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Maurer
Jörg Maurer: Hochsaison. Alpen-Krimi
Frankfurt: Fischer, 2010. Broschiert, 390 Seiten – Jörg LinksJörg Literatur
Das zweite Werk eines erfolgreichen Autors wird für ihn schwer, so sagt man: der Erwartungsdruck sei hoch.
Einige Jahre nach Föhnlage vom selben Autor begann ich Hochsaison und wurde für einige Zeit an die Couch gefesselt. Zwar beginnt Hochsaison mit einem etwas müden Bekennerschreiben, aber Kap. 2 und 3 drehen die Aktionsdüsen mächtig auf. Ein Super-Zweitkrimi mit Kommissar Jennerwein. Erwartungshaltung nach dem turbulenten Krimi Föhnlage erfüllt!
Auf diesem hohen Pegel geht es weiter bis Kap. 23, mit dem nahezu alles geklärt scheint. Doch ich bin erst auf Seite 118 und der Roman hat deren 390. Die Handlung schleppt sich (wenngleich sie meist witzig und flappsig bleibt) und hat in den Kap. 42 und 43 sogar überflüssige Durchhänger. Das Kap. 43 spielt zwar im Garmischer Gymnasium (OK, streng genommen ist es in Partenkirchen), an dem ich selbst einige Jahre absaß und schließlich mit dem Reifezeugnis entlassen wurde, aber es ist im Krimi deplatziert.
Jörg Maurer ist Musikkabarettist. Dieser Hintergrund gibt seinen Krimis Witz, mehr oder weniger lachhafte Einlagen und bizarre Überttreibungen.
  • Der Bürgermeister wird interviewt. Er bittet darum den letzten Satz des Gesprächs wegzulassen: er will sich nicht lächerlich machen. Die Reporterin nickt und gesendet wird nur der letzte Satz (S. 105).
  • Auf Jennerwein warten ein paar Journalisten zum Interview. Chef Jennerwein zum nachfragenden Polizisten: „Bitte verweisen Sie sie an unsere Pressestelle.” Polizist weiß nichts von einer Pressestelle, Jennerwein auch nicht: es dient nur als Hinhaltetaktik nach dem bekannten Motto: „Keep the customer busy!” (S. 181).
  • Treffend charakterisiert Maurer die Ermittler im zeitgenössischen Krimi. Jeder hat eine Macke, Krankheit oder irgendein privates Problem (S. 98-99). Maurers Jennerwein macht da keine Ausnahme: er leidet unter Akinetopsie (Jörg Links).
Diese drei Beispiele sind nur eine kleine Auswahl: Maurer hat sich viel Witziges und Originelles einfallen lassen, nicht immer günstig für den Fluß seiner Krimigeschichte.
Manchmal ist der Kabarettist Maurer in seinen Klamauk zu verliebt, so wenn er seitenlang den Kostümtrick „Auf den Spuren des Märchenkönigs” (Kap. 29, S. 147-155) beschreibt.
Ähnlich erging es mir bei der ausgewalzten Weißwurstattacke (ab Kap. 45). Die Handlung kommt nahezu zum Stillstand. Ich kann verstehen, dass gerade dies norddeutsche Leser begeistert, wird doch dabei ein bairisches Aushängesymbol symbolisch durch den Kaukau (Kakao) gezogen.
Auf die bairische Karte setzt Maurer des öfteren. Was bei manchen Autoren schief geht, gelingt ihm in dieser Hinsicht (Aufmerksamkeit durch zugespitze bairische Kultur und Wesensart). Im Kap. 65 persifliert der Autor die bairische Bierzelt(un)kultur. Die nordwärts beheimateten Leser werden sich dabei auf die Schenkel klopfen.
Nicht nur Running Gag, sondern das Rückgrat der Handlung sind zwei Elemente:
  • Kalim al-Hasid will die Winterolympiade 2022 stilgerecht und orignalgetreu nach Dubai bringen. Das klingt stark nach Paul Torday: Lachsfischen im Jemen (Jörg Links). Siehe unten: Maurer Literarische Spuren.
  • Zwei Chinesen wollen die Winterolympiade 2018 nach Chaoyang holen. Wobei ich während der Lektüre Chaoyang immer für eine Fiktion hielt. Es ist aber sowohl eine 3,4 Millionen Stadt in China, als auch ein Stadtbezirk im Nordosten der Hauptstadt Peking.  In Peking werden die Olympischen Winterspiele im Jahr 2022 abgehalten (Dubai, bye, bye). Siehe unten: Maurer Täuschung.
Literarische Spuren
Neben dem  Lachsfischen im Jemen setzte der Autor – bewusst oder nicht – noch weitere literarische Spuren (ich behaupte nicht, sie alle aufgespürt zu haben).
  • Die rauchfreien Rauchpausen bei der Garmischer Polizei könnten direkt aus Joseph Heller: Catch-22 (Jörg Links) entsprungen sein.
  • Der Showdown in der Höllentalklamm (ab S. 369) verweist auf den Reichenbachfall  im Kanton Bern (Schweiz). Dort trug Sherlock Holmes mit Professor Moriaty bekanntlich einen bitteren Kampf aus, siehe Conan Doyle: "Das letzte Problem" (1893; Jörg Links).
Täuschung
Wie der „Marder” genannte Bekenntnisbriefschreiber die Polizei täuscht, so auch Maurer seine Leser. Man fragt sich: gibt es Chaoyang wirklich? Und Miligliding (z.B. S. 342)? Und Akinetopsie? Event-Agenturen mit den ausgefallensten Themen gibt es freilich schon.
Krottenkopf
Maurers Lokalkenntnisse als geborener Garmisch-Partenkirchner zahlen sich aus. Sowohl die Bewohner als auch die Örtlichkeiten sind passend beschrieben.
Eine kleine Ausnahme:
Es ist lange her, dass ich auf dem Krottenkopf (2086 m, höchster Gipfel im Estergebirge; nicht zu verwechseln mit dem Großen Krottenkopf, 2656 m, höchster Gipfel der Allgäuer Alpen) war. Nach meiner Erinnertung gibt es zwischen Weilheimer Hütte (auch Krottenkopfhütte) und dem Gipfel sehr wohl Latschen und zwar viele, entgegen Ostler (S. 128).
Den Krottenkopf bestieg ich an einem Wochenende gar vier Mal: am Samstag; dann Übernachtung auf der Krottenkopfhütte; am Sonntagmorgen erwartete ich eine Bekannten aus dem Tal; doch da der nach dem Frühstück noch nicht da war, stieg ich zwei Mal zum Gipfel, dann von der Hütte abwärts, wo er mir entgegen kam. Ich kehrte mit ihm um und wir gingen gemeinsam nochmals zum Gipfel: vier Besteigungen innert zwei Tage.
Warum der  Krottenkopf ein „Dreitütenberg” (S. 129) ist, entgeht mir. Vielleicht hängt es mit dem zuvor erwähnten Kiffen zusammen!?

Sehr apart und willkommen: jeder Kapitelanfang wird von einer Kuh mit Glocke markiert.
Hochsaison ist ein witziger Krimi mit burlesken Einfällen durchzogen (garniert wäre zu wenig) im Werdenfelser Land und angrenzendem Tirol. Die sich gegenseitig in die Bahn kommenden Gauner und Verbrecher verwirren die Handlung, die der Autor genüßlich auswalzt.
Damit wurde Hochsaison für mich als Krimi zu lang. Vielleicht honorieren aber Leser nördlich der Donau (oder schärfer: nördlich des Siegestors) die ausführliche Vorführung der bairsch/tirolerischen Lebensart.
Vergleichsliteratur
Maurer Andreas Föhr: Der Prinzessinnenmörder: Kriminalroman
Maurer Andreas Föhr: Schwarze Piste. Kriminalroman
Maurer Andreas Föhr: Totensonntag. Kriminalroman
Maurer Jörg Maurer: Hochsaison. Alpen-Krimi
Maurer Volker Streiter: Fressen ihn die Raben. Alpen-Krimi
Links
MaurerJörg Maurer - Musikkabarettist und AutorMaurerWikipedia
MaurerAkinetopsie
MaurerConan Doyle: "Das letzte Problem"
Maurer Joseph Heller: Catch-22
Maurer Paul Torday: Salmon Fishing in the Yemen
Literatur
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