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Rammstedt
Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China
Köln: DuMont, 2008. Gebunden, 190 Seiten – Tilman LinksTilman Literatur
Der Kaiser von China ist der liebevoll ironische Spitzname des Grossvaters von Keith Stapperpfennig. Keith wiederum ist der Ich-Erzähler des verworrenen Geschehens um eben jenen Grossvater, Keith selbst und einigen Freundinnen des Grossvaters, von denen Franziska auch die Geliebte des Enkels wird. Wenn ich jetzt noch drei Sätze frei habe ist so ziemlich der Kern des Romans erzählt. Da Rammstedt ein Tohuwabohu inszeniert ist die Lage aber nicht so einfach.
Die Grundidee ist gut ausgedacht. Keith sollte seinen Großvater nach China begleiten. Er bleibt aber zuhause, versteckt sich, der Großvater, der mit dem Auto reist (!), kommt China aber nicht einmal nahe, sondern wird wegen Herzflimmern auf der Intensivstation behandelt oder/und lagert zwecks Identifizierung in der Pathologie, irgendwo im Westerwald. (Über diese merkwürdige Gleichzeitigkeit, siehe weiter unten).
Die Situation gäbe den Hintergrund für einen witzigen Roman. Doch Rammstedt läßt seinen Keith nur fingierte Briefe aus China formulieren. Diese sind so gut formuliert, dass man an ihrer Echtheit kaum zweifeln würde, wenn man es als Leser nicht besser wüßte.
Trotz Turbulenz und rasante Episoden gerät Rammstedt einiges zu lang. Ein Beispiel, bei dem ich schon nach fünf parataktischen Sätzen abwinkte: Großvater betrachtet einen toten Kater und tut kund, was der alles nie wieder tun kann. Rammstedt reiht 19 solcher Sätze.
Einige Merkwürdigkeiten
Rezenseten und Klappentext sprechen davon, dass sich Keith in Franziska verliebt. Nun, wenn ein paar Sexszenen schon Verliebtheit bedeuten, dann stimmt das. Im Text konnte ich davon nichts entdecken.
Großvater erzählt auf dem chinesischen Inlandsflug seinem Enkel Keith von Lian, "meine einzige große Liebe" (S. 81). Soll es ein Gag sein, dass die chinesischen Reisenden an ihnen passend erscheinenden Stellen laut lachten und mitfühlend seufzten (S. 93) und am Ende ihm alle sogar ihre Visitenkarten überreichten (S. 97)?
Einmal besucht Keith den Großvater in Notaufnahme und in der Intensivstation (S. 84). Dabei kommt es zur eher peinlichen Kopulation Keith – Franziska. Ein andermal wird Keith telefonisch ermahnt endlich die Pathologie zu besuchen um endlich den Großvater zu identifizieren (S. 115). Beide Sachverhalte standen für mich unvermittelt nebeneinander. Eine Chronologie ist nicht erkennbar.
Auch einige – wohl wegen Situationskomik – eingestreute Episoden hinterließen mich ratlos. Als Beispiel nenne ich: Keith hievt aus Jux und Tollerei (was sonst?) in einen Rollstuhl. Dann saust er mit ihr durchs Krankenhaus und in den Park. Das steigern sie zur Raserei und bis Keith stürzt, der Rollstuhl weiterrast und kippt. Beide sind dreckig und blutig. Franziska steht wieder auf.
„Du kannst ja wieder laufen“, sagte ich. „Ja“ sagte sie, „ein verdammtes Wunder.“ (S. 86).
Wenn dies eine Verhohnepiepelung der Wunderheilungen in Lourdes oder Fatima oder sonstwo sein soll, so finde ich sie deplatziert, wenngleich ich im Kern der Sache zustimme.
Wieder einmal kann ich den tollen Besprechungen im deutschen Feuilleton nicht beipflichten. Der Kaiser von China ist munter erzählt, man langweilt sich nicht, ich rate von der Lektüre nicht ab, empfehle sie aber auch nicht.
Links
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Vergleichsliteratur
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Rammstedt Marina Lewycka: A Short History of Tractors in Ukrainian [Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch]
Literatur
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Rammstedt RammstedtTilman Rammstedt: Der Kaiser von China. rororo 2010. Taschenbuch, 208 Seiten Rammstedt
Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China. Köln: Dumont 2008. Gebunden, 190 Seiten Rammstedt
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