Prosa durch Genauigkeit, Dichte und Gedankenreichtum besonders auszeichnet. Das kann ich inzwischen für die Meistererzählungen enthusiastisch bestätigen.
Verzeichnis der Meistererzählungen
Der Mohr Peters des Großen
Die Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin
Der Schuss
Der Schneesturm
Der Sargschreiner
Der Postmeister
Fräulein Bäuerin
Roslawlew
Dubrowskij
Die Hauptmannstochter
Pique-Dame
Kirdshali
Ägyptische Nächte
Der Schneesturm
In „Der Schneesturm” verknallt sich die siebzehnjährige Gutsbesitzertochter Marja in den armen Fähnrich Wladimir. Die Eltern verboten der Tochter an ihn auch nur zu denken. Marja, mit französischen Romanen erzogen, willigt in die Flucht und die heimliche Heirat im fünf Werst entfernten Dorf Schadrino ein. In einer Winternacht wartet der Schlitten um sie dorthin zu bringen. Wladimir fährt ebenfalls hin. Alles ist für die Heirat arrangiert. Doch durch einen gewaltigen Schneesturm kommt alles anders.
Wladimir verirrt sich und erreicht nach vielen Hürden erst am Morgen die völlig verlassene Kirche. Er sucht den Geistlichen auf und erfährt Furchtbares. Er geht zur Armee, wird bei Borodino schwer verwundet und stirbt schließlich in Moskau.
Dagegen treffen die Leser am Morgen der geplanten Heirat Marja zuhause an. Allerdings verfällt sie zwei Wochen in Fieberwahn. Nachdem sie sich erholt hat lebt sie weiter bei den Eltern. Drei Jahre später verliebt sie sich in den Husaren Burmin. Doch der hat ein schreckliches Geheimnis.
Die Erzählung „Der Schneesturm” wird als inplausibel gescholten. Doch die Kunst des Auotrs gestaltet durch Perspektivenwechsel, Verhüllung und Andeutung und eine faszinierende Prosa den Plot für mich völlig akzeptabel.
Nach aller Dramatik führt Puschkin die Geschichte zu einem harmonischen Ende.
„Der Schneesturm” ist eine meiner Lieblingskurzgeschichten, nicht nur von Puschkin, oder den "Russen", sondern insgesamt.
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PuschkinPuschkins Schneesturm: Marjas Gedankenspiel
Der Sargschreiner aka Der Sargmacher
Des Sargmachers Adrian Prochorow zieht um. Ein neuer Nachbar, der deutschstämmige Schuhmacher Gottlieb Schulz lädt ihn zur Silbernen Hochzeit ein. Dort floß das Bier und der Halbchampagner in Strömen. Man trank auf jeden und alles, zuletzt auf die Kundschaft der einzelnen vertretenen Handwerker. Zuletzt wurde Adrian aufgefordert: «Trink, Väterchen, auf die Gesundheit deiner Toten!» Der Sargmacher war beleidigt. Er wollte die anderen zur Einweihung der neuen Wohnung einzuladen. Stattdessen entschließt er sich die rechtgläubigen Toten  einzuladen. Und die kommen auch.  
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Der Postmeister
In „Der Postmeister” brennt Dunja – ähnlich wie Marja in „Der Schneesturm” – mit dem Rittmeister Minsky von Smolensk durch. Es geschieht sehr spontan. Minsky hatte durch eine vorgetäuschte Krankheit im Hause des Postmeisters Samson Wyrin Zeit gewonnen. Der Postmeister selbst überredet Dunja ein Stück mitzufahren: »Der Herr ist ja kein Wolf, der dich auffressen könnte. Fahre immer hin bis zur Kirche.« Wie sich später herausstellte weinte Dunja zunächst, war aber dann mit der Flucht einverstanden. Der Postmeister folgt ihnen nach Petersburg ins Hotel Demutow. Dort läßt ihn  der vornehme Rittmeister mehrfach scharf abblitzen. Das bricht das Herz des Postmeisters.
Die wohlhabende Dunja besinnt sich erst Jahre später ihres Vaters, kann aber nur noch sein Grab besuchen.
Obwohl Dunja anscheinend zufrieden mit Minsky zusammenlebt ist die Geschichte für die drei Hauptpersonen tragisch.
  • An erster Stelle für den Postmeister, der sich dem Suff ergeben hatte und an diesem und seinen Leiden stirbt.
  • Dunja hat sich jahrelang nicht um ihren Vater gekümmert. Man kann ihre überstürzte Abreise noch ihrem jugendlichen Sinn zugute halten, doch sie kümmert sich weder in Petersburg noch die Jahre danach um ihren Vater. In Petersburg kommt es sogar zu einem kurzen Wiedersehn von Vater und Tochter. Dunja fällt bei seinem Anblick mit einem Schrei auf den Teppich. Doch als ihn Minsky die Treppe hinunter wirft greift Dunja nicht ein. Bemerkenswerterweise bleibt der Postmeister noch zwei Tage in Petersburg, Dunja meldet sich nicht.
  • Minsky hatte nur die schöne Dunja im Auge aber kein Herz für den Vater. Nach allem was die Leser erfahren kann er kein guter Ehemann sein.
„Der Postmeister” gliedert sich in vier Abschnitte
  1. Prolog: der Erzähler sinniert über den Postmeister und die Rangordnung in Russland. Das sollte man wohl ironisch lesen.
  2. Erster Besuch beim Postmeister: Dunja ist 14 Jahre alt
  3. Zweiter Besuch, mehrere Jahre später. Der Postmeister erzählt von der Flucht und seiner vergeblichen Reise nach Petersburg
  4. Dritter Besuch. Der Junge erzählt vom Besuch Dunjas am Grab des Vaters
PuschkinText online
PuschkinDer Postmeister (Spielfilm 1940)
Die Hauptmannstochter
Der Erzähler Pjotr Andrejewitsch Grinew geht zum Militär und kommt in eine scheinbar langweilige Festung in der Provinz. Auf dem Weg dorthin hat er einige Begegnungen, die für ihn lebensentscheidend werden, ohne dass dies er oder die Leser ahnen.
Dort entwickeln sich zarte Liebesbande zwischen dem naiven Erzähler und der Tochter des Hauptmanns, der den Militärposten kommandiert. Die 18-jährige Marja Iwanowna erwidert seine Zuneigung und man schmiedet Heiratspläne.
Doch es treten drei Hindernisse auf den Plan:
  • der Gardeoffizier Schwabrin war bei Marja abgeblitzt und beschwört ein Duell mit Pjotr herauf; dieser wird dabei schwer verletzt
  • eine Anfrage zuhause ergibt, dass der Vater mit der beabsichtigten Heirat keinesfalls einverstanden ist; Marja will ohne elterlicher Zustimmung nicht heiraten
  • der Pugatschow-Aufstand (Russischer Bauernkrieg 1773 - 1775) beginnt, die Festung wird erobert und Marja fällt in die Hände der Rebellen.
Nachdem man zuerst einen Entwicklungsroman liest – vieles Schicksalhafte ist der jugendlichen Naivität des Erzählers zuzuschreiben, verwandelt sich der Roman in ein Kriegs- und Historienspektakel.
Puschkin bedient einige Stereotype:
  • Duell aus nichtigem Anlass (zumindest aus unsrer heutigen Sicht)
  • geplante Heirat wird von einem Elternteil untersagt
  • gute Tat (während der Reise) rettet später Pjotrs Leben
  • Marja kann wiederum ihren Geliebten von der lebenslangen Strafe rettet
  • dabei begegnet sie – ohne es zu wissen – der Kaiserin, die in bester Manier eines huldvollen Herrschers unerkannt im Park weilt
  • brutaler Rebell Pugatscho, der aber gegenüber Pjotr extrem grossmütig auftritt.
Zum Stereotyp oder gar Klischee wurde dies alles aber erst nach Puschkin.
Die zahlreichen Personen und ihre Lebensläufe werden von Puschkin geschickt verbunden.
Wie nicht anders zuerwarten für einen russischen Roman dieser Zeit: die Ehre spielt eine grosse Rolle. Schon das dem Roman vorangestellte Sprichwort besagt: „Wahre deine Ehre von Jugend auf.” Die grosse Liebesverbindung wird zum Ende des Romans etwas konterkariert. Pjotr schickt seine Marja, die er dank Huld des Oberrebellen Pugatschow aus dem besetzten Lager retten konnte, in Begleitung seines Dieners zu seinen Eltern. Er hat Wichtigeres zu tun: er muss Russland verteidigen und die Kaiserlichen im Kampf gegen die Aufständischen unterstützen.
Das Merkwürdige an Die Hauptmannstochter: man meint die Geschichte schon mal gelesen zu haben. Ich meine, das liegt daran, dass viele Autoren nach Puschkin ebenfalls eine ähnliche  Liebesgeschichte vor (russischen) Kriegswirren zu Papier brachten.
Die Hauptmannstochter (1836) gilt – so lese ich – als Puschkins berühmtestes Prosawerk und wird als wichtiger Vorläufer für Leo Tolstoj: Krieg und Frieden angesehen.
PuschkinDie Hauptmannstochter, 23.Januar 2011
Pique-Dame

Links
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PuschkinAleksandr (Sergeyevich) Pushkin (1799-1837)
PuschkinDie Geschichten des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin
PuschkinAlexander Puschkin - Der Posthalter und drei weitere Novellen (Der Postmeister – Dubrowskij – Die Hauptmannstochter) 
PuschkinRezension von Nadine
PuschkinElisabeth Hellenbroich: Das Gute, Schöne und Wahre. Zum 200.Geburtstag von Alexander Puschkin
Peyton Ausgewählte Links zur Kurzgeschichte – Short Story
Puschkin Kurzgeschichtenanthologien, Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen dazu
PuschkinLjudmila Ulitzkaja: Der Mann der hundert Legenden Alexander Puschkin zum 200. Geburtstag, Die Welt 5.6.1999
Literatur
Bethea, David M., Sergei Davydov (1981): „Pushkin’s Saturnine Cupid: The Poetics of Parody in The Tales of Belkin”. PMLA 96:1, S. 8-21.
Carli, Gabriela (1986): „Zu einigen Aspekten der Rezeption von Puskins Werken nach 1945”. Zeitschrift für Slawistik 31:6, S. 881-887.
Rosenshield, Gary (1994): „Choosing the Right Card: Madness, Gambling, and the Imagination in Pushkin’s “The Queen of Spades””. PMLA 109:5, S. 995-1008.
Schneider, Martin (1997): Postmeister und Stationsaufseher: Eine Studie zur deutschen Puskin-Rezeption. Vorträge und Abhandlungen zur Slavistik, Bd. 33. München: Otto Sagerer. 173 Seiten
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Puschkin PuschkinAlexander S. Puschkin: Die Meistererzählungen. Fred Ottow, Übs. Düsseldorf: Albatross, 2006. Gebunden, 447 Seiten

Puschkin PuschkinAlexander S. Puschkin: Die Erzählungen / Die Romane. Peter Urban, Übs. Friedenauer 2013. Gebunden Puschkin
Alexander S. Puschkin: Pique-Dame und andere Erzählungen. Fega Frisch, Übs.; Erich Müller-Kamp (Nachwort). Zürich: Manesse, 1965. Gebunden, 552 Seiten Puschkin
Puschkin PuschkinAlexander S. Puschkin: Der Schneesturm und andere Erzählungen. Alexander Eliasberg. Übs. Europäischer Literaturverlag, 2014. Taschenbuch, 164 Seiten Puschkin
Alexander S. Puschkin: Erzählungen. Fred Ottow, Übs. DTV, 1977. Taschenbuch, 464 Seiten Puschkin
Puschkin PuschkinAlexander S. Puschkin: Meistererzählungen. Diogenes, 1987. Taschenbuch, 368 Seiten Puschkin
Alexander Puschkin: Der Schneesturm und andere Erzählungen. Alexander Eliasberg, Übs. Dearbooks, 2014. Taschenbuch: 164 Seiten Puschkin
Puschkin PuschkinAlexander S. Puschkin: Die Hauptmannstochter. Arthur Luther, Übs. Insel, 2014. Taschenbuch, 171 Seiten Puschkin
Alexander Puschkin: Die Hauptmannstochter. Arthur Luther, Übs. Europäischer Literaturverlag, 2011. Taschenbuch: 148 Seiten Puschkin
Bayley PuschkinJohn Bayley: Pushkin: A Comparative Commentary. Cambridge: Cambridge UP, 1971. Gebunden, 368 Seiten
 
Puschkin PuschkinAlexander S. Puschkin: Der Postmeister / Das Fraulein als Bauerin / Der Schneesturm / Der Sargschreiner. Maria Sebald, Sprecherin. Naxos 2003. 2 CDs Zeit: 2:26:31 Puschkin
Alexander S. Puschkin: Pique Dame: Meistererzählungen. Audio-CD – Audiobook, 2007. Brigitte Buhre & Traugott Buhre, Sprecher Puschkin
Puschkin Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.12.2014