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Wilhelm Jensen Wasserburg
jensen
Wilhelm Jensen: Aus der »vergessenen Zeil'«. (Siebzehntes Jahrhundert) – Seite 1
Aus: Chiemgau-Novellen. Leipzig (Elischer) ca. 1900 – Rezension: Wilhelm Jensen: Chiemgau-Novellen
      Ein Erdenfleck, den die Natur wie wenig andere zur Menschenwohnstatt, zur Anlage einer Stadt geschaffen.
      Der Wandrer kommt über eintönig öde Hochfläche, auf der dunkle Nadelholzwälder mit Kornäckern und sumpfigen, schilfbewachsenen Einmuldungen wechseln. Auf schattenlosem Weg sticht die Sonne oder rauher Wind peitscht, ohne ein Hindernis in treffen, Wolken, Regen, Schnee drüberhin. Das Auge findet keinen erfreuenden Anhaltspunkt, als da und dort den fragwürdigen eines spitzen Dorfkirchthurms, der von kalkweißem Gemäuer nadelartig halb über Fichtensäumen des gleichförmig hingedehnten Chiemgaus aufsteigt. Nur im Süden ragt die langgestreckte Linie bei Vor- und Kalkalpen, von der Benedictenwand im Westen bis über den Watzmann und Untersberg im Osten hinaus; etwa sechs Wegstunden sind's an den Fuß der nächstbelegenen Berge. Aber in der strahlenzitternden Luft flachen die vielfältigen Felsenrücken, Kuppen, Schroffen, Zacken und Zinnen sich ab, verschwimmen ineinander. Sie bilden nur eine ferne, zerschartete Mauer, wenige erregen ein Gefühl ihrer Mächtigkeit, der starren Wildniß die auf ihnen thront.
      Da mit einem Schlage verwandelt sich die öde Nähe. Ein tiefklaffender Durchriß zerspaltet die Hochebene, von einem breiten, gewaltig daherwogenden Strome durchrollt, dem Inn. Im Gang ungezählter Jahrtausende haben feine Wasser sich tief und tiefer eingegraben, ihre ursprünglich flachen Ufer vielfach zu senkrecht aufragenden Steilwänden ausgeschartet. Und zwar in besonderem Maße, wild-grotesk, an dieser Stelle.
      Doch dazu hat der Fluß hier, wie öfter in seinem unteren Lauf, einer seltsamen Laune nachgegeben. Er kommt von Süden, dreht sich plötzlich fast rechtwinklig gegen osten und, nachdem er einen kleinen Halbbogen beschrieben, ebenso scharf westwärts zurück. So gleicht er vollständig einer Schleife, die sich fast wieder abbindet, und das von ihm umkreiste Stückchen Erde ist kaum noch eine Halbinsel, sondern beinah eine Insel zu benennen, denn nur ein schmaler Landstreifen zwischen dem Wasserbett zur Rechten und zur Linken führt als Zugang hinüber. Dieser wird noch von einer auslaufenden Rippe des Hochufers gebildet, die sich dann, theils jäh, theils mählich abgedacht, zu dem stromumgürteten Eiland hinuntersenkt. So war in ebenem Lande nicht leicht ein Fleck erdenkbar, der vor der Erfindung der Feuerwaffen einen gesicherteren oder mit leichterer Mühe zu vervollständigenden Schutz darbot. Mehr als neun zehntel einer wehrmauer vertrat der reißende Inn, und der kleine offen Rest bedurfte kaum anderen Verschlusses als eines starken Thorthurms. Innerhalb dieser Umwallung von Wasser und Stein und sie fast ganz ausfüllend, lag und liegt am Westrande des alten Chiemgaus die Stadt
W a s s e r b u r g.
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      Zweifellos hatten schon die Römer und vermuthlich vor ihnen noch bereits die keltischen Ureinwohner des Landes die günstige lage der Flußschleife erkannt und Ansiedelungen auf oder in ihr begründet; denn beide Ufer des Inn fördern in langer Reieh römische ueberreste zu Tage, und es ist anzunehmen, daß mindetens ein Wartthurm der Provinz Noricum hier den Stromübergang bewacht hat. Doch von seinem Mauerwerk ist nichts erhalten geblieben und ebensowenig von einer Vorgeschichte menschlicher Niederlassung auf dem Wassereiland bis zum Ausgang des 11. Jahrhunderts. In diesem ward das nur eine Stunde weiter oberhalb am Inn belegene Benedictinerkloster Attl durch feindlichen Ueberfall zerstört, besaß jedoch in dem Hallgrafen Ingobert, dem »comes Hallensium«, Oberwart des Salzwesens, einen freundliche gesinnten und glaubenseifrigen Nachbarn, der eifrig bedacht war, den Mönchen für ihren verwüsteten Wohnsitz durch eine neuerbaute Heimstätte Ersatz zu schaffen. Ihm gehörte eine, die “Wasserburg” benannte Veste auf dem Hochrücken der kleinen Innhalbinsel, welche, dicht mit Hagedorn überwachsen, danach in der Umgegend den Namen Hagenau oder auch Hohenau trug. Und in seiner Fürsorge für die Benedictiner baute er nicht allein das verbrannte Kloster Attl stattlicher wieder auf, sondern ging in seinem Eifer so weit, für sie ein noch größeres Opfer zur Herstellung vollständigster weltabgeschiedener Ruhe zu bringen. Denn diese sah er durch die nahe Nachbarschaft seines volkreich angewachsenen Burgfleckens Limburg gefährdet, und so faßte er den Entschluß, sein Schloß und den Ort abzubrechen und seinen Wohnsitz nach der Wasserburg hinüber zu verlegen. Die Schwierigkeit solches Unterfangens wurde allerdings dadurch erleichtert, daß die Häuser des Marktfleckens noch lediglich aus Holzbauten bestanden, deren Bestandtheile sich auf dem Fluß abwärts verschiffen und auf der Hagenau wieder zusammenfügen ließen. So wurden die mönche, obendrein mit den Grundstücken des abgebrochenen Ortes begabt, von dem geräuschvollen Handel- und Gewerbebetrieb vor ihrem Klosterthor befreit, und im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts wuchs unter dem neuen Wohnsitz des Hallgrafen eine Stadt hervor, die sich anfänglich “Hohenau” benannte, doch, im Munde der Umwohner gemeiniglich “Wasserburg” geheißen, ungefähr nach einem jahrhundert diesen namen wirklich auch als den ihrigen annahm. Ziemlich um die nämliche Zeit gingen durch Eroberung die Grafschaft, Schloß und Stadt Wasserburg aus den Händen des letzten Grafen an das Wittelsbacher Herzogshaus über; von der Festigkeit des Ortes legte Zeugniß ab, daß der Belagerer, herzog Ludwig von Bayern, voller vier Monate bedurfte, um die Uebergabe zu erzwingen. Ein wegen Unruhstiftung aus Landeshut, der herzoglichen Residenz, verjagter päpstlicher Legat, den der Graf von Wasserburg unter seinen Schutz genommen hatte den Anlaß dazu gegeben.
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