Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Lenka Reinerová
Lenka Reinerová: Zu Hause in Prag - manchmal auch anderswo. Erzählungen
Berlin: Aufbau, 2000. Gebunden, 189 Seiten – Biografie
Selten passte eine Buchtitel besser. Die Erzählungen drehen sich um zu Hause sein, Exil und die Behausungen, die sich die Menschen einrichten. In ersten, längsten Geschichte schildert die Autorin in Ich-Form, aus ihrem eigenen bewegten Leben in Prag und im Exil. Immer wieder muß sie ihr zu Hause woanders aufschlagen. Wie sie die Wohnung auswählt, warum das Zimmer ihr gefällt oder mißfällt, erzählt sie so, daß der Leser mit dabei ist. Als Gegenbild dazu streut sie Fragen an Virginia ein ("Darf ich bei dir stehenbleiben, oder ist es dir lieber, wenn ich wegschaue?", S. 31), die ihr als Bettlerin auf dem Weg zur Londoner Royal Festival Hall begegnet. Man begreift, wie schmal die Kluft zwischen dem Leben der Reinerová und das der Obdachlosen ist. War sie nicht auch lange Zeit zumindest heimatlos? Glückliche Zufälle und wohl auch eine zupackende, bejahende Einstellung bewahrten sie davor.
Erst mit der letzten Erzählung "das halbe Gesicht" wurde mir das zweite große gemeinsame Thema klar (obwohl es – oben zitiert – schon früh ausgesprochen wurde). Es ist die gegenseitige Hilfe der Menschen in Not. Man findet immer jemand, den das Schicksal noch härter traf. Da muß man hinschauen. Wohltuend fand ich, daß Reinerová die Menschen, die lieber wegsehen, nicht anklagt. Trotz der harten Zeit für sie wird sie nicht verbittert.
Vielleicht eine Marotte von mir: die Verkürzung auf "Hitlerdeutschland" (S. 74) gefällt mir nicht. Keiner spricht von "Stalinrußland" oder "Churchillengland". Siehe drittes reich Die Gräueltaten im sogenannten Dritten Reich.
Zwei Zitate, die als Motto für das Buch gelten können
"Aufgezwungenes Exil ist wie ein Fluch. Man lebt in einem Land und wird zugleich mit tausend unsichtbaren Fäden in einem anderen, unerreichbaren festgehalten" (S. 74).
"An verschiedenen Ort unsere Erdballs kann ich mich wohlfühlen und habe das auch wiederholt ausprobiert. Aber zu Hause, das weiß ich verläßlich, richtig zu Hause bin ich in Prag" (S. 102).
Sonderbar: wie Lenka Reinerová mußten viele Tausend ins Exil. Ihr Schicksal ist daher keinesfalls singulär. In Tanja Dückers Himmelskörper bemängelte ich, daß eine typisch deutsche Familiengeschichte verhandelt wird. Lenka Reinerová belegt, wie man solch einen Stoff hervorragend, besinnlich und packend zugleich, dem Leser darbieten kann. Ein sehr empfehlenswerter Erzählband.
Biografie
* 17. Mai 1916 in Prag; arbeitete zunächst als Journalistin
1939 Flucht über Frankreich nach Mexiko (1941)
1945 Rückkehr nach Belgrad mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Arzt Theodor Balk
1948 Rückkehr nach Prag 1952 Verhaftung im Rahmen der "stalinistischen Säuberungen"
1964 rehabilitiert 1968 aus der KP ausgeschlossen, Publikationsverbot.
Lebt in Prag / Tschechien. Schreibt in deutscher Sprache Gedichte, Erzählungen und Romane.
1999 Schiller-Ring 2001 Staatspreis Tschechien 2003 Goethe-Medaille
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Lenka Reinerová Lenka ReinerovaLenka Reinerová. Zu Hause in Prag - manchmal auch anderswo. Berlin: Aufbau, 2001. Broschiert, 189 Seiten. Lenka Reinerová
Lenka Reinerová. Zu Hause in Prag - manchmal auch anderswo. Berlin: Aufbau, 2000. Gebunden, 189 Seiten.Lenka Reinerova

Lenka Reinerová
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 9.10.2003