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Odessa
Martin de Wolf: Das Odessa-Experiment
Norderstedt: Books on Demand, 2006. Broschiert, 572 Seiten – Odessa VergleichsliteraturOdessa LinksOdessa Literatur
"Tote Wanzen in Raum 3098 - Wirbel um Mikrofone im Bundestag"
"Kartell arbeitete mit Codenamen und verschlüsselten Botschaften"
Zwei Schlagzeilen vom 24. und 25. Januar 2007. Sie könnten jederzeit aus Das Odessa-Experiment stammen. Wenn sich der Autor auf der letzten Seite distanziert, so macht er das wohl nicht, weil das Geschehen bei uns unmöglich wäre, sondern eher, weil er Prozessen ausweichen will.
Kurz zum Inhalt
Bestsellerautor Philipp Simon bekommt den Auftrag nach einem früheren Kollegen zu suchen. Er gerät in ein gigantisches Projekt Odessa, mit dem ein deutscher Ministerpräsident die Arbeitslosigkeit bekämpfen will. Das Odessa-Experiment ist ein Polit-Thriller, in dem der Autor zahlreiche Register zieht: Auftragsmord, Computerkriminalität, Geheimdienste. Der Roman zieht einen Querschnitt vom kleinen Ganoven über BND bis zum Präsidenten der USA.
Manchmal meinte ich der Autor greife zu hoch oder traue den Politikern zuviel Gemeinheiten zu. Ministerpräsident Damann lässt beispielsweise die Mordermittlungen durch direkte Order einstellen (S. 235-236). Doch ein kurzes Überlegen und man findet ähnliche Vorgänge der Realität: In Bayern wurde ein ermittelnder Staatsanwalt "befördert" und zugleich versetzt politik.
Obwohl sich das Geschehen irgendwo zwischen 2002 und 2007 abspielt, lässt der Autor (wohl um Prozesse zu vermeiden) keine echten Zeitzeugen auftreten, mit der Ausnahme Helmut Kohl (S. 321). Diese Technik ist diskutabel. Es ist sonderbar, wenn Namen und Personen hoher deutschter Politiker nichts mit der Wirklichkeit gemeinsam haben.
Martin de Wolf schreibt leserfreundlich. Er wiederholt, setzt Gedanken kursiv und schreibt die Überlegungen der Akteure hin. Die verschiedenen Handlungsstränge werden immer so weitergeführt, dass man nicht erst zurückblättern muß. Der Roman liest sich wie Butter.
Allerdings ist die Durchführung des gut ausgedachten Plots mit Mängeln behaftet
  • Während die große Linie der Handlungsstränge durchaus einleuchtet, geraten manche Details ausser Kontrolle. Zum ersten Mal fiel es mir auf, als Inge Meiwald es extrem eilig hat, Philipp Simon zu treffen. Sie reist ihm nach Paris nach und vereinbart dort einen Treffen für den nächsten Tag abends (S. 31).
  • Eine Fleißaufgabe wäre es die vielen ähnlichen Eil-Situationen zu zählen. Jeder hat höchst eilige Berichte abzugeben. Der Empfänger ist eine höher gestellte Person zu der es vorzudringen heisst. Egal ob derjenige die Information persönlich überbringt oder telefonisch durchkommen will: er muß sich auf seine extreme Wichtigkeit berufen. Da ruft beispielsweise eine Privatperson den Bundeskanzler an, sagt es sei dringend und wird durchgestellt. Oder Conrad will während des Flugs zum Piloten: "Ich muss sofort ins Cockpit", schnauzt er die Stewardess an (S. 434).
  • Oftmals sind die Situationen zu naiv. Sei es dass sich ein BND-Agnet unnötig als solcher vorstellt, der Pilot auf anonyme Anweisung den Voice Recorder ausschaltet oder Philipp nach allem was vorgefallen ist nicht merkt, dass er verfolgt wird (S. 399). Oder Philipp auf den Weg zu einem einsamen Haus in einem entfernten Ort von Valerie per SMS den Tipp erhält: "Bei Touri-Info nach Weg fragen" (S. 558).
Stil
  • Martin de Wolf erzählt uns jeden Doppelklick, mit dem eine E-Mail aufgerufen wird (S. 30), wie ein Besucherausweis in einer Firma aussieht (S. 88) und das durchgehend 572 Seiten. Man lernt schnell, dass man vieles quer lesen kann ohne irgendetwas zu versäumen.
  • Gelegentlich spricht in Dialogen dieselbe Person unmittelbar hintereinander ohne dass es der Autor anzeigt. Da stockt man, geht zurück zur letzten Stelle im Dialog, wo die Lage noch klar ist, geht ping-pong den Dialog durch – und hat dann die Bestätigung: Philipp Simon spricht zweimal (z.B. S. 61).
  • Auch Subjektwechsel muss der Leser verkraften. Beispiel: Philipp wird verfolgt. "Geschickt hielt er genügend Abstand" (S. 126). Gemeint ist der Verfolger wolf .
  • Auf wessen Kosten einige Tempi-Fehler oder Groß-Klein-Schreibfehler gehen (Autor oder Lektor) ist dem Leser egal. Sie verstimmen.
  • Der Kontext verlangt einige Anglizsmen. Der Autor übertreibt es aber. Keinesfalls gehen falsche "deutsche" Anglizismen wie "Bordingtime" (S. 384).
Etliche Druckfehler und Doppeldrucke (ein Wort über dem vorherigen) ärgern.
Locker lesbarer, spannender Politthriller mit Durchführungsmängeln. Als Vorlage für eine Folge einer Krimi-TV-Serie geeignet.
Odessa Anfang
Vergleichsliteratur
Franz Kafka: "In der Strafkolonie" – Odessa Franz Kafka
Odessa Louis Sachar: Holes
Autor Martin de Wolf läßt den Leser mit seinem Titel Das Odessa-Experiment die realen Odessa-Aktionen nach dem zweiten Weltkrieg assozieren.
Vielleicht sollte man gleich eines dieser Odessa Odessa-Bücher lesen.
Links
wolfMartin de Wolf
Odessa Von den Geheimdiensten Deutschlands
Literatur
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wolf OdessaMartin de Wolf: Das Odessa-Experiment. Norderstedt: Books on Demand, 2006. Broschiert, 572 Seiten
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odessa odessaFrederick Forsyth: Die Akte Odessa. München: Piper, 2000. Broschiert, 270 Seiten odessa
Frederick Forsyth: The Odessa File. New York: Bantam, 1994. Taschenbuch, 334 Seiten odessa
goni elite Uki Goni: Odessa: Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Assoziation a, 2006. Broschiert, 400 Seiten goni
Uki Goni: The Real Odessa: How Peron Brought the Nazi War Criminals to Argentina. Granta, 2003. Broschiert, 410 Seiten goni
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.2.2007