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Schmitter
Elke Schmitter: Frau Sartoris
Berlin: Bvt, 2004. Broschiert, 158 Seiten – Schmitter VergleichsliteraturSchmitter LinksSchmitter Literatur
Überarbeitet und ergänzt anlässlich meiner dritten Lektüre am (!) 29. Okt. 2011.
Der Seitensprung mit einer »Amour fou«, einer verrückten Liebesbeziehung, ist ein immergrünes Thema in der Literatur. Oft betrifft es eine Beziehung zwischen einer verheirateten Person und einer Dritten. Zu dieser engeren Begriffsbestimmung habe ich einige Vorläufer (Schmitter Vergleichsliteratur) genannt. Wer sich an diese Konstellation wagt, wird an den grossen Vorbildern gemessen. Elke Schmitters Frau Sartoris braucht den Vergleich nicht zu scheuen.
Dass dem Thema »Amour fou« mit Beteiligung eines verheirateten Teils noch neue Seiten abzugewinnen sind, erstaunt mich ähnlich wie das Klaviertrio im Jazz. Ich meine immer, da sei schon alles gesagt oder gespielt. Doch auch beim Klaviertrio gibt es immer wieder Neues, siehe Schmitter Wollny, Kruse, Schaefer.
Frau Sartoris erzählt uns Lesern ihre Geschichte, irgendwo in der Kleinstadt L. Sie ist – nach einer Enttäuschung mit Philip – mit Ernst, Sparkassenangestellter, verheiratet, hat eine fast erwachsene Tochter Daniela, die oft erst zum Frühstück nach Hause kommt. Ernst hat eine Beinprothese aufgrund einer Kriegsverletzung. Wir sind also in den Fünfzigern und Sechzigern des 20. Jhdts. Zur Familie gehört noch Ernsts Mutter Irmi, die erstaunlich positiv charakterisiert wird. Dagegen ist Ernst ein Spießer, doch wenn man genau liest, gar nicht so übel. Margarete Sartoris ist um die 40 und erlebt mit Michael, dem Leiter des Kulturamts, eine leidenschaftliche und – wie sich herausstellen wird – leidvolle (wenn das Leid auch nur kurz dauert) Liebesaffäre. Frau Sartoris ist schwer verknallt in ihn.
Während der Lebensbeichte der Frau Sartoris wird ein von ihr verursachter Autounfall mit Fahrerflucht und einem Toten verfolgt. Da die Autorin damit einen besonderen Effekt verbindet (bei der Erstlektüre verfolgt man kriminalistisch, wer hinter dem Toten steckt), sei hier nicht mehr verraten.
Elke Schmitter gelingt mit diesem kurzen Roman einiges.
  • Obwohl wörtliche Reden fehlen – alles Erzählte stammt von Frau Sartoris – wirkt alles lebendig, da man merkt (oder vermutet), Frau Sartoris erzählt authentisch und ehrlich.
  • Die Beziehung zwischen Margarete und Michael wird konkret geschildert und das Leidenschaftliche daran ist glaubwürdig. Die heiklen erotischen Szenen gelingen der Autorin mindestens so gut wie Philip Roth, sind aber nie so explizit, wie manch andere Autoren meinen die Leser überfallen zu dürfen Sartoris.
  • Die zahlreichen Fäden und Spuren im Roman werden am Ende gebündelt, einige bleiben lose; gerade soviel, dass ich dem letzten Satz: „So war das“ voll zustimmen konnte.
  • Schmitter ist sich ihrer Vorlagen, vor allem Madame Bovary bewußt. Die Ansprache Michaels und das Treffen der Kommunalpolitiker (S. 76-78) spiegelt die Jahresversammlung der Landwirte bei Gustave Flaubert wider. Weitere Parallele:
  • Emma Bovary flüchtet in ihrer Kümmernis ins Geld ausgeben, Margarete Sartoris in den Alkohol. Doch geht Frau Schmitter mit ihrem Vexierspiel nicht soweit wie Zadie Smith in On Beauty (Schmitter Rezension) gegenüber E. M. Forster: Howards End (Schmitter Rezension).
  • Emma Bovary wird von der Romanlektüre zu einem verklärten Weltbild verleitet. Auch Margarete liest gerne. Zwei Romane werden ganz kurz skizziert, dazu unter Schmitter Literatur der Frau Sartoris im Sanatorium mehr.
Aufschlußreich wäre auch eine Gegenüberstellung der Charaktere von Ernst und Margarete. Der vermeintliche Spießer würde nicht mal so schlecht abschneiden.
Margarete haut doch etliche Fehler in ihr Leben hinein.
Ihr aussichtslose Affäre mit Philip kann man noch ihrer Jungedlichkeit zuschreiben, doch dann folgte der Urkern der Schwierigkeiten: ihre überstürzte Ehe mit Ernst und viele weitere Fehler. Zuletzt den im Auto (S. 44). Zudem: Was gehen Margarete die intimen Aufzeichnungen ihrer Tochter Daniela (S. 134) an? Wohl einen feuchten Kehricht. Zumal sie umgekehrt ihre Tochter als so integer einschätzt, dass diese den Abschiedsbrief nicht lesen werde (S. 116)!
Ihr Leben mit Ernst verläuft ereignislos: so sieht zumindest sie selbst es: „Fünfzehn Jahre auf der Couchgarnitur, deren Bezüge langsam dunkler wurden, bis wir eine neue anschafften“ (S. 50). Na und? Millionen Familien geht es so oder übler. Sie geht etwas unbedarft durchs Leben. Erklärungen will sie nicht, sondern Bedenkenlosigkeit (S. 59). Dafür will sie dann mit Michael nach Venedig ausreißen. Wie wäre es, wenn sich Margarete mehr um Daniela kümmert?
Spiegelmetapher
Ein Spiegel begleitet Margarete durchs Leben und verrät dem Leser mehr, als die Ich-Erzählerin preisgibt.
• Schon als Kind hängt sie an einem vererbten Spiegel, den sie als junge Frau mit ins Sanatorium nimmt (S. 36) und vor dem sie sich jeden Tag selbst betrachtet (S. 37).
• Den Spiegel nimmt sie auf ihre beabsichtigte Flucht nach Venedig mit (S. 98).
• Sie bedeckt ihn bei ihrer Rückkunft ins Haus ausdrücklich (S. 116).
• Erwähnung eines Spiegels im Büro.
• Ernst nimmt ihr anscheinend den Spiegel weg (S. 128).
So interessant das ist, es wird brisant durch
a) die Verbindung zum ersten Motto des Buchs (siehe Schmitter Vorangestellte Motti), bei dem mir der Zusammenhang zum Text (bisher) fehlte;
b) das Philosophiestudium der Autorin. Man kann davon ausgehen, dass sie die Spiegel-Metapher ganz bewusst (auch) philosophisch einsetzte.
„Spiegel und Spiegelung haben in der Philosophie eine lange Tradition als Metaphern des Denkens und Erkennens. Sie werden aber nicht nur als Metaphern verwendet. Das Denken – verstanden als Spekulation – gebraucht die Spiegelung unmittelbar.“
Wilhelm Vossenkuhl: Ludwig Wittgenstein, S 103; Schmitter Literatur
Die Wörter "Spekulation", "spectare" (achauen, beurteilen), "Spektakel" und "speculum" (Spiegel) sind verwandt.
Zur Spiegelmetapher vergleiche auch den Text von Jorge Luis Borges: "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius" (Schmitter Links). Berühmt ist die Spiegelmetapher Stendhals im 19. Kapitel des II. Buches von Rot und Schwarz [Le Rouge et le Noir], nach der sich Realität im Roman objektiv spiegeln soll. Bekannt ist auch die häufige Verwendung der Spiegelmetapher in Sonetten William Shakespeares.
Die Abbildtheorie in der Philosophie fasst die Erkenntnis als Spiegelbild der Wirklichkeit auf. Der Gegenstand der Erkenntnis existiert unabhängig vom erkennenden Subjekt. Eine Abbildtheorie bezüglich Sätze vertrat Ludwig Wittgenstein im Tractatus logico-philosophicus.
4.12   Der Satz kann die gesamte Wirklichkeit darstellen, aber er kann nicht das darstellen, was er mit der Wirklichkeit gemein haben muss, um sie darstellen zu können - die logische Form.
   Um die logische Form darstellen zu können, müssten wir uns mit dem Satze außerhalb der Logik aufstellen können, das heißt außerhalb der Welt.
4.121   Der Satz kann die logische Form nicht darstellen, sie spiegelt sich in ihm.
    Was sich in der Sprache spiegelt, kann sie nicht darstellen.
   Was sich in der Sprache ausdrückt, können wir nicht durch sie ausdrücken.
   Der Satz zeigt die logische Form der Wirklichkeit.
   Erweist sie auf.
Zur Kritik der Spiegelmetapher in der Erkenntnistheorie, siehe Richard Rorty: Der Spiegel der Natur: Eine Kritik der Philosophie (Schmitter Links und SchmitterLiteratur).
Zurück zur Frau Sartoris
• Ich tadelte Margaretes Mord am Ganoven. Ob sie damit dem Leben Danielas eine andere Richtung geben kann, bezweifle ich. Da hätte sie früher ansetzen müssen. Andrerseits gibt gerade diese beherzte Tat dem Roman die moderne Würze.
* Anna Karenina stürzte sich vor den Zug,
* Emma Bovary nimmt Arsen,
* Effi Briest wird verstoßen und stirbt mit 29 Jahren an ihrem Schmerz.
* Margarete Sartoris rächt sich an einem einzelnen Mann, der das Leben ihrer Tochter zerstören würde. Sie agiert so geschickt, dass sie – nach allem, was sie verrät – damit juristisch und persönlich gut wegkommt.
Das ist für mich die gelungene Fortschreibung der Romantradition zu diesem Topos.
Obwohl Frau Sartoris eine unzufriedene, unausgeglichene Ehebrecherin und Mörderin ist, war ich am Ende froh, dass sie am Ende der Polizei durchs Netz ging; zum Teil beruht das auf ihrem kühlblütigen Verhalten nach dem Verkehrsunfall. Frau Sartoris hat sich stellvertretend für Anna Karenina, Emma Bovary und Effi Briest – nicht zu vergessen im eigenen Namen – am anderen Geschlecht gerächt.
Wie ist Sartoris' Verhalten zu beurteilen? Wie bei Emma Bovary könnte es sein, dass durch ihre Quer-Beet-Lektüre im Sanatorium, romantische Lebenserwartungen geweckt wurden. Obwohl sie sich selbst mit Ernst und Irmi in eine auskömmliche Lebenssituation stürzt, sehnt sie sich nach mehr. Neben dem "Hintertreppen-" oder "Dienstmädchenroman" (Schmitter Links) wecken heute die TV-Medien (Rund 29.000 Menschen nehmen am Casting für "Deutschland sucht den Superstar 2009" teil, meldet die Süddeutsche Zeitung am 4.11.2008, S. 53) und besondere Sinnfindungs- und Glücksliteratur (Schmitter Links) überzogene und falsche Lebenserwartungen. Religiöse Gurus tun ihres um Leichtgläubige auf künftige Paradiese zu verweisen, statt dass die Menschen das Hier und Heute annehmen und auskosten. Frau Sartorius hätte die Lektüre von Seneca und Epikur (seine Maxime "Lebe im Verborgenen") gut getan.
Am Ende des kurzen Romans hat Frau Sartorius – in etwas anderem Sinne als geplant – erreicht, wonach sie strebte: ein ungewöhnliches Leben. Sie muss mit einem Mord auf ihrem Gewissen leben. Sie muss Daniela ins Auge sehen.
Margarete weist ausdrücklich darauf hin, dass sie damals (es war ihre Zeit im Sanatorium; es ist nicht klar, auf welchen Zeitraum sich das "damals" bezieht) überhaupt nicht viel dachte (S. 36). Mit ein Grund, warum sie unzufrieden mit ihrem so gewöhnlichen Leben ist.
• Daniela wird nur sehr knapp charakterisiert. Offensichtlich zeigt sie eine Gegenreaktion auf die scheinbar eintönige Verwandtschaft. Das Verhältnis zur Mutter scheint recht dünn zu sein, was sicher auch – soviel gibt Frau Sartorius zu – an der Mutter liegt.
Durch die einzige Perspektive – Frau Satoris selbst – kann der Leser ihr Verhalten nicht in Beziehung setzen. Andrerseits gewinnt der kurze Roman damit an Glaubwürdigkeit. Schnitte und sprunghafter Inhalt fordern den Leser (aber nicht zu sehr; keine Angst). Mit den gedanklichen Sprüngen unterstreicht die Autorin den mündlichen Charakter. Ein Beispiel: Maragrete überlegt, wann sie zuletzt gelacht habe und kommt sofort zur Frage, wann sie zum letzten Mal glücklich war (1. Absatz, S. 20-21). Das führt sie zu Philip (mit einem "p"; 2. Absatz S. 21) und sie fährt im nächsten Absatz fort: „Ulrike hatte uns bekannt gemacht. Sie war jünger als ich, ...“ (S. 21).
Die Autorin läßt Raum zum Mitdenken. Das betrifft den zeitlichen Ablauf, den weiteren Verlauf nach dem Romanende; die spezielle Frage zum Unfall: geplant, spontan, vorsätzlich? bleibt lange offen.
Moralische Fragen
• Ist ein Attentat dieser Art (zum guten Zweck der Rettung des eigenen Kindes) erlaubt? Ich meine entschieden: Nein. Vergleiche aber: Schmitter Frau Sartoris topaktuell. Erschwerend kommt für Maragarete Sartoris hinzu: eigentlich will sie sich an Philipp und Michael rächen. Die kommen ihr aber nicht vor die Bahn. Unterfrage: ist es für die Mutter erlaubt im Zimmer der Tochter Aufzeichnungen zu lesen?
• Wie steht es um die elterliche Aufsicht der minderjährigen Daniela? Renate, Margaretes Freundin, beruhigt sie: „Um die muß man sich keine Sorgen machen!“ (S. 134). Auch Ernst scheint diese Position zu teilen. Dem nachfragenden Kommissar gegenüber gibt sich die Mutter sorglos: „Ich verfolge den Lebenswandel meiner Tochter nicht im Stundentakt, ...“ (S. 131). Da klingt die Freisprechung Kains an: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Gen 4,9) Allerdings ist diese Aussage darauf gerichtet, keinen Verdacht zu erregen. Wie ich schon kritisierte: statt romantische Eskapaden mit Flucht nach Venedig sollte sich Maragarte mehr um Daniela kümmern. Das "Wie?" ist zugebenen schwierig.
• Philipp und Michael nutzen Margarete aus. Besonders Michael scheint von Anbeginn nur das schnelle Abenteuer zu suchen. Die Konsequenzen für Margarete und Ernst einerseits und seine eigene Frau Karin andrerseits blendet er aus.
• Ehebruch – Michael agiert noch in der Tradition der strengen Bestrafung des Ehebruch der Frau. In Deutschland ist Ehebruch erst seit dem 1. September 1969 strafrechtlich frei. Im Christentum und Islam ist er freilich immer noch eine schwere Sünde und mit teilweise drakonischer Strafe belegt (ewige Verdamnis, Steinigung; siehe Schmitter Links).
• Wie ist die angemessene Reaktion des Gehörnten auf einen Ehebruch? Krasse Reaktionen in der Fiktion kann man beispielsweise in William Somerset Maugham: Der bunte Schleier [The Painted Veil] (unter Schmitter Links, da nicht zum Topos der Madame Bovary gehörig) nachlesen.
Ob und inwiefern der hier besprochene Roman Bezüge zu William Faulkner: Sartoris (Schmitter Links) hat, kann ich nicht beurteilen.
Stil I: Innerer Monolog
Der Innere Monolog ist nicht erst seit James Joyce: Ulysses bekannt (obwohl manche Joyce-Verehrer dies meinen). Er gehört spätestens seit 1829, Victor Hugo: Der letzte Tag eines zum Tode Verurteilten, zum Arsenal der Schriftsteller. Hier bringt er eine natürliche Folge der zeitlichen Sprünge und eine gedankliche Dichte mit sich. Allerdings erlaubt es die Ich-Erzählung nicht, das Geschehen in verschiedenen Spiegeln zu betrachten. Insbesondere aus der Position von Ernst und Daniela (weniger aus der von Philipp und Michael) ergäben sich wissenswerte Ansichten.
Im Inneren Monolog sind Landschaftsbeschreibungen zurecht fehl am Platze, ebenso andere detaillierte Ausmalungen. Die Dialoge sind schwierig, da vieles indirekt wiederzugeben ist. Trotzdem ist beispielsweise der verbale Schlagabtausch Margarete – Willbrodt eine treffliche Leistung.
Stil II
Ich schließe mich dieser Beurteilung an: „Dieser Roman ist mit journalistischen Mitteln gearbeitet: die Wiederaufbereitung einer Atmosphäre, der klar erkennbare Plot, die Pointen an der richtigen Stelle. Weder die Sprache noch der Erzählstoff bieten Unerwartetes, aber das Erwartete wird stilgerecht dargeboten.“ S. 3, Böttiger 2004. Inhaltlich wurde ich jedoch ein paarmal überrascht.
Der Literaturkritiker Helmut Böttiger hält in seiner persönlichen Literaturgeschichte der Gegenwartsliteratur Nach den Utopien den späteren Roman Elke Schmitters Leichte Verfehlungen für noch besser. Er schreibt: „Leichte Verfehlungen erhielt weitaus schlechtere Kritiken als Frau Sartoris, obwohl es das eher bessere Buch ist.“, S. 4, Böttiger 2004 Leichte Verfehlungen erhielt übrigens auch von Lesern schlechte Kritiken.
Beide Werke, Böttiger 2004 und Leichte Verfehlungen, siehe unter SchmitterLiteratur.
Frau Sartoris topaktuell
In den Diskussionen über Frau Sartoris und speziell ihren Anschlag auf den Zuhälter waren sich bisher alle einig: diese Selbstjustiz ist nicht gerechtfertigt und zu verurteilen. Vergleiche die obigen Fragen zur Schmitter Moral.
Am Freitag, 11. Nov. 2011 fuhr ein Gastwirt in Stockdorf (Landkreis Starnberg) einem flüchtenden Bankräuber hinterher. „Mit der Front seines Dacias rammt der Wirt den Flüchtenden.“
Jetzt wird der Wirt als Held gefeiert.
• „Gerhard Schober (56) ist der Held von Stockdorf!“ TZ
• „Ein couragierter Zeuge“, Abendzeitung
• „Heldentat“, Süddeutsche Zeitung
Dabei ging es beim Banküberfall um 10.000 €, der mögliche Tod des Bankräubers wurde in Kauf genommen und der Täter als Held gefeiert.
Ist es nicht eine sonderbare Werteeinstufung, wenn man, wenn es um das Leben eines
jungen Mädchen geht, die Selbstjustiz verurteilt und bei Geld intuitiv den verfolgenden Autofahrer belobigt? Moralische Fragen sind oft sehr schwierig zu beantworten.
Elke Schmitter: Frau Sartoris bietet beste Unterhaltung (für den Gelegenheitsleser) und hohes Niveau (für den tiefer Schürfenden). Deutsche Romane werden selten ins Englische übersetzt. Frau Sartoris erschien 2003 sowohl bei Knopf, New York, als auch bei Faber & Faber in London.
Für mich ist Frau Sartoris einer der besten deutschen Romane des beginnenden 21. Jahrhunderts (obwohl er Jahrzehnte vorher spielt).
Schmitter Anfang
Vorangestellte Motti
„The statement is pointless / The finger is speechless“
• Schlussworte aus Ronald David Laing: Knots, 1969 (Schmitter Links).
Das ist einerseits ein Wortspiel: A finger points. A statement is spoken,
andrerseits bringt es genial knapp das Problem der Beziehung zwischen Sätzen / Gedanken und der Welt (Intentionalität) auf den Punkt. Wie kann eine gedankliche Aussage oder ein sprachliches Zeichen etwas über die Welt aussagen, auf etwas in der Welt gerichtet sein?
Manche Philosophen meinen: das ist eine grundlegende, nicht weiter erklärbare Eigenschaft; andere versuchen die Intentionalität zu erklären (Jerry Fodor, John R. Searle, Robert Stalnaker  usw.) und wieder andere behaupten, da gibt's nichts zu erklären: diese Bezugnahme ist illusionär (Paul M. Churchland).
Allerdings entgeht mir – auch nach der dritten Lektüre – der spezielle Bezug zum Roman.
• Das Zitat von Sören Kierkegaard
„Ich komme mir vor wie eine Figur im Schachspiel, von der der Gegenspieler sagt: Diese Figur darf nicht berührt werden.“
allerdings trifft die Situation der Ich-Erzählerin gut. Sie wird zweimal (von Philip und Michael) als Figur benutzt, die nicht geheiratet werden konnte. Das hätte sie aber zumindest im zweiten Fall vorher merken müssen.
Gedicht von Nikolaus Lenau
Philip sandte Margarete ein Gedicht von Nikolaus Lenau (S. 30), vermutlich "Verlornes Glück".
SchmitterNikolaus Lenau: "Verlornes Glück"
Literatur der Frau Sartoris im Sanatorium
Im Sanatorium fraß sich Frau Sartoris durch die Bücherei (S. 35). Wie oben vermutet, las sie sich dabei vielleicht Flausen von einem Glamourleben an. Nur eine Lektüre wird inhaltlich knapp umrissen als ein Roman: "der auf einem Landhaus in England begann und in Südamerika endete" (S. 35). Es könnte sich dabei um folgende Romane handeln:
• E. M. Foster: Maurice, 1913-1914 entstanden, posthum 1971 veröffentlicht;
daher handelt es sich doch wohl um:
Evelyn Waugh: A Handful of Dust, 1934 [Eine Handvoll Staub]Schmitter Rezension
Der Ehebruch einer Adeligen im 19. Jahrhundert (S. 55) könnte der über Effie Briest sein:
Theodor Fontane: Effie Briest (1894-1895).
Vergleichsliteratur
• Christian Fürchtegott Gellert: Das Leben der Schwedischen Gräfin von G*** (1747/48) – D
• Pierre Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften [Les Liaisons dangereuses] (1782) – F
Schmitter Gustave Flaubert: Madame Bovary (1856-57) – Frankreich
Schmitter Leo N. Tolstoi: Anna Karenina (1875-77) – Russland
• José Maria Eça de Queirós: Der Vetter Basílio (1878) – Portugal (nicht überprüft)
• Clarín: La Regenta (1884/85) – Spanien (nicht überprüft)
• Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen (1888)
• Theodor Fontane: Effie Briest (1894-95)
Schmitter Evelyn Waugh: A Handful of Dust – Eine Handvoll Staub (1934) – England
• André Breton: L'Amour fou (1937) (nicht überprüft)
• Hans Erich Nossack: Spätestens im November (1955) (nicht überprüft)
• Stewart O'Nan: Die Speed-Queen [The Speed Queen, 1997] (nicht überprüft)
• Marek van der Jagt (alias Arnon Grünberg): Amour Fou (2002) (nicht überprüft)
Links
Wikipedia: SchmitterElke SchmitterSchmitterFrau Sartoris#
SchmitterGast beim ilb 2002 internationales literaturfestival berlin
SchmitterLesekreishinweise (pdf)
SchmitterAmour fou
SchmitterJorge Luis Borges: "Tlön, Uqbar, Orbis Tertius", Erläuterungen
SchmitterEhebruch
EhebruchEhebruchroman
Schmitter Glück - Sinn - Zufriedenheit
SchmitterLange Nacht der Groschenromane, DLF 7.7.2001
Ronald David Laing: Knots, Schmitter1Schmitter2
Schmitter Francois Lelord: Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück
Schmitter William Somerset Maugham: The Painted Veil
SchmitterRichard Rorty: Philosophy and the Mirror of Nature (siehe auch Schmitter Literatur)
FaulknerSartoris, Roman von William Faulkner – Wikipedia
Schmitter Stendhal: Rot und Schwarz
Schmitter Porträt einer Frau - Vergleichsliteratur
SchmitterLudwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus (Wikipedia)
Rezensionen
SchmitterBuchkritik.at
SchmitterBuchrezension.eu
SchmitterHans-Rainer John: "Zwischen Lebensglück und Seelentod", Berliner LeseZeichen, 10, 2000
SchmitterAnn-Katrin Rahe: "Der Klang der Resignation Elke Schmitter liest »Frau Sartoris«", literaturkritik.de 2, 2002
SchmitterPerlentaucher
Literatur
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schmitter SchmitterElke Schmitter: Frau Sartoris. Berlin: Bvt, 2004. Broschiert, 158 Seiten schmitter
Elke Schmitter: Frau Sartoris. 3 Audio-CDs. Audiobuch, 2000 Schmitter
Schmitter SchmitterElke Schmitter: Leichte Verfehlungen. Bloomsbury 2003. Taschenbuch, 320 Seiten Boettiger
Helmut Böttiger: Nach den Utopien. Eine Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Wien: Zsolnay, 2004. Gebunden, 312 Seiten Schmitter
Liebesverrat SchmitterPeter von Matt: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur. München: DTV,1999 [1989]. Taschenbuch, 448 Seiten adultery
Nicholas White, Naomi Segal, Hg.: Scarlet letters. Fictions of Adultery from Antiquity to the 1990s. London: Palgrave Macmillan, 1997. Taschenbuch, 244 Seiten Schmitter
Rorty SchmitterRichard Rorty: Philosophy and the Mirror of Nature. Princeton UP, 2008. Taschenbuch, 472 Seiten Rorty
Richard Rorty: Der Spiegel der Natur: Eine Kritik der Philosophie. Frankfurt: Suhrkamp, 1987. Michael Gebauer, Übs. Taschenbuch, 438 Seiten Schmitter
Wittgenstein SchmitterWilhelm Vossenkuhl: Ludwig Wittgenstein. München: Beck, 2003. Taschenbuch, 368 Seiten Wittgenstein
Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus: Logisch-philosophische Abhandlung. Frankfurt: Suhrkamp, 1963. Taschenbuch, 128 Seiten Schmitter
Schmitter Anfang

Schmitter
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 12.11.2011