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Rezzori
Gregor von Rezzori: Greisengemurmel. Ein Rechenschaftsbericht
München: Bertelsmann, 1994. 255 Seiten – Rezzori AnmerkungenRezzori LinksRezzori Literatur
Mit Greisengemurmel legte Gregor von Rezzori ziemlich spät eine Art Autobiografie vor, die er eigentlich nie schreiben wollte. Er macht sich darin Gedanken über Ereignisse aus seinem prallen Leben. Im Mittelpunkt stehen die politischen und gesellschaftspolitischen Umwälzungen der fünf Staaten Österreich-Ungarn, Rumänien, Deutsches Reich, Bundesrepublik und Italien, die sein Leben bestimmten. Immer wieder kommt er auf den 12. März 1938 zurück, den bejubelten Anschluss Österreichs an Deutschland. Ein schöner Vergleich verbindet ein Bild aus Robert Musil: Mann ohne Eigenschaften (das Werk kenne ich immer noch nicht) und den fahrenden Nazi-Gesinnungszug (S. 166-167). Er als Kosmopolit hat mit dem verblendeten Kleinkrämer aus Braunau seine besonderen Probleme. Rezzori kann auch die geistige Kleingärtnerei des ausgehenden 20. Jahrhunderts nicht verstehen. Zeigte nicht das reichhaltige geistige Leben in der Bukowina, in die er 1914 geboren wurde, wie fruchtbar ein Völkergemisch sein kann? Auch später war Rezzori ein Pendler zwischen den Staaten und jahrzehntelang war er ein Staatenloser. Dabei widerstrebt ihm die McDonaldisierung, der er allerorten ausmacht: nicht Gleichmacherei ist sein weltmännisches Ideal sondern ein gleichberechtigtes Nebeneinander der kulturellen Vielfalt. In seinem Gemurmel findet man viele anregenden Gedanken. Trotz der beiläufigen Art zeigt Rezzori einen scharfen Blick. Sich selbst nennt er treffend einen Literat des 19. Jahrhunderts an der Schwelle des 21. (S. 28). Etwas weiter ausholend charakterisiert er sich auf Seite 75.
Leider macht es Rezzori dem Leser, wie mir scheint unnötig und affektiert, schwer. Dass er aus dem Text die Kommata tilgte finde ich albern. Er setzt zwar Schwerpunkte im Text und durchgehende Themen (z.B. seine Freundschaft mit Bruce Chatwin), doch waren mir seine seitenlangen Berichte über den Besuch in Pondicherry, Indien, und seine ausführliche Schilderung des Kölner Karnevals (der ihm zum Vergleich mit Hitlers Auftritt in Wien dient) zu langatmig. Auch bringt eine Beschreibung seiner Kollegen (echte Kollegen, nicht nur gleichfalls Schriftsteller, siehe meine Bemerkung dazu weiter unten) beim Rundfunk nach dem Ende des 2. Weltkriegs dem heutigen Leser wenig. Ausser Peter von Zahn kannte ich keinen. Der Text scheint mir nur so hingeschrieben. Viele Sätze sind nur Ausdrücke ohne Struktur, vieles wird fast unlesbar, wie: "Die Not zu sagen was beim Umgang mit dem Dreigestirn Prinz Jungfrau Bauer in mir vorging stellte sich in mir ein erst mit dem immer quälenderen Bewußtwerden der Gleichzeitigkeit meiner Lebenszeit" (S. 200). Geschraubt! Ebenso affektiert wie die Streichung der Kommata finde ich den penetranten Zusatz "Kollege" vor jedem Schriftstellernamen (und es sind viele): Kollege Goethe, Kollege Milton usw. Ähnlich aufgesetzt fand ich manche fremdsprachigen Einschübe. So beschreibt er das Bukarest nach der Wende 1990/91 und die nahrungssuchenden Stadtnomaden. Völlig unnötig fügt er "urban hunter gatherers" (S. 108) hinzu. Kein Erkenntnisgewinn.
Interessant ist, dass Rezzori, ähnlich wie Siegfried von Vegesack (rezzori Siegfried von Vegesack), der Heimat beraubt wurde und am Ende seines Schriftstellerdaseins einen Turm bewohnte.
Ich bestreite nicht, dass Rezzori ein bewegtes Leben hatte. So ungegliedert (sowohl in der Satzstruktur aber auch im gesamten Werk: die Kapitel zeigen keine Ordnung in sich und werden auch selbst ziemlich ungeordnet herunter geschrieben) wollte ich das Gemurmel eines Greises aber nicht lesen.
Anmerkungen
Zum "Wunderwald der Kindheit" (S. 7) zitiert Rezzori Lewis Carroll
`Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe:
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.
Lewis Carroll: "Jabberwocky", aus: Through the Looking-Glass and What Alice Found There, 1872
RezzoriLewis Carroll: "Jabberwocky"
"Depend upon it, sir, when a man knows he is to be hanged in a fortnight, it concentrates his mind wonderfully." Samuel Johnson: Boswell's Life of Johnson, 1777, wird zitiert auf S. 29 rezzori
"Nebbich!" (S. 98): nebbich, nebbish, nebish – An insignificant person; an incompetent person; a perpetual victim. (Etymology: Yiddish).
umgangssprachlich für: 1) nun, wenn schon! 2) Nichtsnutz; unbedeutender Mensch (Duden)
Nebich (Nebbich) in RezzoriJewishEncyclopedia.com © Vittoria Rezorri (mit einem "z" ist hier korrekt); mit freundlicher Genehmigung
Gregor von Rezzori, 13. Mai 1914 Czernowitz / Bukowina – 23. April 1998 in Donnini, Toscana.
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Links
Gregor von Rezzori: RezzoriBerlinverlagRezzoriKurzbiografieRezzoriWikipedia
RezzoriLinkliste
Rezzorifrizztext zu Greisengemurmel
RezzoriStefan Dornuf: "Bei Gräfinnen herrschte ein augenfälliger Engpaß", Tagesspiegel 22.1.1998
Literatur
Vorabdruck aus Gregor von Rezzoris »Greisengemurmel«. In: Karl Immermann, Hg.: Welfengarten 3/1993. Jahrbuch für Essayismus. Hannover: Revonnah, 1993.
Gerhard Köpf, Hg.: Gregor von Rezzori. Essays, Anmerkungen und Erinnerungen. Laufen, Karl-Maria, Nachf. Wilhelm R. Kurze, 1999. Taschenbuch, 320 Seiten
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Rezzori RezzoriGregor von Rezzori: Greisengemurmel. btb 1996. Broschiert, 255 Seiten - Verlag Erscheinungsdatum: September 1996 ISBN: immermann
Karl Immermann, Hg.: Welfengarten 3/1993. Jahrbuch für Essayismus. Hannover: Revonnah, 1993. 180 Seiten rezzori
  Gregor von Rezzori: Greisengemurmel. Bvt 2005. Broschiert, 270 Seiten rezzori rezzori
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