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Michael Wallner: Finale
Berlin: Rowohlt, 2003. Gebunden, 187 Seiten – Wallner LinksWallner Literatur
Ein Orchestermanager – der Ich-Erzähler – meint in einer Geigerin seine vergangene Liebe Klara zu sehen. Sein Freund Moldauer, bei dem er – nach Jahren wieder in Wien – Logis genommen hat, glaubt es nicht. Um sich Klarheit zu verschaffen besucht der Ich-Erzähler in der nahen Kleinstadt Ratten Klaras Grossmutter Elisabeth. Sie erzählt ihm, dass Klara verschwunden, vermutlich ertrunken ist. Nach sechs Monaten wurde für sie tot erklärt (S. 51-53).
In Ratten trifft der Ich-Erzähler auf das Paar Alfred (Bildhauer) und Ulla. Sie regen für den kommenden Sommer ein Künstlertreffen in Ratten an. Alfred denkt an sein Sujet und ein Skulpturenfeld. Doch für den Ich-Erzähler kommt – nach anfänglichem Zögern – nur ein Festival mit Orchester plus Skulpturen in Frage.
Im Ort finden sie Widerstand, unter anderem, weil zur selben Zeit ein Trachtenfest stattfindet. Doch durch verschiedene Umstände kommt der Ich-Erzähler seinem Ziel näher:
• ein Schrotthändler wird krankenhausreif geschlagen und als Unfall ausgegeben
• der Stardirigent Nicholas bietet sich an; wie sich herausstellt, weil er mit der geplanten Solistin – ja, es ist Klara II. – ein Verhältnis hat.
Da beim Ich-Erzähler inzwischen Leberkrebs diagnostiziert wurde werden die Festival in mancherlei Hinsicht ein Wettlauf bis zum Finale.
In Alfred ist der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka (Wallner Links) erkennbar, im Dirigenten der Nikolaus Harnoncourt (Wallner Links) , geboren in Berlin, aber in Graz aufgewachsen.
Damit ist ein Hauptthema des Romans angezogen: der Künstler, die Kunst, die Darstellung.
Klara II. scheint ihrer Solistenrolle nicht gewachsen. Oder schmollt Nicholas mit ihr nur, weil sie nicht mehr mag (obwohl sie ihn aus Gewohnheit doch noch ins Bett lässt)?
Dazu zwei Zitate:
„Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage – sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.“ Nikolaus Harnoncourt (Wallner Links)
„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ Friedrich Nietzsche: Götzendämmerung. Sprüche und Pfeile. 33
Glücklich kann sich Michael Wallner und die Leser dieses Romans schätzen, da seine erkennbaren, lebenden Künstler nicht gegen ihn, das Buch und den Verlag prozessiert haben. Bei Maxim Biller und dem Roman Esra setzte dessen Ex-Geliebte ein Verbot durch:
Wallner Angegriffene Literatur in der Bundesrepublik Deutschland. Auch Moldauer scheint eine existierende Figur zu sein oder sich an sie anzulehnen: der Roman ist u.a. ihm gewidmet.
Das andere Hauptthema ist die Krankheit, der Tod in allen Varianten. Kaum eine Figur kommt ohne Krankheit oder Schlaganfall aus, wenn sie nicht schon Vergangenheit sind (Klara: verschwunden und für tot erklärt; ihre Eltern gemeinsamer Freitod; Biersemmler, der ermordete Blechhändler). Dazu hat Wallner Fälle angehäuft, aber ausser beim Graf und dem Ich-Erzähler springt das Thema nicht so auf den Leser über. Meine ich.
Durchgehendes Thema ist das heutige Österreich (und wohl auch manches andere Land). Die Durchsetzung des Projekts ist lehrreich. Da kommt dann sogar der populäre (?) Bundespolitiker Bernthaler angefahren (muss er mit "ER" im Roman überhöht werden?) und identifiziert sich mit dem Erfolg.
Der vertuschte Mord an Biersemmler wird als Druck gegen den Bürgermeister von Ratten verwendet (er war als Apotheker Zeuge und deckte die Täter) um das Festival im gräflichen Schloß durchzusetzen. Zuerst grämte ich dem Autor wegen dieser Schurkerei, die so nebenher läuft: die Täter bleiben verschont. Doch Wallner hat ja recht: so läuft es oft. Die Gerechtigkeit bleibt zugunsten des Geschäfts auf der Strecke.
Michael Wallner pflegt einen eigenen Stil, der gelegentlich an andere erinnert, z.B. Thomas Bernhard. Das liest dich süffig ohne banal zu werden oder zu ermüden. Gelegentlich war er unaufmerksam. In Moldauers Wohnung dringt hässlich der Lärm. Im selben Satz (Wallner zieht ständig etliche Sätze in einen zusammen) betont er: "Moldaus Fenster waren dicht, der Verkehr drang nur wie fernes Raunen ins Zimmer" (S. 18).
Thematisch hat er zu dick aufgeladen. Die künstlerische Abneigung gegen die Etablierten wird da zum "Widerstand" (S. 58). Der Ich-Erzähler drückt sich vielfältig vor der medizinischen Diagnose. Verständlich, einverstanden. Doch muss er deshalb aus heiterem Himmel seinem Freund und Gastgeber Moldauer schreiend mitteilen, dass ihn der Arzt Stohlhofer am Arsch lecken kann? (S. 61). Andrerseits gelingen Wallner damit auch hübsche Wendungen. Alfred stellt ihm beim Frühstück im Lokal die Frage, warum er ein Orchester zum Künstlerfest haben will. Trotzdem die Bedienung Hilde an ihrem Tisch steht, traut er sich nicht zu bestellen: "Alfred könnte meine Frühstücksbestellung als Verharmlosung seiner Frage verstehen" (S. 77). Das halte ich für gut gelungen.
Obwohl Wallner keine nummerierten Kapitel setzt ist Finale in solche eingeteilt (Leerraum und drei Wörter des Kapitelanfangs in Großbuchstaben). Die Kapitel sind durch Leerzeilen in Abschnitte gegliedert. Trotzdem kriegt Wallner einen Ortswechsel mitten im Text hin (Krankenhaus versus gräfliches Schloss, S. 95).
Violinkonzert a-moll, BWV 1041
Musikalischer Star ist nicht Nicholas sondern Johann Sebastian Bach und sein Violinkonzert a-moll, BWV 1041 (Wallner Links).  Mit den Sätzen:
1. Ohne Satzbezeichnung (meist: Allegro) 2. Andante  3. Allegro assai
Ich habe eine Aufnahme mit dem Concentus musicus unter Leitung von Nikolaus Harnoncourt; Solistin ist dessen Gattin Alice Harnoncourt. Das merkte ich aber erst nach der Lektüre, da ich während dieser keine Zeit fand, das Teldec-Doppelalbum herauszuholen.
Klappentexte
Klappentexte sind ein Ärgernis: elende Lobhudelei und Übertreibung. Doch die Rückseitentexte zu Finale sind (ausnahmsweise) treffend. Der zweite ist: "In seiner Romanwelt kann Michael Wallner alles behaupten, was er will. Man glaubt ihm gern." Der Spiegel - Richtig.
Hommage an Konstantin Wecker: "Willy"
Moldauer:
"Die Luft sei frühlingshaft mild, [...] es sei ein Tag, um in die Weinberge zu fahren" (S. 112-113)
Konstantin Wecker zu Willy: "... fahrn ma raus, as Wetter is so glasig, die Berg san so nah, ..."  
Gegenüber Cliehms Begabung (Wallner Links) hat Wallner mächtig zugelegt. Trotzdem der Autor viel will (Politsatire, Todesthematik, etc.), dadurch einiges riskiert und überzieht ist Finale ein wunderbar zu lesender, kurzweiliger Roman. Mit geringem Vorbehalt sehr empfehlenswert.
Vergleichsliteratur
Wallner Bernhard, Thomas: Der Untergeher
Wallner Rehmann, Ruth: Abschied von der Meisterklasse
Wallner Treichel, Hans-Ulrich: Tristanakkord
Links
Wallner Michael Wallner: Cliehms Begabung
wallner Michael Wallner: April in Paris
Michael Wallner, * 1958, österreichischer Schauspieler, Regisseur und Autor
wallner Randomhousewallner Lyrikwelt
Preise
1994 Kainz-Medaille der Stadt Wien
2001 Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar für Manhattan fliegt
Nikolaus Harnoncourtwallner Nikolaus Harnoncourtwallner Wikipedia
Alfred Hrdlicka: wallner aeiou Österreich Lexikon – wallner Wikipedia
wallner Violinkonzerte (Bach)
Rezensionen:
wallner Perlentaucher
wallner RP-Online
Literatur
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wallner wallner Michael Wallner: Finale. Btb 2006. Broschiert, 187 Seiten wallner
Michael Wallner: Finale. Berlin: Rowohlt, 2003. Gebunden, 187 Seiten wallner
Bertram Anfang


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