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Walser
Martin Walser: Ein liebender Mann
Reinbek: Rowohlt, 2009. Gebunden, 288 Seiten – Martin LinksMartin Literatur
Goethe Der 74-jährige Johann Wolfgang von Goethe trifft am 11. Juli 1823 in Marienbad im dritten Jahr in Folge auf die Familie von Levetzow: eine Witwe mit drei reizenden Töchtern: Ulrike, Amalie und Bertha, 19, 16 und 15 Jahre alt. Der Geheimrat hatte schon in den Vorjahren ein Auge auf die Minderjährige geworfen, verliebt sich nun aber vollends in sie.
Der Roman Ein liebender Mann schillert diese Liebe aus der Sicht des Meisters, der von einer ernsthaften Verbindung überzeugt ist.
Levetzow
Obwohl sich Goethe ausgiebig nackt im Spiegel betrachtet, merkt er zunächst nicht, dass seine Liebe völlig absurd ist. Einige andere angeführte Verbindungen mit grossem Altersunterschied zeigen ihm die Möglichkeit einer Verbindung, dem Leser eher die Unmöglichkeit. Über den Herzog von Weimar lässt er einen Heiratsantrag übermitteln. Ob dem stattgegeben wird, wird aus dem Roman nicht ganz klar. Letztlich merkt Goethe selbst, dass eine Heirat lächerlich wäre (vielleicht merkt er auch nur, dass nichts geht). Er begnügt sich damit die berühmte Marienbader Elegie zu schreiben.
Der Text plätschert lustlos dahin, wäre da nicht einiges (davon gleich mehr), das die Aufmerksamkeit, wenn nicht den Unmut des Lesers erfordert. Einen gewissen Höhepunkt stellt der 31. Oktober 1823 dar. An diesem Tag trifft Ulrike von Levetzow in Straßburg auf Juan de Ror. Goethe malt sich qualvoll dieses Treffen seiner Geliebten mit dem altersmässig passenden Konkurrenten aus. Interessant – aber nicht unerwartet – sind die herrschenden Verhaltenskodices, oft sehr unterschiedlich zu heute, manchmal aber auch ähnlich. Sie veranlassen zu überlegen, dass viele unserer heutigen Konventionen in zweihundert Jahren auch als recht abwegig gelten werden.
Die Gefühlslage der Angebeteten bleibt unklar. Walser bleibt hart am Dichterfürsten. Soweit er Ulrike schildert, bleibt sie mit Goethe meist auf Augenhöhe. Ja, zu Beginn weist sie köstlich nach, welche unsinnige Gedankenwolken der Geheimrat Goethe von sich gibt:
“Wer mir nicht sagt, was er denkt, beleidigt mich” (S. 32) ist in vieler Hinsicht Quatsch. Ulrike gibt Goethe zu bedenken, ob nicht das Gegenteil genau so wahr klinge (S. 33).
Zudem verstößt Goethe eklatant gegen seine "Lebensweisheit". Er schreibt an seine Schwiegertochter Ottilie und verschweigt dabei bewusst alles zu Ulrike: "Ulrike durfte da nicht vorkommen" (S. 48). Mehr: er setzt darauf, dass Ottilie nicht das liest was er sagt, "was da steht, sondern das, was er verscheigt" (S. 49).
Das Thema "alter Mann liebt junges Mädchen" kann durchaus reizvoll dargestellt werden. Man denke nur an Vladimir Nabokov: Lolita. Walser ist anscheinend so auf dieses Thema fixiert (Brandung, 1985; Der Augenblick der Liebe, 2004; Angstblüte, 2006), dass er weder durch Spannung noch Stimmung brilliert. Im Gegenteil: stilistisch ist einiges tadelnswert.
Stil
Anachronismen
• Marienbad hat für Ulrike etwas Amerikanisches: ein Hotel neben dem anderen. Gestehen wir Walser zu, dass dies 1823 schon so war und dass es Menschen gab, die das als negativ empfanden. Aber als amerikanisch? Sie begründet es: "Denn vor vier Jahren war hier noch grüne Wildnis" (S. 42). Selbstverständlich war das 1823 auch in den USA grossenteils noch so. Zwar wurde schon 1811 das Strassennetz Manhattans geplant, aber erst nach 1825 blühte die Stadt auf. Noch später,  um 1830 bis 1840 wurden die Indianer aus dem Osten der USA über den Mississippi hinaus verdrängt. Noch fast das gesamte 19. Jahrhundert dauerten die Kämpfe an.
Ada Byron, Countess of Lovelace (10. Dezember 1815 – 27. November 1852), war tatsächlich mathematisch hochbegabt. Aber keineswegs hatte sie sich bereits mit sieben Jahren Gedanken zu einer Rechenmaschine gemacht, geschweige denn, veröffentlicht.
• Ob Goethe die künftige Entwicklung der "anrückenden Maschinen" (S. 140) als Angstmacher erkannte sei dahingestellt. Dass die Zukunft den Rechenmaschinen gehöre: "Die Zukunft heißt Ada Byron!" (S. 140) hat nicht mal der grosse Meister gesehen.
Diese Anachronismen bestätigen meine Skepsis gegenüber historischen Romanen. Bei einem Sachbuch erwarte ich saubere Recherche des Autors. Krasse Fehler kann man ihm zurecht ankreiden. Bei einem Werk der Fiktion kann man als Leser kaum entscheiden: was ist historisch verbürgt, was hat sich der Autor ausgedacht?
Manierismen
• Gleich die beiden ersten Sätze des Romans sagen dasselbe aus. Ich las sie dreimal und mir gefielen sie als verstärkend grossartig. Diese Figur wiederholt Walser des öfteren, meist zum Kapitelbeginn. Im Kapitel 3 (S. 37) geht es in Ordnung, da die beiden Sätze zwei ähnlich lauten, aber doch Verschiedenes aussagen. Zu Beginn von Kapitel 5 (S. 93) leiert diese Satzfigur allmählich. Zudem ist sie dort überflüssig. Es wiederholt sich z.B. S. 115. Später fiel mir auf, dass Walser anscheinend seinen Merkzettel für diese Satzfigur verlegt hatte.
• Ein Autor wie Walser sollte Dialoge spannend und abwechslungsreich gestalten können. Stattdessen liebt er das "sagte": auf S. 39 sechsmal, auf S. 46 siebenmal, ...
• Einen Satz mit "und" zu beginnen kann – sparsam verwendet – durchaus eine Verbindung herstellen. Bei Walser wird's zur Manie, siehe z.B. S. 153 (aber auch noch später z.B. S. 253).
• Einige doofe Dialoge kann man der Nichtigkeit der gesellschaftlichen Dialoge zuschreiben. Trotzdem empfand ich sie als lästig. Nur ein besonders krasses Beispiel.
"Dann sagte sie: Das Leben ist keine Kleinigkeit.
Goethe ergänzte: Ach ja.
Sie haben's geschafft, sagte die Fürstin, Sie müssen nur noch Ach ja sagen.
Und Goethe im Ton, als sei er überrascht: Ach ja!?
Und sie: Womit die universale Brauchbarkeit von Ach ja bewiesen ist.
Ach ja, sagte er fast seufzend." (S. 85)
Literaturkritik
Den gerade zitierten Dialog mag mancher als witzig empfinden. Das kann ich nachvollziehen. Ebenso kann dem einen oder anderen Leser und Kritiker (sollten auch Leser sein; mir kommen da aber Zweifel) der Roman Ein liebender Mann gefallen. Aber die Kritiken zu diesem Roman sind durchwegs lobend, bis zu Martin Lüdke, der ihn als Martin Walsers schönsten Roman auszeichnet (Frankfurt Rundschau, 1.3.2008). Joachim Kaiser findet Walsers Sprachgewalt hier auf ihrem Höhepunkt (Süddeutsche Zeitung, 29.2.2008). Andreas Merkel in Spiegel Online: "Walser zeigt sich groß in Form".
Mag ja sein: ich habe noch nie was von Walser gelesen. Wenn das sein schönster und sprachgewaltigster Roman ist, giere ich nicht danach, noch etwas von ihm zu lesen.
Nur  Alexandra Pontzen kommt zu einem anderen Kritikerurteil. Sie kommt nicht umhin "»Ein liebender Mann« als publizistische ejaculatio praecox zu bewerten (und das ist, um es vorwegzunehmen, das Aufregendste, was sich über das Buch sagen lässt)".
Abgesehen von den Einblicken in Sitte und Moral um 1823 und wenigen Einfällen (Diener Stadelmann verkauft heimlich Haare des Meisters) blieb Ein liebender Mann für mich eine blasse bis ärgerliche (Anachronismen, Manierismen) Lektüre.
Links
WalserMarienbader Elegie
WalserOttilie von Goethe
WalserAda Lovelace
WalserPerlentaucher
WalserAndreas Merkel: Mein liebender Schwan, 27.2.2008
WalserAlexandra Pontzen: Elke Heidenreich ist seine Muse. Über Martin Walsers Roman "Ein liebender Mann", Literaturkritik April 2008 
Literatur
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Walser WalserMartin Walser: Ein liebender Mann. Reinbek: Rowohlt, 2009. Broschiert, 284 Seiten Walser
Martin Walser: Ein liebender Mann. Reinbek: Rowohlt, 2009. Gebunden, 288 Seiten Walser
Walser WalserMartin Walser: Ein liebender Mann. Martin Walser (Sprecher). Hoffmann und Campe, 2008. Audio CD
Walser Anfang

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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 19.2.2010