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Hürlimann
Thomas Hürlimann: Fräulein Stark
Zürich: Ammann, 2001. Gebunden, 191 Seiten – stark Vorwurf des Antisemitismusstark Linksstark Literatur
Der Onkel des Ich-Erzählers ist Stiftsbibliothekar, Prälat und Privatgelehrter. In seinem Bibliotheksreich verbringt der vermutlich 10-13 Jahre alte (Vorname und Alter las ich nie) Schüler Katz die Sommerferien. Im Herbst wird er in eine kirchliche Schule, wohl ein Gymnasium, kommen. Er hilft bei den zahlreichen Arbeiten der anscheinend recht lebhaften Bibliotheksnutzung mit. Seine Hauptaufgabe ist die Ausgabe der Filzpantoffel an die Bibliotheksbesucher: der kostbare Boden des Saales soll geschützt werden.
Katz findet Gefallen am Lesen, Riechen und Schauen. Schon beim Lesen ist er von "scharf riechenden Pfeffermagazinen, dämmrigen Opiumhöhlen und wüsten Hafenkaschemmen" begeistert (Lesen-Zitat, siehe stark Lesen, Bibliothek und Bücher). Mit vorsichtigen Blicken unter die Röcke der Besucherinnen, immer wenn sie in die Pantoffeln schlüpfen, erobert er sich ein Panoptikum von Gerüchen. Auffallend ist die mehrfache Betonung der Nase der Familie Katz (stark Vorwurf des Antisemitismus) und die Geruchsempfindlichkeit, die es dem Buben erlaubt, ein mannigfaltiges Spektrum von Gerüchen wahrzunehmen. Man glaubt sich in einem Basar oder in Patrick Süskind: Das Parfum (stark Rezension) eingetaucht. Die Steigerung der spriessenden sexuellen Fantasie durch zusätzliche Sicht erobert sich Katz mit einem Handspiegel.
Zurecht vermutet man, dass dieses unkeusche Treiben wider das "Sechste" in der Umgebung auffliegen muss. Fräulein Stark, Haushälterin des Stiftsbibliothekars und schwer vorstellbar: Analphabetin (es wird ungenügend begründet mit ihrer Appenzeller Herkunft; es erinnert an die andere literarische Analphabetin in Bernhard Schlink: Der Vorleser, stark Rezension), meldet es dem Onkel. Wenn ich mich richtig erinnere erfolgt die Anschwärzung beim Prälaten in vier Schwerestufen. Das Erstaunliche: der etwas geistesabwesende, nur in seine Bücher vertiefte Onkel reagiert verständnisvoll. Nach der letzten Sünde wider "das Sechste" (der Pubertierende onaniert in seine Socken) erfolgt eine eigentümliche Aufklärungsrede. Während zuvor Fräulein Stark (sofern sie es überhaupt bemerkte) die Milde des Onkels nur zu schärferer Beobachtung anstachelt, wandelt sich ihr Verhältnis zum aufgeklärten Buben: es entwickelt sich eine platonische (?) Zuneigung.
Manche Themen reißt Hürlimann nur kurz an, ohne dass mir die Bedeutung klar wurde. So interessiert den Onkel "der fromme Wahnsinn". Er liebte es "wie ein Scheich auf dem Diwan zu liegen und in jene Paläste einzusteigen, die ein wahnsinniger Wüstenvater in den Sand gewundert hatte" (S. 126). Seine Neffe eifert ihm nach. Ist dies metaphorisch zu verstehen oder bevorzugen beide orientalische Geschichten? Wie soll sich der Leser den "frommen Wahnsinn" vorstellen?
Die Novelle gewinnt durch den Prälaten, der trotz übersteigerter Vertiefung in seine Folianten (Motto: nomina ante res), mit (oder auch trotz?) ausgiebigen Wirtshausbesuchen menschlich bleibt. Fräulein Stark ist durch zahlreiche widersprüchliche Charakterzüge bemerkenswert. Als des Lesens Unkundige arbeitet sie in der berühmten Klosterbibliothek; sie fürchtet die Sünde, zieht aber den 12-Jährigen beim zu Bett gehen aus. Den Prälaten versteht sie geschickt zu beeinflussen. Man vermutet ein Verhältnis mit dem Prälaten, doch untermauert dies der Text nicht. Sie ist es, die am Ende der Novelle einen Kiosk an der Bibliothekspforte durchsetzt und den Buben liebevoll verabschiedet. Trotz allem bleibt die Stark nur eine Person im Personendreieck mit dem Onkel.
Stil
Das Reich der Bibliothek wird durch den Autor und den Onkel hochstilisiert: "Bücherarche", "Bücheratlantis", "barockes Raumschiff", "Bücherkirche" wird die Bibliothek genannt. Ähnlich vielfältig vermag Hürlimann das Reich der weiblichen Reize zu beschreiben. Das geschieht dezent und trotzdem knistert es.
Zusammenfassung
Amüsant zu lesende Novelle, die in vergnüglicher Perspektive das alte Thema der Pubertät aufnimmt. Den eifrigen Bücherleser erfreut das Lob der Wörter und Bibliotheken. Die Konfrontation des Katholizismus mit Geschlechtlichkeit und Judentum finde ich ohne Seitenhieb oder Häme dargestellt. Lesenswert; ob man in fünfzig Jahren noch von Fräulein Stark spricht, bezweifle ich.
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Anmerkungen
Wiborada von St. Gallen (S. 28; S. 158-159) lebte als Zurückgezogene (Reklusin) im Kloster St. Gallen; Märtyrerin † 2. Mai 928 (?) in St. Gallen. Sie gilt als Schutzpatronin der Pfarrhaushälterinnen (Fräulein Stark!), Köchinnen, Bibliotheken und Bücherfreunde. Siehe unter stark Links.
Diodorus Siculus (S. 34; S. 43), griechisch Diodoros, griechischer Historiker, geboren in Agyrium (jetzt: Agira) auf Sizilien, nach 21 v. Chr. gestorben. Er verfasste die »Historische Bibliothek«, eine Geschichte des Altertums bis 54 v.Chr. (15 von 40 Bücher erhalten). Von ihm stammt der Begriff „Psychesiatreion“ (Seelen-Apotheke), der über dem Bibliotheksportal geschrieben steht.
Stiftsbibliothek St. Gallen (passim) vom irischen Gallus gegründet; 614 Gründung der Stiftsbibliothek; größte Klosterbibliothek in Deutschland mit 1.000 Bänden im Hochmittelalter; der Barocklesesaal stamm aus der Neuzeit und ist heute als Buchmuseum zugänglich. Über dem Portal der Bibliothek steht „Psychesiatreion“ (Seelen-Apotheke) nach dem Vorbild einer ägyptischen Tempelbibliothek; siehe "Vorlesung Bibliotheksgeschichte" unter stark Links.
Derrières, erotischer poetischer Ausdruck für Gesäss; Hürlimann: "schön pralle Hintern" (S. 52)
Apostel Paulus (S. 126)
Hier traut der künftige Klosterschüler seiner Erinnerung zurecht nicht. Von einem Paul-Joseph Holzer gibt es eine Dissertation zum Korintherbrief des Apostel Paulus: Der Mensch und das Weltgeschehen nach Koh 1, 4-11, die aber von 1981 ist. Dagegen:
Paul Feine: Der Apostel Paulus. Das Ringen um das geschichtliche Verständnis des Paulus. Gütersloh, 1927
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Vorwurf des Antisemitismus
Marcel Reich-Ranicki löste in der TV-Sendung "Literarisches Quartett" eine Diskussion über ntisemitische Klischees in Thomas Hürlimanns Fräulein Stark aus. Er bemängelte ein Zusammentreffen von jüdischer Herkunft, krummer Nase und triebhafter Sexualität. Zudem rügte MRR, dass die Buchkritiker dies nicht einmal gemerkt hatten.
Ich kannte den Vorwurf und einen Teil der Debatte, ging daher nicht mehr unvoreingenommen an die Lektüre. Über der Sippe der Katz liegt eine nur angedeutete Besonderheit. Dies erfährt man (nur?) durch das naive Fräulein Stark. Ihr fällt die Nase auf, sie bemängelt seine heimlichen Blicke unter die Röcke und sie betont immer wieder das unselige Erbe des "Geschlechts der Katzen". Der Autor lässt sie allerdings beim ebenfalls jüdischen Onkel auflaufen. Den Familiennamen "Katz" wählte Hürlimann wohl weniger um das Judentum hervorzuheben, sondern um den Drang des Knaben zu betonen, durch Blicke und Spiegel bis zum Dunklen (vulgär: Katze) vorzudringen.
Sonderbar ist freilich, dass der Klosterjüngling den kleinen Katz endgültig aus sich vertreiben will (S. 126). Er empfindet Starks Andeutungen doch als Mangel. Dass sich Juden vor der Dusche zu drücken versuchen (S. 187), spielt auf die stereotypische Schmutzigkeit der Juden an. Antisemitische Äußerungen gibt es auch am Stammtisch im Lokal "Porter". All dies war in den 1950er und 1960er noch in weiten Teilen der Bevölkerung verankert (ich las, die Novelle spielt 1964). Jahrhundertelange Verächtlichmachung der Juden lassen sich nicht in wenigen Jahren ausrotten. Hier schildert Hürlimann jedoch reale Zustände in klösterlicher Umgebung.
Allenfalls könnte man ihm vorwerfen, die jüdischen Klischees allzu nebenbei einfließen zu lassen. Ärgerlich ist allenfalls, dass er alle Katz mit provokanten Nasen ausstattet (S. 62). Ansonsten geißelt der Autor speziell den christlichen Antisemitismus (der nach 1945 zum Anti-Judaismus umbenannt wurde). Der Prälat verzückt sich jeden Nachmittag unterm Kreuz und verflucht die Juden: "o ihr Juden, ihr Juden, warum habt ihr das getan!" (S. 140-141). Hürlimann schildert es intensiv.
Zum Vorwurf des Antisemitismus äußerte sich Hürlimann im Deutschlandfunk:
"Also das würde heißen, dass man eine Figur gar nicht mehr sprechen lassen dürfte, wenn sie sich nicht politisch korrekt äußert. Das wäre das Ende, das wäre der Tod der Literatur. Wir Schriftsteller müssen die Welt so erzählen können, wie wir sie erlebt haben, wie wir sie fühlen, wie wir sie imaginieren. Und jetzt aus dem Beschriebenen sozusagen eine Haltung des Autors zu machen, das ist geradezu grotesk. Es ist tatsächlich unser Geschäft, das in die eigene Seele oder in die Vergangenheit, in die Wirklichkeit hineinzuhorchen und das so zu erzählen, wie es ist."
Quelle: starkProjekt der 11b des Max-Planck-Gymnasiums München
Ich meine der Vorwurf des Antisemitismus ist nicht aus der Luft gegriffen. Bei näherer Lektüre scheint er mir aber weit übertrieben. Gerade Onkel und Neffe gehen dem Leser nahe. Die Titelfigur ist ein Relikt vergangener Zeit, wenn sie auch am Ende mit dem Kiosk einen Sieg davoträgt. Dass die Kritiker vor MRR den Antisemitismus nicht erkannten ist ein Zeichen, dass diese Tendenzen keine Rolle spielen (Gegeneinwand: die antisemitischen Vorurteile zeichnen sich gerade durch ihre unterschwellige Agitation aus).
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Links
starkThomas Hürlimann
starkAmmann-Verlag
starkHarald Jähner: Ominöses Wort, Berliner Zeitung, 25.08.2001
starkPeter Mohr: Wenn die Unterröcke knistern, literaturkritik.de Nr. 9, September 2001
starkPeter Surber: Thomas Hürlimanns Novelle "Fräulein Stark", St. Galler Tagblatt 24.07.01
starkProjekt der 11b des Max-Planck-Gymnasiums München: Buchbesprechung, Fräulein Stark
starkHermann Rösch: Vorlesung Bibliotheksgeschichte
Wiborada von St. Gallen: – starkÖkumenisches HeiligenlexikonstarkWikipedia
stark Lesen, Bibliothek und Bücher in der Literatur
stark Bernhard Schlink: Der Vorleser
stark Patrick Süskind: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders
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Literatur
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stark starkThomas Hürlimann: Fräulein Stark. Frankfurt: Fischer, 2003. Broschiert stark
Thomas Hürlimann: Fräulein Stark. Zürich: Ammann, 2001. Gebunden, 191 Seiten stark
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.7.2005