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Föhr
Andreas Föhr: Der Prinzessinnenmörder: Kriminalroman
München: Knaur, 2008. Taschenbuch, 377 Seiten – Andreas LinksAndreas Literatur
Der Regionalkrimi hat einen recht unterschiedlichen Ruf. Mancher ist ein Tiefpunkt des Genre. Dieser hier nicht.
Dabei startet er erwartungsmäßig. Polizeiobermeister Leonhardt Kreuthner (Leonhardistein bei Kreuth ist im Umkreis der Region) kurvt angetrunken zum Spitzingsee. O je dachte ich, müssen alle Ermittler Säufer sein und noch dazu begriffsstutzige Anlernlinge dabei haben. Doch gemach, der Autor gewährt Kreuthner als Nebenermittler noch manchen grossartigen Auftritt. Da wird zwar überzeichnet, aber es macht Lesespass.
Im Spitzingsee wird eine Leiche entdeckt und der Autor bedient zunächst die Krimimode:
  • Serienmord, der kurioserweise schon beim 1. Opfer erkennt wird
  • Rache für lange zurückliegende Ereignisse
  • "Botschaft" beim Opfer für Polizei und Presse
  • karnevalistische Verkleidung des Opfers
Gekonnt werden die Ermittler und Verdächtigen eingeführt, Fährten für die Ermittler und die Leser gesetzt. Natürlich passiert ein zweiter Mord. Doch es dauert noch etwas bis wirkliche Spannung aufkommt. Es scheint nur ein üblicher, flott geschriebener, "Tatort"-ähnlicher Krimi mit ein paar skurrilen Typen (der Grossvater des Kommissars Wallner sei genannt) zu sein. Befragte Zeugen verweigern sich, lügen oder können sich nicht erinnern. Doch etwa zur Hälfte gewinnt das Geschehen an Fahrt, die Story wird durchsichtiger, der Autor enthüllt schrittweise und versetzt damit die Leser in eine bessere Position als den Kommissar. Die Spannung steigt.
Das lange Ende läuft auf ein dramatisches Finale zu, da der Täter nur seine Rache vollenden will und die Folgen in Kauf nimmt.
Die Handlung wird bis in die zweite Hälfte verzettelt. Der Autor schlingert noch und will unbedingt das Geschehen kriminalistisch aufladen. Die komplizierte Leihwagengeschichte beim zweiten Mord habe ich nie begriffen. Der Autor führt zwei Damen als "nicht unattraktiv" ein (S. 30, S. 54), der Dame bei der Autovermietung ist eine "gewisse erotische Ausstrahlung nicht abzusprechen" (S. 114). Das klingt recht hölzern. Kommissar Wallner setzt sofort auf einen Täter über dreißig Jahre (S. 47), obwohl das ermordete Mädchen Pia sechzehn war. Ein Pfarrer sitzt abends im Kakadu an der Bar (S. 76). Das machte mich stutzig nicht aber Wallner. Mehr hier nicht; ist ein gelungener Dreh. Der Tod des zweiten Mädchens wird den Eltern telefonisch mitgeteilt (S. 93). Lutz und Tina (Assistenten des Kommissars) inspizieren "Tinas Computer" (S. 61). Da ist wohl der vom Mordopfer Pia gemeint. Da ein Handlungsschnörksel und dort einer. Dann passiert ein dritter Mord in Dortmund. Trotz Samstag erkennen die Kollegen von NRW den Zusammenhang mit Miesbach (!) und informieren die Kollegen im Oberland. Wallner fliegt nach Düsseldorf. Er wusste aber nicht mal das Geschlecht des Opfers im Ruhrgebiet und auch sonst so wenig, dass kein Kommissar sofort geflogen wäre (S. 207-211).
Alles Anzeichen einer schnellen Feder. 
Recht dicht sind die Leser bei der akribischen Routinearbeit der Polizei in der zweiten Romanhälfte. Das genügt für Atmosphäre und bringt ganz alleine Tempo ohne den hohen Griff  des Autors nach einem Ausbrecher aus der Nervenklinik, der über Fermats letzten Satz diskutiert (S. 219). Noch einmal eine haaresträubender unnötiger Umweg: Wallner notiert sich eine extrem wichtige Handynummer nicht (dass man ein Auto zum Aufschreiben anhalten kann, fällt dem Autor nicht ein; im lebenswichtigen Einsatz fährt man zudem nicht allein) und verliert wertvolle Minuten in der Schlussphase (S. 326).
Der Roman wirkt zunächst etwas routinemässig herabgenudelt, auch wenn die zugrunde liegende Rachehandlung gut ausgedacht ist. Das Skidrama erinnert an eine Eingangsszene in Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen, siehe Vergleichsliteratur. Die Zuspitzung in der zweiten Hälfte gipfelt in einem hollywoodhaften Spektakel (siehe Thomas Glavinic: Der Kameramörder, Vergleichsliteratur) und entschädigt für manche Abschweifung.
Kenner der Gegend um Tegern-, Schlier- und Spitzingsee profitieren vom Wiedererkennen, auch wenn der Autor mit dem Hirschberg das Hochgebirge beginnen läßt (S. 253).
Links
FöhrKrimi-Couch
FöhrDer Prinzessinnenmörder (Andreas Föhr), 14. Oktober 2009
FöhrLiteraturzirkel
Föhr Andreas Föhr
Föhr Wasserburger Autoren und ihre Werke
Föhr Andreas Föhr: Schwarze Piste. Kriminalroman
Föhr Andreas Föhr: Totensonntag. Kriminalroman
Vergleichsliteratur

Föhr Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen [La solitudine dei numeri primi]

Föhr Thomas Glavinic: Der Kameramörder [La solitudine dei numeri primi]

Föhr Jörg Maurer: Föhnlage. Alpen-Krimi

Literatur
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Foehr FöhrAndreas Föhr: Der Prinzessinnenmörder: Kriminalroman. Knaur, 2011. Taschenbuch, 377 Seiten Foehr
Andreas Föhr: Der Prinzessinnenmörder. TARGET - mitten ins Ohr - audio media, 2010, 6 CDs. Sprecher: Michael Schwarzmaier Föhr
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