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Böhm
Christian Böhm: Löwenjagd. Watzmanns erster Fall
München: Piper, 2007. Broschiert, 203 Seiten – Christian LinksChristian Literatur
Auf Seite 178 (von 203) gesteht der Detektiv Watzmann, dass er in beiden Mordfällen keinen entscheidenden Schritt vorwärts gekommen sei. Das missvergnügt auch den Krimileser. Und so muss man bei der Beurteilung des vorliegenden ersten Falls Watzmanns unterscheiden zwischen "normalen" Krimi-Lesern und Lesern, die Wasserburg kennen.
Der Fussballer Rudi Pasolini wird ermordet und Detektiv Johann Watzmann, genannt Sherlock oder auch Joe, sprich: Jo, mittendrin. Nach diesem furiosen Auftakt tümpelt der Krimi etwas dahin. Ich-Erzähler Watzmann ist bevorzugt mit Duschen und Besuch diverser Wasserburger Lokale beschäftigt: "Das Detektivgeschäft ist schmutzig. Also dusche ich mich jeden Abend" (S. 11); am Morgen und zwischendrin übrigens auch. Die Ermittlungen gehen nur zäh voran. Die eigentliche Arbeit leistet seine Sekretärin Julia. Das macht die Handlung sympathisch. Für "normalen" Krimi-Leser sparsame Kost, zumal der Stil (davon gleich mehr: Christian Stil) nicht jedermanns Sache ist.
Seine besondere Färbung erhält der Roman für Wasserburger durch das Lokalkolorit. In der Altstadt und bei den Lokalen der Innstadt kennt sich der Autor aus. Das passt. Das Beziehungsgeflecht zwischen Bewohnern, Wirten, Unternehmern, Arbeitern und Fussballern kann ich nicht beurteilen. Es scheint mir fiktional übertrieben, trägt aber zum Gewebe des Romans enorm bei.
Lobend hervorzuheben ist, dass Böhm zwei heikle, aber wichtige Themen anspricht: Homosexualität und Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter. Er vermeidet dabei die allzu leicht in die Feder fließenden Klischees, geht aber zu wenig auf beide Belange ein.
Stil
Der Detektiv als Ich-Erzähler hat immer Vor- und Nachteile, auf die ich hier nicht eingehen möchte. Stilistisch ist es zweischneidig. Gibt der Autor – wie es Böhm überreichlich macht – dem Ich-Erzähler eine eigene Stimme, so gewinnt die Romanfigur an Konturen, doch seine sprachlichen Eigenheiten (Floskeln, krasse Vergleiche, ein Beispiel: "Das Spiel war ausverkauft bis auf den letzten Platz – Hexenkessel Weihwasserschale dagegen"; wenn das sparsam eingestreut wird, belebt es. Mit einem Ich-Erzähler, der es oft wiederholt wird es rasch lästig) nerven mit der Zeit. Böhm wollte hier offensichtlich Wolfgang Haas nacheifern.
Anmerkungen
Böhm hat ein schiefes Bild eines echten Biergartens. Der Plural (S. 14) ist für Wasserburg leider verfehlt. Es gibt nur einen beim Hotel Fletzinger. Böhm sollte seinem Watzmann mal den Biergartenführer (Christian Literatur) mit zwei Seiten klarer Kriterien für einen echten Biergarten zum Lesen geben Biergarten.
Watzmanns Anspielungen sind meist recht direkt. Sein Gabriel Gabriel (S. 23) ist gut, wird aber vom Major Major Major Major übertroffen (Joseph Heller: Catch-22, Kap. 9; Christian Rezension).
Zu Beginn des 13. Kapitels (S. 107) verwurstelt Watzmann Erich Fried:
»Zu den Steinen hat einer gesagt: seid menschlich.
Die Steine haben gesagt:
Wir sind noch nicht hart genug.«
Ein besonders kriminaler Fehler: Böhm gibt durch den sterbenden Pasolini anfangs einen grandiosen Täterhinweis: ein Strichmännchengesicht (S. 28). Es wird zwar unterwegs gelegentlich diskutiert, aber was es mit der Auflösung oder dem Täter zu tun hatte, wurde mir nie erklärt.
Für Wasserburger kann man Löwenjagd durchaus empfehlen. Krimifans werden nur bedingt auf ihre Kosten kommen, dazu trägt der Detektiv Watzmann zu wenig zur Aufklärung bei. Das Kleinstadt-Flair wird ausgezeichnet getroffen. Der Stil ist sicher nicht jeden Lesers Sache. Ob der Untertitel "Watzmanns erster Fall" eine Drohung oder Verheißung ist, soll jeder selbst entscheiden.
Links
BöhmChristian Böhm
Christian Wolf Haas, mehrere Rezensionen
BöhmHarry Luck: "Der Alpen-Matula", Focus Online, 23.10.07
BöhmJochen Rack: "Der Detektiv, die unzeitgemäße Figur", dradio 5.8.2008
Literatur
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Boehm Böhm Christian Böhm: Löwenjagd. Watzmanns erster Fall. München: Piper, 2007. Broschiert, 203 Seiten München
Kurt Schneider, Klaus Gderra, Bernd Mix, Stefan Keil: Der Biergartenführer: Echte Biergärten in München und Umgebung. Mit Übersichts-Karten, Freizeit-Tipps und allen wichtigen Infos für unterwegs. München: Knürr, 2008. Broschiert, 200 Seiten Böhm
Christian Anfang

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