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Dubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen
[Ministarstvo Boli]. Berlin: Berlin, 2005. Barbara Antkowiak, Mirjana und Klaus Wittmann, Übs. Gebunden, 287 Seiten
ugresic Linksugresic Literatur

Die kroatische Philologin Tanja Lucic muss Zagreb wegen des Krieges verlassen und kommt über Berlin auf Einladung einer entfernten Bekannten nach Amsterdam. Dort leitet sie ein Seminar für serbo-kroatische Literatur an der Universität. Die Seminarteilnehmer sind meist Geflüchtete wie Tanja selbst. Sie studieren eher nebenher, jobben und warten auf Papiere, wie die Aufenthaltserlaubnis.
Im ersten Semester führt die Dozentin ein lockeres, freundschaftliches Seminar, wird aber dafür beim Institutsleiter angeschwärzt. Darauf wird das zweite Semester ein strenger Vorzeigeunterricht mit abschliessender Prüfung. Besonders freundet sich Tanja mit Igor an, der jedoch (beflügelt von der Arbeitsstelle "Das Ministerium der Schmerzen" ?) bei einem Besuch bei ihr ausrastet (oder war es geplant?) und sie beschämend drangsaliert und entwürdigt. Obwohl sie ihn anzeigt, verläuft das im Sande, ja mehr, sie zieht mit Igor zusammen (S. 282). Das ist mehrfach merkwürdig: die Autorin gibt keinen Hinweis auf die Gründe; es bestärkt meine latente Meinung, dass Frauen sadistischen Männern oft nicht nur vergeben, sondern sogar nachlaufen. Gewalt der Männer gegen Frauen wird belohnt. Ich dachte an Disgrace, wo ein ähnliches Verhalten (weiße Frau heiratet ihren afrikanischen Vergewaltiger) jedoch von J. M. Coetzee (ugresic J. M. Coetzee: Disgrace) zwischen den Zeilen motiviert wird.
Ein Arbeitgeber der Studentenschaft ist eine Zuliefererfirma der S&M-Ladenkette "Das Ministerium der Schmerzen". Der Titel ist auch Metapher für die Leiden der Heimatlosen und Verjagten. Ugresic verwendet häufig recht ungewohnte Metaphern. Eine Beklommenheit wächst mit tropischer Geschwindigkeit (S. 37) und Schnee fällt in XXL-Flocken (S. 142).
Der Roman besteht aus fünf Teilen und einem Epilog. Für mich war er sandwichartig dreigeteilt. Die eigentliche Handlung in Amsterdam (mit Zwischenaufenthalt in der Heimat) wird eingeleitet und beendet von mehr essayistischen Ausführungen. Mit dieser Hülle wollte mir die Autorin (nehme ich an) Wichtiges über den Status der Balkanflüchtlinge mitteilen, das aber bei mir – vielleicht mangels eigener entsprechender Erfahrung – auf Unverständnis stieß. Im Mittelteil konnte man die Entwurzelung gut nachvollziehen. Alle Heimatentfremdeten tragen ein Kainsmerkmal auf der Backe. Fremd ist man in jedem Land, wo man bei der Ankunft nicht erwartet wird. Ich glaubte ihr auch, dass für die meisten Menschen der Tod von Elvis Presley schlimmer ist als die Zerstörung der Bibliothek von Sarajewo (S. 132).
Die Autorin benützt viele literarischen Anspielungen, die ich zum Teil entdeckte. Der Ort (?) Madurodam (S. 268) war mir allerdings fremd. So erschließt sich der Text insgesamt wohl nur den Balkan- und Literaturkennern. Der Mittelteil ist lesenswert.
Mit dem Thema des Fliegenden Holländers hat Das Ministerium der Schmerzen wenig zu tun. Die Protagonistin lebt zeitweise in Holland und fliegt (fährt) gelegentlich zurück in ihre Heimat. Die Rezension in der Welt (ugresic Links) wurde wohl eher des Effekts wegen so genannt.
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Links
ugresicHendrik Werner: "Die fliegende Holländerin", Die Welt 12. November 2005
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Dubravka Ugresic:
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ugresic Der Fliegende Holländer
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ugresic ugresicDubravka Ugresic: Das Ministerium der Schmerzen. Berlin: Berlin, 2005. Gebunden, 287 Seiten. [Ministarstvo Boli] Barbara Antkowiak und Mirjana und Klaus Wittmann, Übs.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 24.11.2005