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Kerner
Justinus Kerner: Zwei Särge
18.9. 1786 Ludwigsburg – 21.2. 1862 Weinsberg; Arzt und Dichter – kerner Interpretationkerner Linkskerner Literatur
Zwei Särge einsam stehen
in des alten Domes Hut,
König Ottmar liegt in dem einen,
in dem anderen der Sänger ruht.

Der König saß einst mächtig
hoch auf der Väter Thron,
ihm liegt das Schwert in der Rechten,
und auf dem Haupt die Kron.

Doch neben dem stolzen König,
da liegt der Sänger traut,
man noch in seinen Händen
die fromme Harfe schaut.

Die Burgen rings zerfallen,
Schlachtruf tönt durch das Land,
das Schwert, das regt sich nimmer,
da in des Königs Hand.

Blüten und milde Lüfte
wehen das Tal entlang,
des Sängers Harfe tönet
in ewigem Gesang.
Interpretation
Ähnlich Shelleys Sonett "Ozymandias" (shelley Links) führt Kerner in "Zwei Särge" die Vergänglichkeit des Ruhms vor. In einem Dom stehen zwei Särge; das heißt, man sieht sie wohl genau, eventuell durch einen gläsernen Deckel. Dafür spricht das Verb: "stehen" und dass man beide Gestalten wohl unterscheiden kann und die Grabbeigaben des Königs (Schwert und Krone) sieht. Der Sänger, Stellvertreter für alle Künstler, hat wohl keine Grabbeigabe: die Harfe erkennt man nur an der Form der Hände. Das Entscheidende ist, dass des Königs Taten nur verfallene Burgen hinterliessen und die Leute sich immer noch bekämpfen. Der Schwertkampf des Königs war also vergebens: der Schlachtruf tönt immer noch. Die letzte Strophe bringt den Trost, den Shelley seinen Lesern versagt: mit der holden Kunst durchziehen statt Kriegsgeschrei Blüten und milde Lüfte das Tal und, ganz zum Ende, der ewige Gesang der Harfe.
Auf drei scheinbare Nebensächlichkeiten verweise ich:
  • Der König hat einen Namen (fiktiv; Ottmar finde ich im Lexikon nicht), der Sänger nicht. Das unterstreicht die repräsentative Stellung des Künstlers.
  • Des Königs Herkunft und "Verdienst" ist der Väter Thron.
  • Der Sänger hat keine genannte Grabbeigabe; doch seine Hände zeugen noch von seiner Tätigkeit. Beim König ist es anders: sein Werkzeug liegt nutzlos neben ihm.
Hinweis per E-Mail, Februar 2006
Man kann die beiden Zeilen: "man noch in seinen Händen / die fromme Harfe schaut" auch wörtlich lesen, dass der Sänger mit seiner Harfe begraben wurde. Dann wären die allerletzten Zeilen des Gedichts: "des Sängers Harfe tönet / in ewigem Gesang" mehr auf diese Harfe im Sarg bezogen. Dabei kann man sich sogar vorstellen, dass die zuvor genannten milden Lüfte durch die Harfensaiten ziehen.
Gleichwohl meine ich, dass das "in seinen Händen" als Abdruck der Harfe zu lesen ist. Die Harfe selbst hätte nicht Platz im Sarg. Wenn sie drin wäre, kämen die milden Lüfte kaum in den geschlossenen Sarg.
Vertonungen
Friedrich Silcher 1789 Schnait (Württemberg) – 1860 Tübingen
Jenö Hubay 1858-1937 (um 1906)
Links
Justinus Kerner:  kernerBautzkernerWikipedia
kernerJustinus Kerner (1786-1862) in Weinsberg
kernerJustinus-Kerner-Verein
kernerVerzeichnis der von Justinus Kerner verfaßten und herausgegebenen Schriften
Werke online: kernerGutenbergkernerZeno.org
kernerThe Lied and Art Song Texts Page: Kerner
kernerFritz Barth: "Justinus Kerner, Arzt und Dichter; aber auch Spiritist?"
Vergleiche: kerner Percy Bysshe Shelley: Ozymandias und kerner weitere Gedichte zum Nachruhm
Literatur
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Armin Gebhardt: Schwäbischer Dichterkreis : Uhland, Kerner, Schwab, Hauff, Mörike. Tectum. Taschenbuch kerner
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 27.11.2007