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Treichel
Hans-Ulrich Treichel: Tristanakkord
Frankfurt: Suhrkamp, 2000. Gebunden, 236 Seiten – Treichel LinksTreichel Literatur
Der arbeitslose Germanist und Verlegenheitsdoktorand Georg Zimmer erhält den Auftrag für den bekannten Komponisten (E-Musik) Bergmann die Memoiren zu schreiben. Zufällig stammt jener wie Georg aus dem Emsland. Hier enden aber schon die Gemeinsamkeiten. Während Georg erfolglos, schüchern und nicht gerade selbstbewußt ist, tritt Bergmann weltmännisch auf und sieht sich in einer Reihe mit Beethoven und Brahms.
Bergmann hält sich zu Beginn des Romans auf einer einsamen Hebriden-Insel auf. Georg fährt auf dessen Einladung dorthin. Die Schauplätze wechseln über (Zwischensspiel: Kreuzberg, Berlin) New York nach Sizilien. Ansonsten bleibt die Handlung blaß und leer. Warum wird Bergmanns Frau erst auf S. 216 beiläufig erwähnt?
Treichel pflegt einen flüssigen Stil, gönnt dem Leser aber nur selten einen Absatz. Er hat Sinn für ruhige Situationen, die vor allem Georg matt aussehen lassen. Nach der umständlichen Ankunft auf der letzten Insel wird Georg ähnlich wie K. in Kafkas Das Schloß empfangen. Bergmann fragt zuerst nach dem Wein und dann: "Und was machen Sie hier?" Diese Situation – hier der große, reiche Künstler, dort der armselige Doktorandenstipendiat Georg, der tumbe Tor – bleibt im Laufe des Romans erhalten. Es stellt sich die Frage, wie weit sich Georg erniedrigen darf ohne seine Würde aufzugeben.
Dazu kommt ein intellektuell anspruchsvoller Diskurs über das Hören von Musik (S. 170-174); aber es bleibt beim Anspruch.
Ansonsten bedient Treichel das Klischee von den Sozialhilfeempfängern, die sich in modischen Designerklamotten über ihre Erlebnisse in New York unterhalten (! S. 96). Wie der Autor darauf kommt, dass ein E-Musik-Schreiber zur reichen High Society gehört, ist mir ein Rätsel; das hat er wohl mit den Ausführenden, insbesondere einigen wenigen Dirigenten und Solostars verwechselt.
Die Durchsicht der Werke Goethes und Schillers (S. 197ff) betreibt der Doktorand Georg etwas vorsintflutlich. Sicher gab es früher zu Goethe und Schiller (wie zu Bibel, Shakespeare, Nietzsche usw.) eine Konkordanz die jedes Wort nachweist. Doch heute hat er zusätzlich alle Werke der Klassiker auswertbar auf CD und sogar im Internet.
Manche Kritiken meinen, Tristanakkord sei eine Satire auf Künstler und Kunstbetrieb Dazu ist es mir zuwenig satirisch. Vieles ist doch recht glaubhaft. Hans-Rainer John pflichtet dem bei: "Bergmann ist ganz und gar glaubhaft umrissen, kein Abgleiten in die Karikatur beschädigt die Figur"; siehe Treichel Link zu Rezensionen.
Insgesamt bleiben die Figuren, ausser dem köstlichen Chaffeur Bruno, merkwürdig fad; das Geschehen fließt dahin. So bildet Tristanakkord kein Glanzlicht des Jahres, war aber trotz allen Einwänden eine kurzweilige Lektüre.
Anmerkungen
Beethoven, Brahms, Bergmann
In der E-Musik beginnen viele bedeutende Komponisten mit "B". Bach, Bellini, Berlioz und Bruckner gehören ebenfalls dazu.
Lethe, griech: Vergessen (S. 17)
  • bezeichnet einen Fluss oder eine Quelle in der Unterwelt;
  • mündet in Oldenburg in die Hunte.
Mnemosyne, griech.: Gedächtnis (S. 17)
Titanin, die durch Zeus zur Mutter der Musen wurde; treichelWikipedia
Pyriphlegethon, griech.: der Flammende (S. 457)
mythischer Fluß der Unterwelt.
Die Sarmaten (S. 77) waren ein nordiranisches Volk. Da haut Bergmann mit Finnland arg daneben; er meint wohl die Samen, im Norden von Norwegen, Schweden, Finnland und Russland.
Tristanakkord-Debatte
Die John-Stewart – William-Stern-Debatte über den Tristanakkord (S. 80) gab es nie, jedoch gab es eine Debatte zwischen John Rothgeb und William Rothstein mit exakt den im Roman genannten Aufsätzen. Warum Treichel nur die Nachnamen änderte (und noch dazu in Namen anderer Gelehrter) ist mir rätselhaft.
Rothgeb, John: "The Tristan Chord: Identity and Origin". Music Theory Online 1:1 (1995); verfügbar unter: treichelRothgeb
Rothstein, William: "The Tristan Chord in Historical Context: A Response to John Rothgeb". Music Theory Online 1:3 (1995); verfügbar unter: treichelRothstein
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Links
Hans-Ulrich Treichel: treichelFU BerlintreichelWikipedia
Rezensionen
treichelKatharina Iskandar: Hans-Ulrich Treichels Hommage an die Würde des Menschen, literaturkritik.de 2.6 (2000)
treichelHans-Rainer John: "Irrfahrten eines schüchternen Doktoranden", Berliner LeseZeichen, 12/00 (2000)
treichelBeat Mazenauer: "Gebändigt Unerfüllt", Freitag 25. Februar 2000
treichelStephan Ramming aus der Wochenzeitung, Zürich, 17.2.2000
treichelStefan Wieczorek: "Das Schlucken im Hals heißt Emsfelde"
treichelEine Satire über Künstler und Kunstbetrieb
diverse Links
treichelTristan-Akkord aus Richard Wagners: Tristan und Isolde
treichelGeorg Heym: "Hymne" (S. 215)
Vergleichsliteratur
treichel Ruth Rehmann: Abschied von der Meisterklasse
wallner Michael Wallner: Finale
Literatur
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treichel sethHans-Ulrich Treichel: Tristanakkord. Frankfurt: Suhrkamp, 2000. Gebunden, 236 Seiten Treichel
Hans-Ulrich Treichel: Tristanakkord. Frankfurt: Suhrkamp, 2004. Broschiert, 233 Seiten treichel
magee sethBryan Magee: The Tristan Chord: Wagner and Philosophy. New York: Owl, 2002. Taschenbuch, 416 Seiten  
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 2.11.2006