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Wallner
Michael Wallner: April in Paris
Luchterhand 2007. Gebunden, 239 Seiten – Michael LinksMichael Literatur
Mit Paris assoziere ich April und Liebe. Aber eigentlich steht auch der April via dem Schlager "April in Paris", der Baumblüte und der linden Luft mit der Liebe in Verbindung. Von einer außergewöhnlichen Liebe zwischen einem deutschen Besatzungssoldaten und einer Französin im Paris von 1943 bis April 1944 handelt dieser Roman.
Der Obergefreite Roth übersetzt für die deutschen Besatzer bei den Verhören. Dabei wird er Zeuge furchtbarer Methoden und Folterungen.
Zum Ausgleich mischt sich Roth in seiner Freizeit in Zivil in das Gewühl von Paris. Das ist streng verboten (Bestrafung: Versetzung an die Ostfront) und wird dem sehr gut französisch Sprechenden zum prickelnden Vergnügen. Er nennt sich Antoine und lernt Chantal kennen, ohne zu wissen, dass er damit in ein Nest der Pariser Résistance gerät.
Er gerät auch zwischen die Fronten und in einen Anschlag der Verteidigungskämpfer, wird des Verrats verdächtigt und sitzt nun selbst als Verhörter in den Folterkammern seiner Einheit.
Wallner versteht es, das Tempo nochmals zu steigern durch Roths Flucht, die offen unter den Franzosen, nahe der Küste am 6. Juni 1944 endet. Das ist der Tag der Landung alliierter Truppen  in der Normandie.
April in Paris ist viergeteilt:
• das scheinbar normale Leben der Unterdrückten und die Bürokratenroutine der Aggressoren mit ihrem brutalen und inhumanen Verhalten. Durch Roths Auflüge wird die beklemmende Atmosphäre gesteigert.
• der allmähliche Umschwung bis zur Explosion im Lokal
• der Verhör Roths (das ruhig kürzer hätte ausfallen können)
• die Flucht Roths
Unglaubwürdigkeiten
Die zivilen Ausflüge Roths nimmt man dem Autor gerne ab: sie ermöglichen die Handlung. Manchmal schrammt er aber arg an der Glaubwürdigkeitsgrenze entlang, so beim dienstlichen Aufeinandertreffen mit seinem heimlichen Schwarm (S. 93). Doch Wallner kriegt die Kurve.
Manchmal muss man wohlwollend Annahmen treffen, so wenn Roth eine Flasche Wein und eine Flasche Cognac leert (S. 121): sie waren nicht voll, sonst wäre der Roman schon dort zu Ende. Dass er ein paar Absätze weiter das von den Deutschen heimgesuchte Antiquariat besucht ist nicht nur leichtsinnig (so Roths Gedanke selbst; S. 121), sondern hirnrissig.
Bei Roths Flucht zur Küste zwang ihn ein fiebriges Frösteln drei Tage ohne Nahrung im Heu auszuharren (S. 222). Ohne Nahrung ist unglaubwürdig. Woher kam im Heu die Flüssigkeit?
April in Paris
1) Song von Vernon Duke und E. Y. Harburg, 1932;  Original 1933 von Freddy Martin; zahlreiche Interpreten wie Frank Sinatra, Count Basie; Ella Fitzgerald & Louis Armstrong; Charlie Parker; Billie Holiday
2) US-Film von 1952; mit Doris Day, Ray Bolger; Regisseur: David Butler
Maurice Chevalier
kommt über den deutschen Soldaten Hirschbiegel, im Hotel wohnt er über dem Obergefreiten Roth, in das Geschehen. Hirschbiegel hat zunächst nur eine Schallplatte, es ist Maurice Chevalier: "Ma pomme" und er spielt sie unablässig. Später ergänzt er mit Maurice Chevalier: "Avril prochain – je reviens".
Kalifenmotiv
Ein beliebtes Motiv aus der orientalischen Geschichtensammlung Tausendundeine Nacht ist der Kalif Harun al Raschid (um 763 – 809), der sich verkleidet unters Volk mischt um die Meinung der Untertanen zu erkunden. Zwei Bemerkungen:
• Kalif Harun al Raschid war ein brutaler, rücksichtsloser Herrscher (Michael Links), dem man diese Leutseligkeit kaum zutraut.
• heutige Politiker können sich daran ein Beispiel nehmen; sie mischen sich meist nur unter die Parteifreunde oder willfährige Journalisten, damit sie ihre Meinung bestätigt erhalten.
Dieses Motiv wird beispielsweise aufgegriffen in
Der Dieb von Bagdad [The Thief of Bagdad], 1924 Stummfilm mit Douglas Fairbanks, Regie: Raoul Walsh; 1940 in Technicolor in Großbritannien, Regie: Alexander Korda;
• Hörspiel: Günter Eich: "Omar und Omar" (auch unter "Der Ring des Kalifen"), leider nicht in dem Sammelband Günter Eich: Fünfzehn Hörspiele. Frankfurt: Suhrkamp, enthalten;
• moderne Version: Michael György Konrád: Der Besucher.
Eine bezaubernde Liebesgeschichte in rasantem Tempo, die bedrückende Atmosphäre im Paris von 1943 einfangend, ist hohe Schriftstellerkunst. Wallner meisterte es, die Klippen drohender Klischees (gerade in Kriegsromanen der Nazizeit überall drohend) zu umschiffen, manche Unglaubwürdigkeiten seines Plots nimmt man ihm da gerne ab.
Links
WallnerMichael Wallner (Wikipedia)
Rezensionen
WallnerBeate Berger: "Herz-Schmerz in Zeiten des 2. Weltkriegs", dradio, 10.4.2006
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WallnerDetlef Horn: "Flaneur zwischen den Welten - Amour zwischen den Fronten"
WallnerLiteraturhaus.at
WallnerChristine Scheiter: "Spröde Liebschaft, flirrende Großstadt. Michael Wallners Roman »April in Paris« erzählt vom Erwachsenwerden eines unentschlossenen Wehrmachtssoldaten". Literaturkritik 5, Mai 2006 
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