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Hang
Markus Werner: Am Hang
Frankfurt: S.Fischer, 2004. Gebunden, 189 Seiten – Hang LinksHang Literatur
Der Scheidungsanwalt Thomas Clarin zieht zu seinem Arbeitswochenende in sein Ferienhaus in den Bergen zurück. Auf der Hotelterasse begegnet er dem älteren Thomas Loos, mit dem er in ein zähes Gespräch kommt. Beide haben vor etwa einem Jahr am selben Ort – wie sich herausstellt – einen geliebten Menschen verloren. Beim Anwalt war es "nur" sein eigener Abbruch einer Liebesbeziehung mit einer verheirateten Frau. Was hinter dem Verlust des "loosers" Loos steckt, verrät er lange nicht. Es braucht einige Gespräche unter Alkohol und gelegentlichem Ortswechsel bis sich der verblüffende Abschluss ergibt. Da liegen aber beide schon am Fuß des Hangs.
Der Leser fragt sich, ob er nochmals mit der Lektüre beginnen soll. Zu gerne würde man überprüfen, wann beide oder nur Clarin zu Rutschen anfing.Und wann er es hätte merken müssen hang; spätestens bei der Vegetarier-Kennzeichnung (die man wohl nicht wegen einer Liebschaft kaschiert!?). Allerdings habe ich anscheinend überlesen, dass die Frau auch Kaninchen aß. Lüge? Falsche Fährte? Bleibt offen, wie so vieles in Am Hang.
Da ein Reiz des kurzen Romans an der Klärung der Verhältnisse beruht, sei hier nicht mehr verraten. Mir scheint: selbst am Romanende ist nicht alles aufgeklärt. Das muß auch nicht sein.
Der Dialog zwischen den beiden ungleichen Charakter ist stellenweise großartig. Hieb, Stich und Gegenstich wechseln. Man stimmt Clarin zu und gleich darauf Loos. Der Sprechgestus beider Männer wird gut "sichtbar", obwohl Markus Werner direkte und indirekte Rede munter mischt ohne den Leser durch Satzzeichen eine Orientierung zu geben. Etwas stört anfangs die misanthropische Einstellung Loos. Andrerseits gibt sie Anlass zu einer anregenden Diskussion (ab S. 32).
Loos bringt beispielsweise einen erhellenden Beitrag zur Wertediskussion und zur grösseren Auswahl von Möglichkeiten heute, die viele überfordert:
"... in der vergangenen Epoche hat ein verbindlicher Kanon von Werten, eine enge und strenge Moral uns gemodelt und häufig verkrümmt und stets überfordert. In der heutigen Zeit, in der die Rangordnung der Werte aufgehoben ist und diese selbst insofern privatisiert worden sind, als es dem einzelnen freisteht, von welchen er sich leiten lassen möchte, macht sich Ruhelosigkeit breit: nichts schwieriger, nichts überfordernder, als ohne Beistand suchen und wählen zu müssen." (S. 65)
Fürwahr, besonders viele Politiker sind ob der Vielfalt und der Qual der Wahl überfordert, man lese Werner Deutsche Leitkultur und Werner Wertevermittlung – Werteunterricht.
Die Ballade "Die Füße im Feuer" (S. 151) wird spät in den Dialog eingeworfen (hang Anmerkungen). Es wäre erhellend die Parallelen zum Roman aufzuzeigen. Text der Ballade siehe hang Links.
Sowohl der anregende Dialog als das Verwirrspiel um die verlorenen Frauen garantiert Unterhaltung auf hohem Niveau. Der stilistische Einheitsbrei aus direkter und indirekter Rede trübt das Lesevergnügen. Ob alles stimmig ist bezweifle ich; müßte durch eine Zweitlektüre geprüft werden. Eva blieb es schleierhaft, "was diese Frau dazu getrieben habe, sich in fremde Arme zu werfen" (S. 178-79). Das bleibt es auch für den Leser. Warum Eva dann "mit Sicherheit" die naheliegenden Motive ("Abwechslungslust"; Verführungskunst eines Schürzenjägers", S. 179) ausschließt ist ebenso schleierhaft.
Mit diesen kleinen Abstrichen kann der Roman Am Hang bestens empfohlen werden.
Hang Anfang
Anmerkungen
Die beiden Zeilen (S. 46)
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
stammen aus Hermann Hesse: "Stufen"; gesamter Text siehe unter Hang Links.
"O wie schön ist deine Welt" (S. 48)
Im Abendrot
Musik: Franz Schubert, DV 799; 1824 oder 1825;
Text: Karl Gottlieb Lappe, 1773-1843
  O wie schön ist deine Welt,
Vater, wenn sie golden strahlet!
Wenn dein Glanz herniederfällt
Und den Staub mit Schimmer malet,
Wenn das Rot, das in der Wolke blinkt,
In mein stilles Fenster sinkt!

Könnt ich klagen, könnt ich zagen?
Irre sein an dir und mir?
Nein, ich will im Busen tragen
Deinen Himmel schon allhier.
Und dies Herz, eh' es zusammenbricht,

|: Trinkt noch Glut und schlürft noch Licht. :|
Bünzli (S. 49f): schweizerisch für Spiessbürger; angepasst und konservativ
Der Spruch von S. 68 stammt (?) von Novalis
Wenn Du einen Riesen siehst, so prüfe erst den Stand der Sonne – und achte darauf, ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist.
oder der Schatten eines Bünzlis hang
"Die Füße im Feuer" (S. 151) sind von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898); siehe Hang Links
Vergleichsliteratur
Hang Sándor Márai: Die Glut
Hang Erika Pluhar: Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?
Teilnehmer an einer Literaturgruppe nannten als Vergleichsliteratur für einzelne Aspekten:
 Hugo von Hofmannsthal: Andreas
J. B. Priestley: Ein Inspektor kommt
Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens
Hang Anfang
Links
wernerHermann Hesse: "Stufen"
Conrad Ferdinand Meyer: "Die Füße im Feuer"
wernerDeutsche BalladenwernerLiteraturweltwernerProjekt GutenbergwernerWikipediawernerWikisource
Literatur
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werner wernerMarkus Werner: Am Hang. Frankfurt: Fischer, 2006. Broschiert, 189 Seiten werner
Markus Werner: Am Hang. Frankfurt: Fischer, 2007. Gebunden, 192 Seiten werner
werner wernerMarkus Werner: Am Hang. Dav 2005. 4 CDs. Lesung von Hanspeter Müller-Drossaart
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