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Redlhammer
Claudia Redlhammer: Die schmutzige Frau
Zürich: KaMeRu, 2006. 250 Seiten – Redlhammer LinksRedlhammer Literatur
Irene hat vor Jahren ihre Kinder an den Ex-Ehemann Christian abgetreten. Später bereut sie es und will wieder den Bezug zu ihren Kindern – zu spät. Sie ergibt sich dem Sex und Suff. Ausgerechnet die Begegnung mit einem Penner läßt sie innehalten, aber sie versagt erneut und baut einen folgenschweren Autounfall. Erst jetzt kommt sie zur Besinnung, sucht ihre inzwischen erwachsenen Kinder und entscheidet sich endlich für einen Mann.
Diese Handlungsstruktur wird in zwei Strängen erzählt: die Gegenwart von einem Erzähler, der Irene sehr nahesteht; die Vergangenheit durch Irenes Gedanken in Ich-Form. Der Roman problematisiert das Verfügungsrechts geschiedener Eltern über ihre Kinder.
Leider wird das wichtige Thema verspielt. Zunächst liest man bis weit über die Hälfte des Romans ein Groschenheftgeschehen, angereichert mit viel Sex: ein ausgedehnter "Nackenbeißer" (Redlhammer Links). Nachdem Andrea in Begleitung von Marcus (beides die Kinder um die es juristisch und moralisch geht)  ins Krankenhaus kommt (ab S. 204), läuft der Roman zu großer Form auf und entschädigt für vieles Klischeehafte zuvor. Doch auch hier zerstört die Autorin alles. Nach zwei schweren Operationen und künstlichem Koma wacht Andrea auf, Marcus sitzt bei ihr und sein erster Satz zu seiner Schwester ist: "Du musst sterben" (S. 223). Dabei wären gerade die beiden Kinder zusammen mit Irenes Freundin Beate die glaubwürdigsten Charaktere gewesen.
Neben dieser Trivialisierung über weite Romanstrecken behindert die Charakterisierung von Irene jegliche ernsthafte Behandlung des Themas. Während ihr Ex-Ehemann durchwegs böse ist und dabei von der notorisch habgierigen Schwiegermutter unterstützt wird, verkörpert Irene ein Frauenbild, das man einer weiblichen Autorin kaum zutraut. Sie ist sexhungrig, versoffen, entscheidungsschwach und obendrein strohdumm.
  • Die Erzählerin nennt es so: "Boshaftigkeit ist wirklich eine ihrer stärksten Eigenschaften geworden" (S. 15).
  • Ihr Versagen als Mutter zeigt sich schon früh: "Mein Sohn, gerade viereinhalb Jahre alt, hasste mich" (S. 20). Ob ein Vierjähriger dazu fähig ist, bezweifle ich, doch bei Irene als Mutter nehme ich es der Autorin ab.
  • Freundin Beate wirft Irene zurecht Selbstmitleid vor (S. 29). 
  • Beate ruft verzweifelt Irene an. Was macht diese? Sie "knallt das Handy gegen die Wand" (S. 47). Irene kennt ihre echten Freunde nicht und ist auch noch jähzornig. 
  • Beim selbstverschuldeten Autounfall ist Irene – fast kann man es bei ihrem IQ erwarten – "wie immer, nicht angeschnallt" (S. 106). Wie immer!
  • Claus will sie heiraten und lässt sie ohne Nachricht am Standesamt abblitzen (S. 113). Trotzdem lässt sie ihn anschliessend jahrelang (wenn sie nicht gerade selbst im Swingerclub ist – hier wäre ein sehr viel kräftigeres Verb nötig; doch diese Buchbesprechung soll jugendfrei bleiben redlhammer) unter ihre Bettdecke.
  • Frank will sie heiraten; sie ist verliebt in ihn. Trotzdem schläft sie mit Claus (S. 147). Dumm oder geil oder beides?
  • Irene lernt auch kaum dazu. Noch auf S. 180 wundert sie sich, dass ihr im Leben Entscheidungen abverlangt werden.
Als Leser ist man froh, dass diese Frau die Verfügungsgewalt über ihre Kinder mehr oder weniger freiwillig abgegeben hat. Lieber beim bösen Christian aufwachsen als bei der dummen Irene.
Zum Groschenromanvorwurf lese man die Blumenszene mit einem Förster (S. 63) und die vielen Triviallebenshilfen (zuviel Paulo Coelho gelesen?): "Es gibt für alles im Leben eine zweite Chance. Kämpfe!" (S. 69) Der Autorin Redlhammer gebe ich keine zweite Chance.
Viele Situationen sind völlig aufgesetzt und lebensfern.
  • Die ungeheure Krankentröstung des Bruder Marcus erwähnte ich schon.
  • Irene pickt sich einen Obdachlosen von der Straße auf (unwahrscheinlich, aber akzeptieren wir es als Freiheit der Autorin) und lädt ihn in ein Cafe ein. Die Gäste im Café drehen sich ab. Irene mit lauter Stimme: "Hat irgendjemand hier ein Problem, wenn ich diesen Herrn auf einen Café einlade?" (S. 60) Man stelle sich diese Szene vor. Nicht möglich!
  • Im Auto erzählt sie diesem wildfremden Mann, ihr gesamtes Leben (S. 84). Die Café-Episode und die Lebensbeichte im Auto geschehen, obwohl Irene einen wichtigen Termin bezüglich Rückgewinn ihrer Kinder hat (S. 84, S. 87f), den sie fast versäumt. 
  • Selbstverständlich verbringt der obdachlose Frank sofort die Nacht bei Irene. Am Morgen kommt Claus, der Irenes Wohnungsschlüssel hat; Irene empfängt ihn und plaudert mit ihm. Nun tritt Frank aus dem Schlafzimmer in die Küche zu den beiden. Hier ist was ihn die Autorin sagen lässt: "Ich bin Frank. Frank Mahler. Kann ich auch Kaffee haben?"
  • Frank, der Obdachlose, wird von Irene aufgelesen, schläft sofort mit ihr; bekommt von einem ebenso wildfremden Mann einen Vorstellungstermin und dann einen Job und von einer älteren, ebenso wildfremden Frau eine Unterkunft. Dreimal Weihnachten hintereinander.
  • So könnte man eine groteske Szene an die andere setzen.
Die Absurditäten und nicht passenden Situationen werden durch kleinere Unstimmigkeiten verstärkt. So werden wir belehrt, dass am 30. April die Tage langsam wieder länger werden. Sie werden natürlich seit Ende Dezember wieder länger und entschieden schnell ab Mitte März.
Der Autorin gelingen auch großartige Szenen, so wenn Marcus seine Schwester ins Krankenhaus bringt. Die beiden stärksten und glaubwürdigsten Figuren sind Beate und Marcus.
Ansonsten: der Roman vergibt ein wichtiges Thema um die Rechte der Kinder und an den Kindern in gescheiterten Beziehungen. Die Lektüre empfehle ich nicht.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.4.2007