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Gasdanow
Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf
München: Hanser, 2012. Gebunden, 192 Seiten. Rosemarie Tietze (Nachwort, Übersetzerin) – Gaito LinksGaito Literatur
Auf nahezu jeder Webseite über das Bewusstsein findet man das Bild eines Hirns, vom Schädel befreit. So wird in nahezu jeder Besprechung dieses Romans der erste Satz zitiert und ich will hier keine Ausnahme machen:
„Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe.“
Die Kriegsszene in den russischen Revolutionswirren wird eingangs vom namenlosen Ich-Erzähler vorgetragen. Jahre später in Paris fällt ihm der Erzählungsband I'll Come Tomorrow von Alexander Wolf in die Hände. Er enthält drei Novellen, die dritte „The Adventure in the Steppe” schildert detailgenau jene Kriegsszene aus der Sicht des Opfers, des nur vermeintlich Ermordeten. Verständlich, dass der Erzähler den Autor Alexander Wolf aufspüren will. Allerdings zeigt der Londoner Verleger, den er als erstes aufsucht, die Kehrseite der Medaille: Wolf ist keinesfalls ein Russe, die Geschichte frei erfunden und wenn die Person in der Erzählung doch Alexander Wolf wäre, wären viele froh, wenn der 16-jährige Soldat damals besser geschossen hätte.
Erinnerungen täuschen, ist eine Hauptthese des kurzen Romans.
  • Die im ersten Satz benannte, den Ich-Erzähler beherrschende Erinnerung belegt es: sie täuscht.
  • Fast erwartet der Leser, dass Alexander Wolf die Behauptungen des Londoner Verlegers bestätigt. Doch da täuscht sich der Leser: Wolf ist kein Phantom, sondern ein bekannter Lebemann: Abenteurer, Trunkenbold und Frauenverehrer (S. 23).
Vielfältig verstärkt Gasdanow / Ich-Erzähler die Ungewissheit der Erinnerung:
  • „50 oder 60 Meter” (S. 7)
  • „Wolf kam aus Moskau, vielleicht auch von anderswo, jedenfalls aus Nordrussland” (S. 17)
Nicht von ungefähr ist Gasdanow mit den Existenzialisten geistig verwandt. Oft wird zum Vergleich Vladimir Nabokov und Albert Camus herangezogen. Dessen Der Fremde beginnt mit: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht.“
Jede Begebenheit kann man von mehreren Seiten aus betrachten und sie stellt sich oft völlig anders dar. Diese Zerrissenheit wird auch mit den Charakteren der beiden Protagonisten vorgeführt. Der Erzähler leidet unter „einer unüberwindlichen und äußerst hartnäckigen Spaltung”  und hält Wolf für zwiespältig (S. 23). Die Protagonisten fühlen oft zwei Personen in ihrem Körper. Oder betrachten ihren Körper als von ihnen losgelöst, wie in dem Motto von Edgar Allan Poe, das Alexander Wolf seinem Erzählband vorangestellt hat:
„Beneath me lay my corpse with the arrow in my temple”
(„Unter mir lag mein Leichnam, den Pfeil in der Schläfe”)
Edgar Allan Poe: A Tale of the Ragged Mountains
Das gipfelt in dem Boxkampf zwischen einem Franzosen und einem Amerikaner. Derselbe Boxkampf wird von den Kontrahenten ganz unterschiedlich gesehen.
Der Roman spielt  im Paris der 1930er Jahre (der Tango „Il pleut sur la route” von Tino Rossi  – S. 14 – erschien 1935), jedoch ziemlich abgeschlossen von Politik, Gesellschaft und der Außenwelt. Nur einmal greift das Tagesschehen mit einem Boxkampf ein. Gasdanow konzentriert sich auf die Psyche und das Innenleben seines Personals. Ein Kernsatz dazu:
„Wenn jeder Wassertropfen unterm Mikroskop eine ganze Welt ist, so enthält jedes Menschenleben in seiner endlichen und zufälligen Hülle ein riesiges Universum” (S. 90).
Dabei macht er sich – wie oben schon angemerkt – manche Position des Existentialismus (der Roman erschien als Fortsetzungen 1947 – 1948 in der New Yorker Zeitschrift Nowny Schurnal) zu eigen. Das Leben – so der Ich-Erzähler – ist voller Treubruch, Feigheit, Abtrünnigkeit, Habsucht, Dummheit [hört die Aufzählung noch auf?] und Verbrechen (S. 95).
Ganz groß sind die kleinen Diskussionen über grosse Themen wie Gott, Tod, das Schicksal und die Welt, die man typischerweise in der russischen Literatur erwartet und findet.
Metaethischer Nonkognitivismus
Zum Existentialismus gehört oft ein metaethischer Nonkognitivismus. Der Gymnasiallehrer des Ich-Erzählers vertritt einen Anti-Realismus der Ethik: es gibt keine verbindliches moralisches Gesetz oder Gebot. Daraus folgt, dass man moralische Gesetze auch nicht erkennen kann. Die Ethik gründet sich einzig auf die Akzeptanz ethischer Regeln durch uns selbst (S. 93). Der ganze Roman drückt diese Erkenntnis und das Bedauern darüber aus.
Diese Position machte auf den Erzähler einen langwirkenden  Eindruck: „Es war ein kluger Mann, vielleicht der klügste, den ich je gekannt habe” (S. 12). Auch hier wieder das Unverbindliche, sofort das Gesagte wieder Einschränkende. Darin gleicht Gasdanow Franz Kafka, der dieses Stilmittel zur Vollendung trieb.
Als Kontrapunkt – und sozusagen eine ethische Regel "by doing" aufstellend – folgt auf diese Überlegungen ein Treffen und Ausflug mit Jelena (S. 93-96). Es gibt Glücksmomente, die alle Sinnlosigkeit des Lebens aufwiegen. Nur deshalb kann man Charles Dickens zustimmen: „Uns wurde das Leben unter der unabdingbaren Voraussetzung geschenkt, dass wir es tapfer verteidigen bis zum letzten Atemzug” (S. 93).
Antikriegsroman
Drei männliche Protagonisten – der Ich-Erzähler, Alexander Wolf und Wosnessenski, der bei der zentralen Begebenheit ebenfalls dabei war – wurden durch die Kriegswirren aus der Bahn geworfen. Als Exilanten treiben sie in Westeuropa umher, wie der Autor und Nabokov, mit dem er verglichen wird, oft mittellos, ohne Heimat, meist unter ihresgleichen. Damit steht auch der Krieg auf der Anklagebank. Oft wird aus einer anti-realistischen ethischen Position abgeleitet, Krieg, Mord und Totschlag sei die Folge. Doch ebenso kann man ableiten: es gibt nichts, für das sichKrieg, Mord und Totschlag lohnt. 
Stil
Gasdanow erzählt in elegantem Stil, der den polyglotten Exilrussen im Paris der 30-er Jahre völlig angemessen ist. Snobismus schwingt dabei mit und Sentimentalität, ähnlich wie bei William Somerset Maugham. Das erzeugt die richtige Atmosphäre.
Wie man liest, ist die Übersetzung von Rosemarie Tietze hervorragend. Das spürt der Leser, wenn er trotz gewundenen Innenansichten am Buch klebt.
Gemeiner Seitenhieb auf Frauen
„... weil das Buch, trotz der unbezweifelhaften und wahrhaften Meisterschaft, mit der es geschrieben war, auf Frauen, denke ich, eine besondere Anziehungskraft ausüben musste.” (S. 12)
Persische Legende vom Gärtner und dem Tod
Die persische Legende vom Gärtner und dem Tod (S. 68) ist eine Variante zu William Somerset Maugham: "The Appointment in Samarra", 1933 ( Gaito Links). Man kann dem Schicksal nicht entrinnen. Gerade, wenn man meint schlauer zu sein, wird man selbst zum vollendenden Werkzeug.
Der Roman beginnt mit einem Mord, der keiner war, und den Erzähler zeitlebens verfolgt und endet mit einem Mord um Freundin Jelena Nikolajewna zu retten (S. 107).  Es ist ein Roman, den ich kaum gelesen hätte, wenn mir jemand seinen Inhalt kurz zusammengefasst hätte, der mich aber beim Lesen und als Hörspiel mitriß und faszinierte. Vielleicht fehlt eine große Klammer, vielleicht ist manches zu zufällig zusammengeführt und der Schluss etwas theatralisch, aber ich habe den Roman schon mehrfach weiterempfohlen: für mich ein Highlight des Lesejahrs 2013.
Links
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GasdanowMaxim Biller: Wofür brauchen wir Literatur? FAZ, 18.11.2012
GasdanowAndreas Breitenstein: Die Lava der Erinnerung, NZZ 9. Oktober 2012
GasdanowPerlentaucher
GasdanowAndreas Puff-Trojan: Der Tod muss ein Russe sein, Die Welt 20.12.2012
GasdanowIris Radisch: Das Leben der Toten, Die Zeit, 4. Oktober 2012  
GasdanowTilmann Spreckelsen: Wem gehört die Erinnerung? FAZ, 24.8.2012
GasdanowGisela Trahms: In einem Atemzug mit Nabokov, cultur magazin 28. November 2012
GasdanowAndreas Wirthensohn: Gasdanow, Gaito: Das Phantom des Alexander Wolf, Wiener Zeitung, 12.10.2012
Gasdanow Erster Satz in der Belletristik - Anfänge von Romanen, Erzählungen
Gasdanow Franz Kafka
Gasdanow William Somerset Maugham
Gasdanow W. Somerset Maugham: "The Appointment in Samarra", 1933
Gasdanow Edgar Allan Poe
Literatur
Jens Bisky: Der Schuss, SZ 27.8.2012
Tietze, Rosemarie (2013): "On the Transformation of Gaito Gasdanow". Akzente – Zeitschrift für Literatur 60.3. S. 229-230.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 30.11.2013