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Winkler
Josef Winkler: Roppongi. Requiem für einen Vater
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007. Gebunden, 160 Seiten – Josef LinksJosef Literatur
Josef Winkler weilt mit Familie in Japan, genauer: in Roppongi, einem Stadtteil Tokios, da ereilt ihn die Nachricht vom Tod seines 99-jährigen Vaters im fernen Kärnten. Dieser hatte ihm ein Jahr zuvor die Teilnahme an seinem Begräbnis telefonisch untersagt. Zu sehr hatte der sperrige Sohn die Rituale, Brauchtum und Gepflogenheiten seiner Heimat bezweifelt, ja, abgelehnt; in seinen Werken blossgestellt.
Das nutzt Josef Winkler zu einer langen Suada – er nennt es im Untertitel "Requiem für einen Vater", wohlgemerkt, für einen Vater – über den Tod in verschiedenen Kulturen. Ein Vergleich religiöser Bräuche wird gleich eingeschlossen.
So wie die Muslime nach Mekka und Medina pilgern, die Christen nach Lourdes, Međugorje und Santiago de Compostela, so reisen die Hindus nach Varanasi am Ganges (früher Benares genannt) und pflegen dort ihre – für uns – sonderbaren Todesbräuche. Winkler wandert mit dem Notizbuch an den Ganges und schildert das Geschehen in epischer Fülle.
Das Eingangskapitel diskutiert das Aussterben der Geier in Indien, Pakistan und Nepal: eine bittere Zivilisationsfolge. Die wichtige Funktion der Geiern wird den Lesern klar. Winkler versäumt nicht kurz darauf hinzuweisen, dass Geier in der Bibel als "Greuel" (S. 14) qualifiziert werden (5 Mo 14,3; 5 Mo 14,12). Dem stellt er später die Qualifizierung  der Kühe im Hinduismus entgegen. Wer darüber lacht, sollte den Balken im eigenen Auge nicht übersehen (Mt 7,3).
An der richtigen Stelle, das ist weit hinten in dem kurzen Text (bei späteren Auflagen prangt "Novelle" im Untertitel), nachdem den Lesern die haarsträubenden Rituale der Christen und Hindus vor Augen geführt wurden, kommt ein Hauptargument fürs Christentum aus dem Mund des Vaters (verkürzt): „Der Mensch braucht einen Halt“ (S. 154). Es hat für den aufmerksamen Leser keine Kraft mehr. Wenn das Christentum Halt gibt, dann auch der Hinduismus. Inzwischen wurde durch viele Verhaltensweisen der Katholiken in Kärnten bis hin zum häufigen Freitod klar: Das Christentum gibt keinen verläßlichen Halt. Da kann auch die Verwendung von Gold und Blattgold im Hinduismus wie im Katholizismus nicht mehr kaschieren.
Viele Grausamkeiten im katholischen Kärnten und hinduistischen Indien kann man dem Grundcharakter von Religionen zurechnen, denen gegenüber die Internen jeweils blind sind. Außenstehende können darüber nur den Kopf schütteln und „Sapere aude!“ rufen. An die Nieren ging mir dies (doch nicht nur dieses): „stieß das katholische Pärchen, unmittelbar nach einem Gottesdienst mit noch unverdautem Leib Christi in ihrem Magen, mit einem Besenstiel ein Schwalbennest unter der Dachrinne vom Hausbalkon. Zwei, drei Tage lang flatterte eine Schwalbenmutter immer wieder, schreiend und jammernd, vor dem Balkon, an den Fenstern meines Schreibzimmers vorbei.“ (S. 89-90)
Durch zahlreiche Wiederholungen und verbale Schleifen seift Winkler den Leser ein. Ähnlich machte es sein Landsmann Thomas Bernhard. Während jener hämmert scheint mir Winkler sogar abwechslungsreicher zu schreiben und eher einzureiben.
Roppongi bietet ethnologische und vergleichende Religions-Studien mit hohem Aufklärungs- und  Unterhaltungswert. Die oft drastischen Szenen im Stadttheater Kamering, Kärnten, und Varasani, Indien, sollte man aushalten. Wer als Gläubiger noch meint, die anderen Religionen seien absonderlich, dem empfehle ich dieses Buch.
Links
WinklerHelmut Böttiger: "Wenn der Vater den Text beherrscht", dradio 30.10.2007
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WinklerDiana L. Eck (S. 152), siehe Josef Literatur
Winkler Thomas Bernhard: Ein Kind 
Winkler Literarisches zum Altern und Lebensabend
Winkler Vater-Sohn-Beziehung und Vater-Sohn-Konflikt
Literatur
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Winkler WinklerJosef Winkler: Roppongi. Requiem für einen Vater. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007. Gebunden, 160 Seiten Winkler
Josef Winkler: Roppongi. Requiem für einen Vater. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2009. Taschenbuch, 160 Seiten Winkler
Winkler WinklerJosef Winkler: Roppongi. Requiem für einen Vater. Josef Winkler, Sprecher, Ritwik Sanyal, Komponist. Hörhaus, 2008: ungekürzte Lesung. CD Eck
Diana L. Eck: Benares: Stadt des Lichts. Frankfurt: Insel, 2006. Bettina Bäumer, Luitgard Soni, Übs. Taschenbuch, 481 SeitenWinkler
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