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Ludwig Uhland
Ludwig Uhland: "Frühlingsglaube"
26.4. 1787 Tübingen – 13.11. 1862 Tübingen; Schriftsteller, Politiker und Germanist;
Ludwig Uhland Ludwig UhlandLudwig Uhland Interpretationen


Frühlingsglaube
   
   Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden.
 
   Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal:
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.

Entstehung: 1812
Erscheinungsjahr: 1813; Gedichte 1815 / Lieder / Frühlingslieder 2
Mendelssohn-Bartholdy Schubert SpohrVertonungen u.a von Felix Mendelssohn-Bartholdy, op. 9 no. 8., Franz Schubert, D. 686 (1820), Ludwig Spohr, op. 72 no. 1 (1826).
Meine Interpretation
Uhlands Frühlingslieder sind zahlreich. Sie stammen aus verschiedenen Jahren und wurden später in Gedichtsammlungen Uhlands zusammengefasst (Zweizeiler Ludwig Uhland"Frühlingstrost"). Sie zeichnen sich durch einfache, volksnahe Sprache ("Das Blühen will nicht enden" ist eher umgangssprachlich) aus und werden daher, und weil auch der Autor nur zur zweiten Garnitur gezählt wird, meist unterschätzt.
Hier verbindet Uhland kunstvoll zwei Themen: das Wiedererwachen der Natur und die Hoffnung für Betrübte. Ist es nicht so, daß nach langen Winternächten, trüben Wintertagen und schneebedeckten Flächen der Frühling die Krokusse herausholt und damit auch die Lebenslust, die Arbeitsfreude und den Unternehmungsgeist anstachelt? Das Kunstvolle ist zweierlei.
  1. Die beiden Strophen ähneln sich und haben doch gravierende Unterschiede. Vier Zeilen behandeln den Aufbruch der Natur, das Äußere, die beiden letzten Zeilen jeder Strophe den Zuruf zum inneren Aufbruch der Herzen. Die letzten Zeilen sind sogar wortgleich. Trotzdem liest man beide Strophen, ja ich behaupte, sogar die identischen Zeilen unterschiedlich. Die erste Strophe ist lieblicher und lockerer: "lind", "säuseln", "bang". Die Zeilen 2 und 3 lassen das Anwerfen der Mühlen vorausfühlen. Die zweite Strophe ist umfassender, pathetischer: Weltbezug und Ausblick auf eine ferne Zukunft ("Man weiß nicht, was noch werden mag"). Der Frühlingsaufbruch betrifft die gesamte Welt, nicht einmal das fernste und tiefste (Jammer)Tal kann sich dem entziehen. Da ist es mehr als konsequent, wenn auch der Misanthrop davonerfasst wird. Der auffallendste Unterschied ereignet sich aber zwischen den beiden fünften Zeilen. Während das "bang" noch ein verzagtes Herz anspricht, betrifft die "Qual" in treffender Steigerung vergangenes Leid.
  2. Das Reimschema aab ccb läßt eine Halbierung der Strophen erwarten. Durch den thematischen Schnitt nach der jeweils vierten Zeile und dem asynchronen Reimschema schafft Uhland eine innere Verbindung der beiden Themen. Das wird verstärkt durch die gleichen Vokale für die Reime a und c einerseits und dem Klammerreim b andrerseits.
Die Wortwahl ist romantisch, Eichendorff nahe. Auch die Gegenüberstellung des menschlichen Herzen mit der Natur ist ein Grundthema der Romantik. Zwar ist das "Nun muß sich alles, alles wenden" kein Aufruf zu Umsturz oder Revolution, aber ein Appell an den Menschen mit dem Wechsel der Jahreszeit sich selbst zu wandeln.
Eine Überlegung ist die Überschrift des Gedichts wert. Der Frühlingsglaube scheint mir eher die zaghafte Motivation zu bestärken. Eigentlich wirft Uhland im Gedicht zahlreiche Frühlingstatsachen ins Gewicht. Doch so ganz scheint er dem nicht zu trauen und appelliert in der Überschrift doch an den Glauben, den man zusätzlich noch mitbringen muß um die befehlsmässige Zuversicht aus den beiden letzten Zeilen umzusetzen. Nun, die Frühlingsabspeckkur wird mit dem Glauben daran sicher wirksamer.
Interpretationen
Hippe, Robert: Interpretationen zu 60 ausgewählten motivgleichen Gedichten. Hollfeld: Bange, 1968. S. 11-12
Hock, Erich: "Vergleich »Frühlingsglaube« von Ludwig Uhland mit »Er ist's« von Eduard Mörike", in: Karl Hotz, Hg.: Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Interpretationen. Bamberg: Buchner's, 1990. S. 82-84
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 15.3.2004