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Schulz
Hermann Schulz: Auf dem Strom. Roman
München: Süddeutsche Zeitung, 2006. Gebunden, 139 Seiten – Schulz LinksSchulz Literatur
Im amnesty journal 1/2008, S. 38, fand ich eine lobende Besprechung zu Hermann Schulz: Der silberne Jaguar. Meine Neugier war geweckt. Auch der hier zu besprechende, zehn Jahre früher erschienene Roman Auf dem Strom ist zu loben.
(Nachtrag 29.2.2008: Der silberne Jaguar, siehe Schulz Links)
Ein symbolischer Protestakt gegen die britische Kolonialmacht im heutigen Tansania führt im Jahre 1935 fast zu einer Todesstrafe und bildet den Auftakt zum kurzen Roman Auf dem Strom. Auf Bitte von König Usimbi legt der Missionar Friedrich Ganse sein Ansehen und seine Stimme für den Deliquenten ein.
Dann kehrt er heim und findet seine Frau Eva tot und seine Tochter Gertrud lebensgefährlich erkrankt. Einheimische haben sich während seiner Abwesenheit um die beiden gekümmert.
In den nächsten fünf Tagen rudert er mit Gertrud stromabwärts um sie ins europäische Krankenhaus zu bringen. In der Aufbrucheile hat Friedrich Ganse seine Bibel und das Geld (!) vergessen. Unterwegs macht er an verschiedenen Dörfern Station. Gertrud und Friedrich werden immer freundlich aufgenommen, auch ohne Geld und ohne dass Ganse die gesprochenen Sprachen versteht. Zudem werden sie naturmedizinisch betreut.
Abgesehen vom Besuch bei Goldschmidt – davon gleich mehr – gab es für mich einige überraschende Umstände.
• Der Autor stellt dem protestantischen Missionar und allen Missionaren die heimischen "Zauberer" entgegen (S. 34). Sie sind Konkurrenten.
• Man kann die fünftägige Reise als ein Experiment lesen. Ohne Bibel, Geld und ohne europäische Medizin (das Krankenhaus – so stellt sich am Ende heraus – ist verzogen) gesundet Gertrud während der Fahrt auf dem Strom. Die Kräuterbäder und heimischen Zaubertränke haben geholfen oder zumindest dem Heilungsprozess nicht geschadet. Auch die Gespräche zwischen Vater und Tochter.
• Ganz erstaunlich: Friedrich sieht ein, dass "sein Zauber" unnötig ist. Er stimmt dem Rat zu, den Leuten zu zeigen, wie man gute Ziegel brennt und guten Schnaps, aber ans Taufen nicht mehr zu denken (S. 129).
Im zehnten Kapitel stossen die beiden Flussreisenden auf den Europäer Goldschmitt (S. 77), ein deutscher Geologe. Er hat eine Afrikanerin geheiratet, sie haben eine "wimmelnde Kinderschar" (S. 79). Die Kinder werden zu guten Deutschen erzogen. Das demonstriert Goldschmitt indem er sie durch einen Pfiff in strammer Reihe antreten lässt (S. 81). Nehmen wir es als Zeitgeist hin schulz.
Goldschmitt gibt Ganse den Rat mit der Tochter zu sprechen, auch wenn sie scheinbar nicht ansprechbar ist.
Der deutsche Geologe Egon Friedrich Kirschstein kam mit der Expedition des Herzogs Adolf Friedrich zu Mecklenburg 1907-08 nach Afrika. Er blieb und arbeitete bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Zentralafrika, war mit einer Schwarzen verheiratet und hatte mit ihr 7 Kinder. Den fiktiven 11-jährigen Sohn Thomas des Geologen setzte Hermann Schulz als Ich-Erzähler in Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt ein.
Durch ihn erhält Auf dem Strom einen zusätzlichen Bezug zu Joseph Conrads Herz der Finsternis (Schulz Links)
Schulz schreibt schnörkellos. Mit kurzen Szenen ruft er die Verhältnisse aus jener Zeit (1935) und in jenem Land (Tansania) vors Auge. Dabei kommen auch die Bewohner des Landes angemessen vor. Dass zum Frühstück schon Antilopenkeule auf dem einheimischen Speiseplan steht (S. 49) muss ich mangels eigener Kenntnis dem Autor abkaufen. Bei manch zeitlichen Angaben griff er fehl: zwei oder drei Stunden bis zur plötzlichen Dunkelheit (S. 40). Dann verstreicht eine gute Stunde (S. 41) und weiters "Stunde um Stunde" (S. 43), erst dann begann die Sonne zu sinken (S. 44).
Bewußt gesetzt oder unbewußt fliesst europäisch-christliches Vorrechtsdenken ein als Friedrich Ganse zurückkommt und merkt, dass die Einheimischen in seinem Haus waren um den Eva und Gertrud zu helfen. Wutverzerrt herrscht er einen Besucher an: "Wer hat euch erlaubt, mit eurem verfluchten Zauber- und Teufelskram hier ins Haus einzudringen?" Da wäre zuerst zu klären, wer dem deutschen Missionar das Recht gab, mit seinem Zauber- und Teufelskram ins Land einzudringen.
Ein Zugeständnis an das westliche Denken scheint mir auch die rationale Erklärung der Hahnenkralle zu sein. Sie wird Gertrud umgehängt und an jeder Station von den Afrikanern beachtet und neu markiert. Sie stellt sich als symbolische Diagnose heraus: afrikanischer Hahnentod, eine Infektionskrankheit (S. 134).
Japanischer Jugendliteraturpreis
Deutscher Jugendliteraturpreis 2003, Sonderpreis Illustration
Hermann Schulz
* 1938 in Nkalinzi, Ostafrika; verbrachte Kindheit und Jugend in Moers-Repelen
Buchhändlerlehre in Neukirchen-Vlyn
arbeitete im Bergbau und als Gedingeschlepper
bereiste u. a. Südamerika, Afrika und den Vorderen Orient
Von 1967 bis 2001 leitete Hermann Schulz den Peter Hammer Verlag in Wuppertal
SchulzLebensdaten, PublikationenSchulzWikipedia
Lesenswert, da es Schulz weitgehend frei von Ressintements gelingt, die Situation in Afrika 1935 darstellen, soweit dies auf weniger als 140 Seiten möglich ist. Dazu gibt er Denkanstösse zur Vater -Tochter-Beziehung, Tod der Mutter, Kolonialismus, Medizin.
Die Themen der Berechtigung der Missionierung erschliesst sich erst beim Nachdenken. Immerhin kann man entnehmen, dass der einheimische Zauber und das bodenständige Wissen dem weißen Hokuspokus (Medizin, Religion) zumindest ebenbürtig ist.  Was kann man von einem kurzen Roman mehr erwarten? Ich mörtle auf: sehr lesenwert!
Links
Schulz Afrika in der Literatur
Schulz Joseph Conrad: Heart of Darkness [Herz der Finsternis]
SchulzKinderliteratur im Gespräch: Hermann Schulz (14.05.2002) Aus: Lesezeichen. Mitteilungen des Lesezentrums der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, 13 (2003), S.7-37
Schulz Kinder- und Jugendautoren und -bücher (Besprechungen)
Schulz Hermann Schulz: Der silberne Jaguar
Rezensionen
SchulzFreundeskreis Bagamoyo e. V.
SchulzSonja Lehner: "Auf dem Strom"
SchulzReinhard Osteroth: Hemingway mit Bibel", Die Zeit 38, 2003
SchulzPerlentaucher

SchulzSchulz, Hermann: "Viel zu kleine Messungen – Über afrikanische Literatur", pdf
Literatur
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schulz Schulz Hermann Schulz: Auf dem Strom. Roman. München: Süddeutsche Zeitung, 2006. Gebunden, 139 Seiten schulz
Hermann Schulz: Auf dem Strom. Roman. Carlsen 2005. Gebunden, 136 Seiten Schulz
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