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Föhr
Andreas Föhr: Totensonntag. Kriminalroman
München: Knaur, 2013. Broschiert, 395 Seiten. – Andreas LinksAndreas Literatur
Die Clemens Wallner & Leonhard Kreuthner-Krimis von Andreas Föhr sind Regionalkrimis (sie spielen im Oberland, Tegernseer Tal oder zumindest im südlichen Oberbayern und angrenzenden Tirol) mit zwei echten Typen als Ermittler.
Totensonntag ist inhaltlich der erste Krimi der Reihe mit Wallner & Kreuthner, obwohl er nach Schwarze Piste erschienen ist.
Vielleicht ist das wichtig, denn diesmal geht es noch grotesker, zugespitzter und – gelegentlich – wirklichkeitsferner zu, als in Der Prinzessinnenmörder (2010) und Schwarze Piste (2013). Wer sich also dachte, die Eskapaden – vor allem von Leonhard Kreuthner – sind nicht mehr zu übertreffen: falsch gedacht. In Totensonntag leistet er sich mehr und gröberes Unglaubliches. Das muss man schlucken, sonst liest man die  Wallner & Kreuthner–Krimis nur mit knirschenden Zähnen. Wenn Kreuthner irgendwo eingreift kann nur Chaos entstehen (S. 85).
Der Krimi beginnt mit dem Kriegsende Anfang Mai 1945, wechselt dann aber im Hauptteil ins Jahr 1992.  Geschickt springt der Autor – je nachdem was er preisgeben will – gelegentlich wieder ans Kriesgsende zurück.
Wie bei Andreas Föhr von den vorher gelesenen Krimis gewohnt beginnt auch Totensonntag in der Fast-Gegenwart 1992 mit einer aberwitzigen Szene: Leonhard Kreuthner schiebt den arretierten und gehunfähigen Thomas Nissl in einem Rollstuhl und mit Hilfe der Materialseilbahn zu einem Saufgelage im Hirschberghaus (1511m). Zugegeben: das Hirschberghaus ist leicht erreichbar, aber unter diesen Umständen? Und mit Kreuthner als Schieber? Wer schon mal einen Rollstuhl über Schotter geschoben hat, wird das bezweifeln.
Doch nicht nur Kreuthner gibt als Polizist keine gute Figur ab, viele Protagonisten sind Pfeifen oder zumindest Langsamdenker. So dauert es bei der Kripo Miesbach etwas, bis sie beim Todesdatum 2. Mai 1945 aufs Kriegsende kommen.
Es entwickelt sich ein Gestrüpp von Beziehungen zwischen allen Beteiligten und immer wieder auf 1945 und davor zurückreichend.
Föhr legt das Hintergrundnetz sehr weit aus, der Krimi wird damit überladen. Noch im 40. Kapitel (von 71) führt er mit Max Endorfer eine überaus wichtige Figur neu ein. Das ist auf Seite 242, die ein ordentlicher Krimi nicht erreicht oder wo er kurz vorm Abschluss steht. Nicht genug, im 47. Kapitel (S. 272) bekommt eine Hauptperson eine überraschende Biografie verpasst, die das Geschehen erneut kompliziert und hinauszieht (aber fürs Geschehen überaus wichtig ist).
Auf Seite 350 ist es eigentlich zu Ende, doch der Autor hat so viele offene Stellen, dass noch einiges aufzuklären bleibt. Der Krimi schleppt sich mit einigen Rückblenden noch bis S. 395. Freilich: Ermittler Wallner steckt in einem spannenden Dilemma, aus dem er etwas zu einfach entkommt.
Totensonntag ist meist fesselnd, doch manchmal – aber das ist ein Manko vieler Krimis – auf Kosten einer stringenten Handlung. Beispielsweise entkommt Claudia ihren Entführern, kann mit dem Auto fliehen, baut aber am Berg bei Nacht und Schnee einen Unfall, flieht vom Auto aus weiter, ihre Verfolger nahen und was macht sie? Damit die Leser um sie zittern können kommt sie den Verfolgern entgegen und kehrt zum Auto zurück (S. 336)! Erst später läßt sie der Autor fünfzig Meter bergab fliehen (S. 340).
Etwas sorgfältigere Dialog– und Wortwahl wäre zu wünschen. So werden im bayerischen Oberland keine Kohlrouladen sondern Krautwickerl serviert. Eine 12-Jährige redet nicht so:
„Meine Eltern lassen sich sowieso scheiden. Sehr rücksichtsvoll, wo ich demnächst in die schwierigste Entwicklungsphase meines Lebens komme.” (S. 268–269)
Wie mehrfach betont: man muss einiges schlucken, man darf keinen knallharten Ermittlungskrimi erwarten (obwohl die kriminaltechnischen Belange mit authentisch erscheinen). Dann wird der Humor unterhaltsam und gelegentlich dunkelschwarz, so wie hier:
„Kann man mit gebrochenem Genick noch in eine Tielfkühltruhe steigen?” fragte Lukas.
„Nur mit fremder Hilfe”, gab der Obduzent zu. (S. 168)
Totensonntag bietet kurzweilige und oft amüsante Krimilektüre. Er wirkte auf mich etwas zu breit angelegt und damit überladen. Die farbigen bis grotesken Szenen fesseln jedoch immer wieder. Die verschiedenen Abgesänge der letzten fünfzig Seiten sind dann recht überraschend und runden den langen, jedoch gut geschriebenen und unterhaltsamen Krimi stilgerecht ab.
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