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Zaimoglu
Feridun Zaimoglu: Leyla
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006. Gebunden, 524 Seiten – Feridun LinksFeridun Literatur
Leyla ist ein türkisches Mädchen, das zunächst innerhalb einer patriarchalischen Grossfamilie irgendwo in der anatolischen Provinz aufwächst. Die Familienverhältnisse, besonders die Schreckensherrschaft des Vaters, sind für Mitteleuropäer aufschlußreich aber kaum nachvollziehbar. Leyla schließt verschiedene Freundschaften und erfahrt mit Mayola, einer etwa gleichaltrigen Kurdin, dass man sein Leben auch anders verbringen kann.  Der familären Enge werden die Frauenfreundschaften entgegen gestellt.
Etwa in der Hälfte des Romans zieht die Familie nach Istanbul und Leyla wird verheiratet. Die Verhandlung darüber nimmt sie vor der Wohnungstür lauschend nur entfernt wahr. Ihr kommt es wie eine "Teppichhändlerunterhaltung" vor (S. 309). Die Ehe mit Metin, dem Schönen, scheint auf wackligen Beinen zu stehen. Metin wird mit anderen Frauen gesehen. Leyla stellt ihn zur Rede. Anscheinend fängt sich Metin. Er geht wegen der Arbeit nach Deutschland und läßt Leyla nachkommen.
Die Ich-Erzählerin Leyla (oft spricht auch ein wissender Erzähler) entwickelt sich vom unterjochten Dorfmädchen zu einer modernen Frau, die den neuen Welten in Istanbul und Deutschland aufgeschlossen scheint. Dies kommt besonders im Kontrast zu ihrem Bruder Tolga zur Geltung. Dieser hängt an dem unbedingten Zusammenhalt der Sippe fest, wohingegen Leyla diese Tradition und zugleich die Unterwerfung der Frau verwirft: "das Geschwätz der Männer nimmt den Lebenden die Luft zum Atmen" (S. 498).
Von wenigen Personen abgesehen (Leyla und der despotische Vater) erhält das Personal des Romans nur zögerlich Konturen. Die Verhältnisse in der ärmlichen türkischen Familie werden sowohl auf dem Lande als auch später in Instanbul gut dargestellt. Wohltuend verzichtet Zaimoglu auf Kontraste zwischen Anatolien – Istanbul oder Türkei – Westeuropa und erst recht auf Klischees.
Einiges am Verhalten der Figuren blieb mir unverständlich. Auch den Prolog mit dem Wolfsrudel kann ich nicht recht einordnen. Metapher für die westliche Welt, in die Leyla aufbricht?
Zaimoglu kennzeichnet die wörtlichen Rede nicht. Diese Unart ist hier sehr hinderlich, da sie den Leser oft im Unklaren läßt, ob nach dem "frage ich" und "sagt sie" die wörtliche Rede fortfährt (z.B. S. 141, S. 368, S. 475).
Leyla gibt einen breiten Blick in das türkischen Dorf- und Stadtleben. Nach der Ankunft in Deutschland endet der Roman: der Autor hielt sich eine Fortsetzung offen. Wenn mir Zaimoglu  auch zu ausführlich erzählte, kann man Leyla doch weiterempfehlen. Die Erzählweise ist um Welten angenehmer als das für mich Unlesbare Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus von Emine S. Özdamar. Dazu wurde ein Plagiatsvorwurf erhoben; davon gleich mehr.
Hochzeitsbrauch
An ihrem Hochzeitstag müsse Leyla "etwas Altes, etwas Neues, etwas Geborgtes, etwas Blaues tragen" (S. 362). Diese Tradition wird als türkisch an die Frau und an den Leser gebracht, geht aber auf einen englischen Brauch zurück.
Ich kannte die Phrase als "Something Old, Something New, Something Borrowed, Something Blue". Glenn Miller benannte so ab 1939 seine Medleys in den Rundfunksendungen und gleichnamig eine LP-Serie.
Auch einen (oder zwei? den Eddy Arnold Song kenne ich nicht) Song mit diesem Namen gibt es.
"Something Old, Something New, Something Borrowed, Something Blue", Eddy Arnold
"Something Old, Something New (Something Borrowed, Something Blue)" (R. Idris, G. Tibbles) Frank Sinatra 1946, Columbia. In diesem Sinatra Song bezieht sich der Text auf den Hochzeitsbrauch.
Der englische Vers, vermutlich auf die Viktorianische Zeit zurückgehend, lautet:
Something old, something new
Something borrowed, something blue
And a silver sixpence in her shoe.
Wenn die Braut alle vier Dinge am Hochzeitstag trägt, wird es eine glückliche Ehe. Im antiken Rom stand die blaue Farbe für Liebe, Bescheidenheit und Treue. Das Christentum übernahm diese Symbolik für die Jungfrau Maria. Es war immer eine beliebte Farbe für das Brautkleid nach dem Motto: "Marry in blue, lover be true". Die Silbermünze im Schuh der Braut steht für Reichtum und finanzielle Sicherheit und könnte auf einen schottischen Brauch zurückgehen.
Plagiatsvorwurf
Zaimoglu wurde vorgeworfen, er habe mit Leyla aus Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus von Emine S. Özdamar abgeschrieben und zahlreiche gleiche Motive verwendet. Zaimoglu meinte, er hatte diesen Roman vorher noch nicht einmal gelesen; die Autorin Özdamar selbst erhob den Vorwurf nicht.
Soweit ich Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus gelesen haben (knapp über 100 Seiten, dann stand für mich endgültig fest: schade um die Zeit) liegen ganze Welten zwischen den beiden Romanen. Die Özdamar schreibt aus einer kindlichen – um nicht zu sagen kindischen – Position. Leyla erzählt in lesbarem Stil und griffigen Bildern (entgegen dem blumigen Stil in der Karawanserei).
Allerdings vertritt Prof. Norbert Mecklenburg eine andere Meinung. Tom Cheesman widerspricht ihm fast zwei Jahre später, im Juni 2008. Darauf wiederum antwortet Norbert Mecklenburg in derselben Ausgabe von literaturkritik.  (Alle Artikel siehe unter  Feridun Links
Links
ZaimogluFeridun Zaimoglu
Feridun Zaimoglu: Leyla
ZaimogluPerlentaucherZaimogludruckfrischZaimogluMartin Lüdke: "Nicht ohne meine Tochter zu schlagen", Die Zeit 12, 2006
ZaimogluLiliane Studer: "Eintauchen in Geschichten. Feridun Zaimoglu entführt ins Leben einer anatolischen Kleinstadt". literaturkritik, Juli 2006
ZaimogluSomething Old, Something New, Something Borrowed, Something Blue
Zum Plagiatsvorwurf:
Feridun Emine S. Özdamar: Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus
ZaimogluArndt Breitfeld: "Özdamar dementiert Plagiatsvorwurf". Der Spiegel, 8.6.2006
ZaimogluTom Cheesman: "Pseudopolitisch, pseudokorrekt: Ein deutscher Literaturkritikskandal. Ein später Nachtrag zur Debatte um Feridun Zaimoglus »Leyla«". literaturkritik, Juni 2008
MecklenburgNorbert Mecklenburg: "Ein türkischer Literaturskandal in Deutschland? Kritischer Kommentar zum Streit um Feridun Zaimoglus »Leyla« und Emine Sevgi Özdamars »Das Leben ist eine Karawanserei«". literaturkritik, Juli 2006 – Mecklenburg Dr. Norbert Mecklenburg, Professor für Neuere deutsche Literatur
MecklenburgNorbert Mecklenburg: "Gegendarstellung. Zu Tom Cheesmans Artikel »Pseudopolitisch, pseudokorrekt: Ein deutscher Literaturskandal«". literaturkritik, Juni 2008
EmineOriginal oder Kopie – Streit um angebliches Plagiat. Feridun Zaimoglus ("Leyla") von Emine S. Özdamars "Das Leben ist eine Karawanserei", br-online 2006
ZaimogluHubert Spiegel: "Zaimoglu gegen Özdamar. In Leylas Küche". FAZ 133, 2006, S. 41

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zaimoglu ZaimogluFeridun Zaimoglu: Leyla. Frankfurt: Fischer, 2008. Taschenbuch, 528 Seiten zaimoglu
Feridun Zaimoglu: Leyla. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006. Gebunden, 524 Seiten Zaimoglu
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.4.2008