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Thomas Mann Tod Venedig
Weitere Notizen zu Thomas Mann: Der Tod in Venedig
Das Cicero zugeschriebene Zitat "motus animi continuus" (S. 8) über das Wesen der Beredsamkeit ist nicht von Cicero. Thomas Mann hat es aus einem Brief Gustave Flauberts an Louise Colet vom 15.7.1853 entnommen. cicero Zitate von Marcus Tullius Cicero
Beim Anblick Venedigs gedenkt Aschenbach "des schwermütig-enthusiastischen Dichters" (S. 24) Graf August von Platen und dessen Sonetts "Venedig" von 1824; platenonline bei Projekt Gutenberg.
Aschenbach vermißt beim Frühstück im Hotel Tadzio. Innerlich nennt er ihn "kleiner Phäake" und rezitiert für sich aus Homers Odyssee in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß (S. 34-35). Hier ist der Abschnitt, woraus Aschenbachs Zeile stammt.
Aber höre nun auch mein Wort, damit du es andern
Helden erzählen kannst, wann du in deinem Palaste
Sitzest bei deinem Weib und deinen Kindern am Mahle,
Und dich unserer Tugend und unserer Taten erinnerst,
Welche beständig Zeus von der Väter Zeiten uns anschuf.
Denn wir suchen kein Lob im Faustkampf oder im Ringen;
Aber die hurtigsten Läufer sind wir und die trefflichsten Schiffer,
Lieben nur immer den Schmaus, den Reigentanz und die Laute,
Oft veränderten Schmuck und warme Bäder und Ruhe.
Auf denn, und spielt vor uns, ihr besten phäakischen Tänzer:
Daß der Fremdling davon bei seinen Freunden erzähle,
Wann er nach Hause kommt, wie wir vor allen geübt sind
In der Lenkung des Schiffes, im Lauf, im Tanz und Gesange.
Einer gehe geschwind und hole die klingende Harfe
Für Demodokos her, die in unserem Hause wo lieget.
Homer: Odyssee, VIII. Buch 241-255
Die Phäaken sind ein sorgenfreies Volk, das die Insel Scheria bewohnt.
Daran scheint mir Folgendes bemerkenswert:
  1. Gustav Aschenbach kann geläufig aus Homers Odyssee zitieren,
  2. Thomas Mann fällt zu dieser Hotelszene ausgerechnet Homer ein und
  3. Thomas Mann rechnet damit, daß seine Leser die Phäaken und das Zitat orten können!
Thomas Mann Tod Venedig Anfang
"Dann schien es ihm wohl, als sei er entrückt ins elysische Land, an die Grenzen der Erde, wo leichtestes Leben den Menschen beschert ist, wo nicht Schnee ist und Winter, noch Sturm und strömender Regen, sondern immer sanft kühlenden Anhauch Okeanos aufsteigen läßt und in seliger Muße die Tage verrinnen, mühelos, kampflos und ganz nur der Sonne und ihren Festen geweiht."
(S. 48) verweist wiederum auf Homer: Odyssee.
Sondern die Götter führen dich einst an die Enden der Erde,
In die elysische Flur, wo der bräunliche Held Rhadamanthys
Wohnt, und ruhiges Leben die Menschen immer beseligt
(Dort ist kein Schnee, kein Winterorkan, kein gießender Regen;
Ewig wehn die Gesäusel des leiseatmenden Westes,
Welche der Ozean sendet, die Menschen sanft zu kühlen):
Weil du Helena hast, und Zeus als Eidam dich ehret.
Homer: Odyssee, IV. Buch 363-369
Thomas Mann Tod Venedig Anfang
Als Aschenbach Tadzio – entfernt zwar, aber immerhin – am Strande trifft, wird er an Sokrates und Alcibiades "unfern den Mauern Athens" (S. 51) erinnert: "ein Ältlicher und ein Junger, ein Häßlicher und ein Schöner, der Weise beim Liebenswürdigend" (S. 51). Friedrich Hölderlin beschreibt es so:
Sokrates und Alcibiades
»Warum huldigest du, heiliger Sokrates,
   Diesem Jünglinge stets? kennest du Größers nicht?
      Warum siehet mit Liebe,
         Wie auf Götter, dein Aug auf ihn?«

Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste,
   Hohe Jugend versteht, wer in die Welt geblickt,
      Und es neigen die Weisen
         Oft am Ende zu Schönem sich.
HölderlinHölderlin bei Projekt Gutenberg
Thomas Mann Tod Venedig Anfang
Den Ausgleich zwischen dem exakten Gedanken und dem unbeschreibaren Gefühl greift Mann so auf:
"Glück des Schriftstellers ist der Gedanke, der ganz Gefühl, ist das Gefühl, das ganz Gedanke zu werden vermag. Solch ein pulsender Gedanke, solch genaues Gefühl gehörte und gehorchte dem Einsamen damals: nämlich, daß die Natur vor Wonne erschaure, wenn der Geist sich huldigend vor der Schönheit neige." (S. 52) Die Formulierung Gedanke = Gefühl griff Mann bei von Platen auf.
Rückblick
Reizend erscheinst du, o Stadt; doch reizender warst du dem Jüngling Einst, der feurigen Blicks Leben empfing und es gab.
Glückliche Jugend! Es wird in der Seele des zärtlichen Schwärmers
Jedes Gefühl Sehnsucht, jeder Gedanke Gefühl.
August von Platen, 24.10.1796 Ansbach – 5.12.1835 Syrakus
Thomas Mann steigert die Verbindung von Gedanke mit Gefühl durch die (siehe Zitat überm Gedicht) zwei eigentlich unverträgliche Ausdrücke: "pulsender Gedanke", "genaues Gefühl".
Thomas Mann Tod Venedig Anfang
In keiner Besprechung von Der Tod in Venedig fand ich das Problem der Pädophilie angesprochen. Immerhin wirft hier ein über Fünfzigjähriger ein mehr als lüsternes Auge auf einen Vierzehnjährigen.
Pädophilie [griechisch] die, sexuelle oder erotische Neigung Erwachsener zu Kindern oder Jugendlichen beiderlei Geschlechts. (c) Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG, 1999
Obwohl neben Terrorismus wohl kaum etwas mehr verteufelt wird (zumindest in Deutschland), wird Pädophilie anscheinend bei der Literaturrezeption ignoriert. Vladimir Nabokovs Lolita gehört heute – nach anfänglicher Zensur (zensur Literaturzensur weltweit) –, zum Kanon des 20. Jahrhunderts (thomas mann Hitlisten, Top 100, Books of the Century). Nun mag man einwenden: es kommt zu keiner Berührung zwischen Gustav und Tadzio, doch das lag vielleicht nur an Gustavs Unentschlossenheit. Und steht es dann mit Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran (schmitt Rezension)? Da treibt es eine erwachsene Frau mit einem Elfjährigen. Dieser kurzer Roman wurde von Elke Heidenreich (Moderatorin, Autorin, siehe Heidenreich Elke Heidenreich: Kolonien der Liebe) empfohlen, stürmte die Bestsellerlisten und wurde zum Publikumsrenner.

Thomas Mann Tod Venedig
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 26.7.2004