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Dostojewski
Fjodor M. Dostojewski: Erzählungen
Frankfurt: Fischer, 1978. Taschenbuch, 363 Seiten – Fjodor M. LinksFjodor M. Literatur
Der hier besprochene Band enthält die folgenden Erzählungen von Fjodor M. Dostojewski:
Herr Prochartschin
Ein junges Weib (Die Witwe)
Polsunkoff
Ein schwaches Herz
Ein ehrlicher Dieb
Ein kleiner Held
Eine dumme Geschichte
Bobok
Die Sanfte
Traum eines lächerlichen Menschen.
Eine dumme Geschichte
Zar Alexander II. führte 1861 die sog. „Großen Reformen“ in Russland ein:
  • Justizreform
  • neue Militärorganisation
  • Aufhebung der Leibeigenschaft
Russland sollte in Europa wieder konkurrenzfähig werden. Der humanitäre Aspekt war nicht ausschlaggebend.
"Eine dumme Geschichte" (alternative Titeln u.a.: "Eine peinliche Geschichte", "Eine garstige Anekdote") erschien im Jahre 1862.
In Petersburg sitzt der 43-jährige Wirkliche Staatsrat Iwan Iljitsch Pralinski, seit kurzem im Generalsrang, mit zwei altgedienten Generälen zusammen. Sie trinken und diskutieren über die Reformen. Pralinski betont die Humanität als Grundlage der Reformen. Sie vermag die Standesgrenzen zu überwinden.
Nach Mitternacht will Pralinski aufbrechen, aber sein Kutscher ist nicht da, er soll auf einer Hochzeit in der Nähe sein. Pralinski ärgert sich und geht zu Fuß. Dabei kommt er an jener Hochzeitsfeier vorbei. Er beschließt sich jovial zu geben, die Standesgrenzen außer Acht zu lassen, die Unterschicht mit seiner Anwesenheit zu beglücken und das Fest zu besuchen.
Sein Untergebener Registrator Porfiri Petrowitsch Pseldonimow ist der Bräutigam, auch Akim Petrowitsch Subikow, sein Bürovorsteher, ist unter den Gästen.
Allein, statt dass man Pralinskis Humanität erkennt und seine Großzügigkeit honoriert, stört seine Anwesenheit die ungezwungene Hochzeitsgesellschaft.
Je mehr Pralinski trinkt, desto betrunkener wird er und desto mehr kehrt die alte Ausgelassenheit wieder zurück. Der Generals wird ausfallender, sein Speichel fliegt auf die Gäste. Als Pralinski gehen will fällt er sturzbesoffen hin.
Pseldonimow läßt ihn ins Brautbett bringen, er selbst richtet sich mit seiner Braut auf Stühlen ein. Die Brautmutter betreut Pralinski bis zum Morgen. Ohne ihr zu danken will Pralinski möglichst schnell fort.
Dann verfährt Pralinski nach dem Motto: morgen mach ich blau und dann komm ich eine Woche nicht, bis Gras über die Sache gewachsen ist.
Als er nach einer Woche wieder die Kanzlei betritt tun alle so, als sei nichts geschehen. Sein Sekretär Subikowlegt ihm das Versetzungsgesuch Pseldonimows vor.
Pralinski merkt, wie fein er sich aus der peinlichen Affäre ziehen kann: „Ach so, er will versetzt werden” un d ergänzt: „Nun, ich meinerseits ... ich werde natürlich ... Ich bin bereit dazu”.  Subikow will schon abtreten, aber Pralinski übertrifft sich an Großzügigkeit: „sagen Sie Pseldonimow, daß ich ihm nichts nachtrage... Daß ich im Gegenteil sogar bereit bin, alles Vorgefallene zu vergessen, alles zu vergessen, ...”
"Eine dumme Geschichte" ist eine statirisch groteske Erzählung der Extraklasse, wenn man die feine Beobachtunsgabe Dostojewskis schätzt.
Die Sanfte - Eine phantastische Erzählung [Krotkaja]
Ein namenloser Pfandleiher spricht auf eine Kundin, ein 15-jähriges Mädchen an. Er wirbt um sie und heiratet sie, da ist die Kleine sechzehn Jahre. Nach seiner Auslegung hat er sie von der dreijährigen Sklaverei bei deren Tanten erlöst (S. 293). Von Anfang kündigt er ihr ein strenges Regiment an (S. 295, 297).
Wenn sich der Pfandleiher besinnt, dass er die Wahrheit ergründen will, bekennt er schon mal, dass er weder klug, noch talentiert oder gut ist, sondern „ein ziemlich billiger Egoist“ ist (S. 294). Seine sanfte willfährige Frau kommt hinter seine Vorgeschichte: er wich in der Armee einem Duell aus und wurde unehrenhaft entlassen. Er verfiel in Trunksucht und Sandlertum und wurde nur durch eine Erbschaft gerettet. Nun sucht er nach dem erlösenden Mutbeweis. Mit Strenge und beredter Schweigsamkeit (ein oft sich wiederholende Metapher: „Ich [...] sprach fast nur durch Schweigen“, S. 298) u.v.a.  bringt er seine junge Frau zur Rebellion (man denke an die kleine Szene vor ihrem ersten Treffen mit dem Leutnant, S. 304) und schließlich zur Weißglut. Er wollte, „daß sie mich anbetete für meine Leiden“ (S. 298). Den ersten Sieg trägt er davon, als er das harmlose Stelldichein seiner Frau mit Leutnant Jefimowitsch belauscht. Schließlich greift sie zur Waffe. In einer grossartigen Szene merkt er es und merkt, dass sie merkt, dass er merkt. Er bleibt mutig und sie läßt von ihrem Vorhaben ab. Er jubiliert: „Ich, ich hatte gesiegt! – und sie war für immer besiegt!“ (S. 309). Er kauft ihr ein eigenes Bett in einem anderen Zimmer und betrachtet die Ehe als aufgelöst.
Nun schlägt sein Charakter um: er küsst ihre Füsse, wird zum Charmeur. Er will für sie ein Paradies bereiten, „actually, imprison her in this paradise“ (Koehler 1985, S. 120). Er meint sie unterworfen zu haben, doch sie wagt es unschuldig zu singen. Sie hält es nicht mehr aus und löst ihre einst zum Pfand gegebene Ikone von der heiligen, jungfräulichen Pelageja aus: sie gibt sich den Freitod.
Der Pfandleiher begreift selbst da nichts: er meint er sei nur fünf Minuten zu spät gekommen,
IV. Abschnitt im 2. Kapitel;
„Im ganzen nur fünf Minuten zu spät“ (S. 322).
dabei war sein gesamter Lebensentwurf nach der Entlassung aus dem Militär verfehlt.
Zwei gegensätzliche Charaktere
Mit der Sanften und dem Pfandleiher zeichnet Dostojewski zwei ganz unterschiedliche Charaktere. Dabei muss man immer die Vorrede im Auge behalten (in der die Geschichte als phantastisch und wirklichkeitsgetreu – ein weitere Gegensatz – gekennzeichnet wird, der Erzähler als eingefleischter Hypochonder gebrandmarkt wird) und die Tatsache, dass der Monolog der des Pfandleihers ist, auch wenn er betont, das Pro und Contra abzuwägen.
Einige Vorfälle zeigen, dass die Sanfte es dick hinter den Ohren hat. Sie reagiert spitzbübisch als der Pfandleiher dahinter kommt, dass sie Pfänder zu grosszügig einschätzt (S. 302); sie will ihn töten, sie singt unbeteiligt (überheblich), wenn er nicht da ist. Allerdings passt zu dieser These der (versteckten) Selbständigkeit nicht ganz der letztlich gewählte Freitod.
Der Pfandleiher verrät seinen unüberbrückbare Kränkung seit dem Militär. In einem langen Monolog rechtfertigt er sich, da ihn die anderen verstoßen haben (S. 301). An einer Stelle verrät er noch mehr über sich, als er seine Frau mit einem wütenden Tier vergleicht (S. 303).
Allegorie auf Staat und Volk
In der Diskussion wurde der bemerkenswerte gedanke aufgeworfen, die Sanfte könne das unterjochte russische Volk darstellen, der Pfandleiher die Obrigkeit. Der Freitod mit Ikone deute an, dass der einzige Ausweg die Flucht in die Religiösität sei. Prima facie leuchtet das ein, ist mir aber doch zu pessimistisch und fatalistisch.
Hintergrund
Als im Oktober 1876 eine junge Näherin mit einer Ikone in den Händen aus dem Fenster sprang, veranlasste diese Begebenheit Dostojewski zu dieser dichten Erzählung.
Die jahrhundertalte Vorgeschichte: Die heilige Pelageja wollte nicht in heidnische Hände fallen und zum Abfall ihres Glaubens gezwungen werden. Auch ihre Jungfräulichkeit, die sie für den Himmel bewahren wollte, spielte eine Rolle. So werden – ansonsten verfemte – Suizid-Leute selbst im Christentum als Heilige anerkannt. Entgegen allen Beteuerungen ist auch im Christentum der Suizid für ein vermeintlich höheres Ziel angesagt.
Paradoxien
Eine Geschichte, die zugleich „im höchsten Grad wirklichkeitsgetreu“ und doch „phantastisch“ ist, mutet von vornherein paradox an. Es ist nicht das einzige Paradox der Erzählung. Sie gliedert sich in zwei Kapitel und im ersten trägt der III. Abschnitt die Überschrift:
„Bin der edelste Mensch, glaube es jedoch selbst nicht“ (S. 296).
Das ist eine Paradebeispiel für Moores Paradox. George Edward Moores paradigmatischer Satz:
„Es regnet, aber ich glaube es nicht“
wird seit 100 Jahren heiß diskutiert. Hier beöegt die Überschrift und der Inhalt der Erzählung den unzuverlässigen Erzähler. Die Einleitung spricht von einem eingefleischten Hypochonder. Er erklärt den Leser seine Position mehrfach:  „... ich will die Wahrheit sagen, ich fürchte mich nicht, der Wahrheits ins Antlitz zu schauen: sie ist schuld, sie ist schuld!“ (S. 302); „ich habe sie zu Tode gequält – das ist es!“ (S. 324).
Innerer Monolog
Wie innovativ der Innere Monolog war ergibt sich aus der Vorrede. Dostojewski bemühlt einen virtuellen Stenografen um die inneren Gedanken des Pfandleihers aufzuzeichnen und übernimmt selbst die Glättung. Er beruft sich auf Victor Hugo: „Der letzte Tag eines zum Tode Verurteilten“. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts – man denke an Arthur Schnitzler: Leutnant Gustl  (1901) – setzt sich er Innere Monolog als Erzählform durch. Siehe dazu Niehaus (1994), Fjodor M.Literatur.
Dabei ist für die gesamte Erzählung wichtig: „Was wir in dieser Erzählung über die Geschlechter erfahren, hat bereits den Wahrnehmungsfilter des männlichen Protagonisten durchlaufen. Alles, was wir zu lesen bekommen, sehen wir durch sein Prisma“ (Schult 2004, S. 266). Sein implizites Urteil "Sie war sanft, und ich bin schuld", will er gerade dadurch wieder in Frage stellen.
Naturalismus
Zwölf Jahre nach „Die Sanfte“ erscheint 1888 Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ eine weitere grossartige Novelle des Naturalismus. Das Schuldproblem behandeln beide Novellen.
Knut Hamsun über "Die Sanfte": „Ein ganz kleines Büchlein. Aber für uns alle ist es zu groß, zu unerreichbar groß“ (Koehler 1985, S. 113).
Neben dem Bahnwärter Thiel erinnert Dostojewskis Novelle auch an die Frau in Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules. Sie nimmt den toten Jules zum Anlass ihm all das zu sagen, was sie zu seinen Lebzeiten nicht konnte. Beide siehe unter Vergleichsliteratur.
„Die Sanfte“ ist zweifellos ein Meisterwerk der gesamten Novellenliteratur. Es enthält eine Reihe unterschwelliger Themen, die auch heute noch jeden Leser ansprechen. Form und Inhalt passen unverbesserlich zusammen.
Der Sammelband Das Krokodil (Fjodor M. Literatur) enthält die folgenden 5 Erzählungen:
  • Roman in neun Briefen (1847)
  • Das Krokodil (1865)
  • Eine peinliche Geschichte (1862)
  • Die Sanftmütige (1876)
  • Ein kleiner Held (1857)
Links
DostojewskiEine dumme Geschichte (Wikipedia)
DostojewskiFjodor M. Dostojewski "Eine peinliche Geschichte", BR2
DostojewskiMeistererzählungen
DostojewskiChristof Rudek: Kurz und manchmal komisch - In der „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“ ist eine Auswahl aus Dostojewskis Erzählungen erschienen
DostojewskiDie Sanfte (Wikipedia)
DostojewskiHintergrund zur Erzählung "Die Sanfte"
DostojewskiDie Sanfte - Leselust
DostojewskiMeistererzählungen: Mit Schweigen zu Tode gequält... („Die Sanfte“)
DostojewskiDostojewski: Die Sanfte bei Nur so Kram
DostojewskiFjodor Michailowitsch Dostojewskij
DostojewskiMoores Paradox
Vergleichsliteratur
Dostojewski Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules
Dostojewski Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel
Literatur
Koehler, Ludmila (1985): "Five Minutes Too Late ...". Dostoevsky Studies 6, S. 113-124. („Die Sanfte“, Dostojewskionline)
Niehaus, Michael (1994): "Die Vorgeschichte des,inneren Monologs‘". Arcadia - Internationale Zeitschrift für Literaturwissenschaft 29:3, S. 225-239.
Schult, Maike (2002): "Pro-et-Contra-Bilder: „Die Sanfte“ im Spiegel von Andersens „Schneekönigin“". In: Jahrbuch der Deutschen Dostojewskij-Gesellschaft, 9. S. 77–90.
Schult, Maike (2004): "Die sanfte Subversion von Geschlechterklischees. Macht, Geld und Gender in Dostoevskijs Novelle „Krotkaja“". In: Eva Labouvie, Katharina Bunzmann, Hg.: Ökonomien des Lebens. Zum Wirtschaften der Geschlechter in Geschichte und Gegenwart. Münster: LIT, 2004. S. 265–278.
Schult, Maike (2005): "Liebe. Macht. Klischee – Zeitloses in Dostoevskijs Novelle „Die Sanfte“". In: Klaus Tanner, Hg.: „Liebe“ im Wandel der Zeiten. Kulturwissenschaftliche Perspektiven.  Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2005. S. 199–212.
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Dostojewski DostojewskiFjodor Dostojewski: Die Sanfte. Eine phantastische Erzählung. Wolfgang Kasack, Übs. Insel 1989. Taschenbuch, 87 Seiten Dostojewski
Fjodor Dostojewski: Die Sanfte. Sprecher: Ralph Misske. argon Hörbuch, 2006. Doppel-CD Dostojewski
Dostojewski DostojewskiFjodor Dostojewski: Das Krokodil. Erzählungen. Zürich: Manesse, 2015. Christiane Pöhlmann. Übs. Gebunden, 448 Seiten Dostojewski
Fjodor Dostojewski: Das Krokodil. Erzählungen. Kindle Edition Dostojewski
Dostojewski DostojewskiFjodor Dostojewski: Sämtliche Erzählungen. E. K. Rahsin, Übs. München: Piper, 1984. Taschenbuch: 528 Seiten Dostojewski
Fjodor Dostojewski: Erzählungen. Reclam, 1991. Taschenbuch: 359 Seiten Dostojewski
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