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Lassauer
Walter Lassauer: Annas Schwester - Das Mädchen vom Inn: Historischer Roman - Das schicksalhafte Leben zweier altbayerischer Bauernfamilien am Inn im ausgehenden 19. Jahrhundert
Schweinfurt: Wiesenburg, 2011. Broschiert, 590 Seiten – Walter LinksWalter Literatur
LassauerSeit Februar 2012 liegt eine 2. vollständig überarbeitete und verbesserte Auflage vor.
Diese Besprechung bezieht sich noch auf die 1. Auflage.

Der Inn war bis ins 20. Jhdt. eine wichtige Verbindungsader. Auf den Flüssen wurden Güter und Informationen transportiert, es plusierte das Leben. Durch die Eisenbahn und später das Auto sank die wirtschaftliche Bedeutung der Flüsse. 
Der Roman schildert genau diese Aufbruchzeit des Wandels (1867 - 1910) in einer Gegend nahe Gars am Inn. Der Markt Gars liegt zwischen Wasserburg am Inn und Mühldorf. Schon dass man diese Verortung vornehmen muss, zeigt, dass man in eine verträumte Landschaft geführt wird.
Doch auch damals gab es enorme regionale und soziale Unterschiede. Im Wesentlichen beschreibt der Roman die Sippe der Kohwagner und Inninger auf einem Einödhof. Die Kleinbauernfamilie muss ums Überleben kämpfen während andere Grossgrundbesitzer ein Leben im Überfluss ererbten. Andere erkennen die Läufe der Zeit und suchen im Handel ihr Glück.
Gleichzeitig wird durch die Eisenbahn der Niedergang der Innschifffahrt eingeläutet.
Der Katholizismus ist im bäuerlichen Volk tief verankert und führt durch das Ideal der kinderreichen Familie zu zusätzlichen Härten. Geburtenkontrolle oder gar -verhinderung ist eine schwere Sünde. So gibt es auf dem kleinen Einödhof Jahr für Jahr eine Geburt. Bis zum Ende des Romans sind es 23 (von denen nicht alle überleben). Neben diesem ehelichen Jammertal gibt es freilich auch zahlreiche außereheliche Verbindungen, oft durch falsche Versprechungen oder indem der Sohn eines Grossbauern oder dieser selbst die Abhängigkeit der jungen Mädel ausnutzt. Die jungen Mütter geraten bestenfalls ins Abseits, werden aus dem Gäu vertrieben oder ertränken sich gleich im Inn.
Der Haupttitel „Annas Schwester“ bezieht sich auf die jüngere Maria. Sie hat gute Chancen bei den Burschen, wird aber ausgeutzt und wandert in verschiedene Dienstverhältnisse. Ihr Bruder Lorenz versucht es in der Grafinger Gegend, wird zum Haberfeldtreiben verleitet und muss fliehen. Er schafft es bis nach Pennsylvania. Nach dem Tod Annas nimmt Maria ihre Stelle ein und gebärt fleissig weiter. Erst ganz am Ende scheint die Familie Inninger sich aus der Drangsal zu befreien. Es keimt Hoffnung auf.
Das stimmungsvolle Umschlagfoto des Inns stammt vom Autor und passt wunderbar zum breiten Geschichts- und Geschichtengemälde auf den nahezu 600 Seiten.
Detailgetreues Wissen
Der Autor hat es sich nicht leicht gemacht. Die geschichtlichen und lokalen Zeitumstände sind gut recherchiert. Da hat Lassauer wohl alle erreichbaren Quellen angezapft und studiert. Der Leser wird durch Fussnoten darauf und auf ungebräuchliche Wortbedeutungen hingewiesen.
Man merkt zudem, dass Lassauer – obwohl er nicht mehr in der Gegend wohnt diese ins Herz geschlossen. „... wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund“, Mt 12,34. Das schlägt sich auch in topographischer Genauigkeit nieder. Diese reicht auch in andere oberbayerische Gebiete und bis zur Gindelalm bei Schliersee.
• Ob allerdings das Gewandhaus Gruber seinerzeit in Wasserburg war (S. 195 und an vielen anderen Stellen)? In der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. war dort das alteingessene Cafe Lebzelter.
• Die Geschichte des Gewandhaus Grubers (Walter Links) klärt auf: hier waltete die dichterische Freiheit. Das Gewandhaus Gruber kam aus Dachau und Erding und erst 1984 nach Wasserburg.
• Einen Waldweg östlich der Strasse zum Spitzingsattel kann ich mir kaum vorstellen. Der Weg führt westlich der Strasse zum Sattel und Spitzingsee (S. 270). Oder kenne ich da einen Steig nicht?
Doch das trübt das hervorragende Recherchebild nicht. Die genauen Ortsangaben sprechen natürlich besonders die Leser an, die jene Gegend kennen und schätzen. Dazu zähle ich. Man möchte fast – trotz der beschriebenen bäuerlichen Enge und Schicksalsschläge – dort wohnen.
Geburtenplanung und Empfängnisverhütung
Neben den sozialen, gesellschaftlichen Komponenten spielt die Moral der vorherrschenden katholischen Kirche eine herausragende Rolle im Roman.
Der rege „Verkehr“ zwischen Begüterten und Dienstboten schadete gerade der Unterschicht. Mit Geld konnte man sich loskaufen, auch beim Pfarrer. Die Mütter wurden verstoßen, die gestorbenen unehelichen Kinder wurden verscharrt. Doch Geburtenplanung und Empfängnisverhütung war eine Todsünde und wurde nur in der aufstrebenden lästerlichen Grossstadt München praktiziert.
Der Roman stellt das sorgenvoll zur Debatte (S. 505-506). Maria brachte mit 49 Jahren das 13. Kind zur Welt (S. 562), für den zweitverheirateten Georg war es das 23. (S. 578). Man kann ermessen wie eingebrannt die katholische Gesinnung war, wenn man sich nach all dem daraus und anderweitig erwachsenen Leid noch auf Gott beruft. Maria verzweifelte an ihrem Gott, wurde aber wieder „katholisch“ (im üblichen und im Sinne Ludwig Thomas) und unterstützte die Wallfahrten nach Altötting. Es vergingen fast hundert Jahren bis die unmenschliche Moral in der sexuellen Befreiung zumindest teilweise überwunden wurde.
Zerstörte Dramatik
Der reiche Fundus an Detailwissen verleitet den Autor alles vorm Leser auszubreiten. Dabei vergisst er die Dramaturgie des Stoffes. Das Geschehen ist zwar oft dramatisch an  sich, es fehlt aber der literarisch formende Zugriff. Zudem verliert er sich in Episoden, wie die Romeo und Julia Geschichte von Janos und Ruscha, einem Paar, das fürs weitere Geschehen bedeutungslos ist und dann auch nie mehr auftaucht.
Zeitliche Sprünge
Manche Episoden lassen sich oft nur schwer einordnen, da zeitlich oft unmotivert gesprungen wird. Auch die Protagonisten schweifen in Gedanken zurück und stören damit den roten Faden.
Zwei Beispiele
• Nach dem Haberfeldtreiben im November 1873 (S. 238), dem Tag danach (15. Nov., S. 250) und darauf (16. Nov., S. 253) wird vom Leben danach erzählt (S. 257). Da wurde Tochter Franziska, die 1873 schwanger war, verbannt und kam mit ihrem zweijährigem Sohn zurück. Dann geht es aber – nach einem kalten Sprung zurück – munter zwei Wochen nach dem Haberfeldtreiben weiter (S. 258).
• Ein weiteres Beispiel dafür ist Dr. Sylvester Kölbl, der mit dem Ehepaar Georg und Maria Inninger über Geburtenplanung sprechen will (S. 535-536). Die Sicht zu den Chiemgauer Bergen ruft einen Unterbrecher zu Geigelstein und Kampenwand hervor. Erst auf S. 541 geht's dann weiter. Es kommt aber noch ein zurückliegendes Intermezzo beim Kloster Andechs und am Ammersee. Als es endlich weiter geht (S. 550) wird ein lieber Einfall über den Pferdenamen breitgewalzt und Dr. Kölbl erinnert sich wieder. Wenn ich mich richtig erinnere kommt es zum Gespräch über Geburtenplanung nicht (zumindest nicht im Roman).
Gedankliche Rückblenden in dieser Art und Fülle durchschneiden den Erzählfaden unnötig.
Sprache und Stil
Der Autor trifft Sprache und Duktus des bäuerlichen Personals erstaunlich gut. Nur gelegentlich gibt's Mängel: so droht kein oberbayerischer Bauer: „sonst mach ich dir Beine“ (S. 221). Manchmal geht dem Autor der Gaul durch. Da steigt die Kindersterblichkeit binnen weniger Tage (S. 27). Da blicken Leute an einem düsteren Novembertag über den Inn nach Altenhohenau und folgern irgendwie, dass die Nonnen drüben gerade beim Chorgebet sind (S. 267). Ich meine, außer den Lichter sahen die nichts.
Lassauer liebt es Worte und Begriffe (auch wenn sie nicht fremdsprachlich, ironisch oder worttechnisch verwendet werden) in Anführungsstriche zu setzen, so beispielsweise "Land vorm Gebirg" für den Chiemgau. Soll es Bedeutung aufladen?
Druckfehler
Die häufigen Druckfehler gipfeln in einem doppelten Absatz (S. 110), lassen dann zeitweise nach und treten ab S. 500 wieder auf.
Sie werden durch Übersehen ergänzt: Reichertshofen statt Reichertsheim (S. 34). Beim Haberfeldtreiben spendet der Neumond sanftes Licht (S. 258). In Oberbayern gehen die Uhren anders, der Neumond sorgt aber für Finsternis wie überall sonst.
Wer einen breiten, ausufernden Erzählfluss mag, findet hier einen ereignisreichen Familienroman aus der bäuerlichen Schicht, Ende des 19. Jhdts. Die gute Einbettung in die Region und Geschichte belehrt den Leser, vielleicht zu oft. Wer zudem den stillen Flecken Land kennt und schätzt hat einen langen Lesemarathon aus harten Zeiten vor sich.
Lassauer23. Februar 2012: Für die 2. überarbeitete Auflage wurden die Fehler ausgemerzt.
Links
LassauerAnnas Schwester beim Wiesenburg Verlag
LassauerMarkt Gars am Inn
LassauerGewandhaus Gruber Geschichte
Lassauer Wasserburg am Inn in der Literatur
Vergleichsliteratur
Lassauer Rudolf Anderl: Korbinian Lang. Ein Bauernroman aus Altbayern
Lassauer Lena Christ
Lassauer Marie von Ebner-Eschenbach: Das Gemeindekind
Lassauer Oskar Maria Graf

Literatur
Alexander Hübner: "Von Mittergars bis Pennsylvania. Walter Lassauer setzt seiner Großmutter mit Annas Schwester ein Denkmal in Großformat". OVB, 5. Juni 2012, S. 17
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 Georg Queri: Bauernerotik und Bauernfehme in Oberbayern. Nachwort von Michael Stephan. Allitera, 2010. Broschiert, 252 SeitenLassauer
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 6.6.2012