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Wilhelm Jensen Wasserburg
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Wilhelm Jensen: Aus der »vergessenen Zeil'«. (Siebzehntes Jahrhundert) – Seite 2
      Die junge Stadt erlitt jedoch durch diesen Wechsel ihres Oberherrn offenbar keinen schädigenden verlust, sie scheint im Gegentheil der Einverleibung in ein größeres Staatswesen rascheren Aufschwung verdankt zu haben. Ihre Sicherheit ward noch durch eine Umgürtung mit starken Mauern, durch Anlagen von Thürmen und Vorwerken auf den Höhen im Westen und Osten vermehrt, so daß sie vor der Erfindung des Schießpulvers als unangreifbar zu gelten vermochte. Eine wohlverwahrte feste Brücke führte nah vom Mittelpunkt der Stadt aus ostwärts über den Inn, Rathhaus und Kirchen wurden erbaut, die Einwohnerzahl vergrößerte sich schnell. Gunst der Landesherren verlieh Wasserburg besondere Privilegien, deren hauptsächlichstes das Salz betraf und reichen Wohlstand der Bürger begründete. Schon die Römer hatten die reichen Salzquellen am Alpenrand bei Hall – deshalb später Reichenhall benannt – ausgebeutet und nachher frühzeitig die neuen bajuwarischen Dynastengeschelchter sich derselben bemächtigt. Eine Salzstraße führte von dort, zur Verschickung des unentbehrlichen, werthvollsten Gewürzes, in's Innere Deutschlands, nordwestwärts über den Inn und die Isar, kreuzte die letztere bei dem Orte Föhring, wo der Bischof von Freising einen Salzzoll erhob, dadurch Heinrich den Löwen reizte, Föhring von Grund aus zu zerstören, auf seinem Gebiet eine Stunde weit oberhalb eine Salzbrücke anzulegen, und so Anlaß zur Gründung der Stadt München gab. Ueber den Inn aber führte die Salzstraße auf der Brücke von Wasserburg, und die bayrischen Herzöge verliehen diesem die Berechtigung, daß alles Salz nur von einer Wasserburger “Salzsender-Innung” hierher gebracht und niedergelagert werden dürfe, um in der Stadt von den Münchener Salzhändler angekauft und weiter geschafft zu werden. Das ließ zu jeder Jahreszeit viel an Menschen und Geld in Wasserburg zusammenfließen, dessen Hauptstraße, die “Salzsenderzeile”, fast unausgesetzt lebhaftester Verkehr erfüllte. Hinzu kam rege Handelsschifffahrt stromauf und -ab au dem Inn; eigenes Stadtrecht und Stadtgericht mit dem Blutbann schlossen eine weitreichende Selbständigkeit ein, und stolz sah das uralte städtische Wappen, eine ausschreitender rother Löwe mit goldener Krone und dreifach gespaltenem Schweif in weißem Schildfeld, vom Brückenthor auf die Ankömmlinge aus dem Chiemgau herab.
      Im Uebrigen theilte im Gang der Jahrhunderte Wasserburg allgemeine städtische Geschicke, wie seine Bewohner allgemeine Menschenloose. Oefter verheerten große Feuersbrünste die Stadt, der im Frühling hochgeschwollene, wüthende einbrechende Inn riß ab und zu Häuser und ganze Straßen mit sich fort, Kriegsnöthe und langwierige belagerungen erzeugten im Innern Hungersnoth und Seuchen. Doch so viel an Einzelleben dabei vor der Zeit zu Grunde ging, das gesammtwesen überdauerte die bösen Tage und Jahre der Drängniß; einem sturmgerüttelten starken Baume gleich, schlug es seine Wurzeln nur fester in den Boden. Allzeit war die Stadt dem Landesherrn und zumeist auch der Kirche treu ergeben, nur im Beginn der Reformation drang die neue Lehre Martin Luther's da und dort auch in die Bevölkerung Wasserburgs ein, führte Zwiespalt und Unruehn mit sich, die vereinzelt noch bis über den Ausgang des 16. Jahrhunderts fortdauerten. Doch die jederzeit römisch-eifrigen bayrischen Herzöge griffen stets mit äußerster Strenge ein, um die katholische Gläubigkeit in der Stadt zu bewahren. Mehrere Geistliche, die in den Verdacht der Abtrünnigkeit gerathen, wurden feierlich der priesterlichen Würde und Gewandung entkleidet und in weißen Leinenkitteln als Ketzer dem weltlichen Geircht zu peinlicher Leibes- und Lebensstrafe überantwortet; andere entzigen sich dem Scheiterhaufen, galgen, Rad und Schwert durch rechtzeitige Flucht in protestantisch gewordene Lande. Allein mannigfache Glaubensverfolgung von Pfarrern, Magistern und Bürgern dauerte bis zum Beginn des 17.Jahrhunderts an, zu welcher Zeit die Brüder von der gesellschaft Jesu nach Wasserburg, wie überhaupt in die bayrischen lande berufen wurden, um mit erprobten Löschmitteln jeden ketzerischen Funkenrest zum Nimmer-Wiederaufglimmen auszutreten. Im Großen und Ganzen aber hatte die lutherische religiöse Brandstiftung den Seelen Wasserburgs nicht mehr an Schaden zugefügt, als eine Feuersbrunst um die Mitte des 15. Jahrhunderts einigen Häusern der Stadt. Urheberin derselben war eine junge Frauensperson gewesen, wegen ihrer Uebelthat nach Fug und Recht an der Leiter ausgerenkt, mit glühenden Zangen gezwickt, öffentlich gestäupt und dann verbrannt worden. Und mit dem Anfang des 17. Jahrhunderts war jeder Einwohner Wasserburgs durch gründliche Belehrung von Seiten seiner neuen Seelsorger aus dem Orden Ignaz von Loyola's zu der heilsamen Erkenntniß gelangt, daß jene wohlverdiente Strafe der Brandstifterin nur eine unerlaubt und ungottgefällig gelinde für solche Verderbtheit sein würde, deren Ruchlosigkeit sich vermäße, einen Buchstabenlaut im Munde der berufenen Verkündiger der päpstliche Glaubensbotschaft anzuzweifeln.
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      Heute ist Wasserburg in das Eisenbahnnetz unserer tage eingegittert worden, oder wenigstens führt ein Schienenstrang in einer Entfernung von drei Viertelstunden daran vorüber. Anders als früher liegt die Stadt dadurch mit der Welt umher verbunden, doch nicht zu ihrem Vortheil, denn das neue rasche Verkehrsmittel hat Handel und Wandel in ihr nicht erhöht, sondern sie um vieles stiller und verlassener gemacht. Der Zug braust vorbei, ohne daß jemand seiner Insassen etwas von ihr gewahr nimmt; höchstens steigt ien halbes Dutzend von Leuten an dem einsamen bahnhof aus und wandert ihr, der alten Salzstraße folgend, zu. Niemand aber läuft auf ihr mehr Gefahr, unter Pferde und Räder, oder in zank und Ungelegenheit mit peitschenknallenden, schimpfenden, trotzigen Fahrleuten zu gerathen. Das Salz nimmt jetzt andere, schnellere Wege, und alle übrigen Handelswaaren thun das Gleiche. So ist die Straße verödet, wie der Inn, auf dem kaum dann und wann noch ein Marktboot zu einem Nachbarort entlangzieht; nur Holzflöße treiben noch von den Bergen her, der Donau zu, vorüber. Für den bedarf Anderer hat Wasserburg keine Bedeutung, keine Durchgangs- und Lagerstätten mehr, sondern ist ein auf sich selbst beschränktes Stückchen Welt mit einer heutigen Bevölkerung von etwa viertehalb tausend Köpfen, während es zu seiner Blüthezeit wohl das Drei- und Vierfache gezählt, für Verteidigung und Angriff über ein halbes tausend wherhafter Männer in's Feld stellte. der Segen der großen Erfindungen unserer großen Zeit hat mancher kleineren, einst lebensvoll kräftigen Ortschaft ein recht fragwürdiges Janusgesicht zugedreht.
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