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Wander
Fred Wander: Der siebente Brunnen. Erzählung
Darmstadt: Luchterhand, 1985. Nachwort: Christa Wolf. 159 Seiten – adorno Autoradorno Linksadorno Literaturadorno Zitate
Theodor W. Adorno: "Über Auschwitz läßt sich sprachlich nicht gut schreiben" und "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch" (beide Zitate ausführlich unter: adorno Zitate Theodor W. Adorno). Nicht nur von Fred Wander wird Adorno widerlegt.
Die Erzählung Der siebente Brunnen gliedert sich in zwölf Kapitel, mit "alltäglichen" Szenen aus dem Konzentrationslager. Übergreifend erzählt Wander den Zug der Häftlinge vom Lager Hirschberg (heute Jelenia Gora, Polen), einem Außenlager des KZ Groß-Rosen (viele Rezensionen schreiben: von Auschwitz; ich meine, das stimmt nicht, siehe beispielsweise S. 12: Riesengebirge) nach Buchenwald. Das durchgehende Motiv sind einerseits die Erzählungen einzelner Gefangenen aus ihrer Vergangenheit, einer schöneren Zeit, und andrerseits ihre Sehnsüchte nach Befreiung und Pläne für die Zeit danach, die es einfach geben muss. So wird klar, dass man über sechs Millionen wirklich schlecht schreiben kann, wohl aber über Einzelschicksale.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Frage nach dem Menschsein. Wie können die Wächter ihr "Handwerk" verrichten und Mensch bleiben? Eine Antwort ist, dass sie die Juden (Politische und Bibelforscher) zu den Tieren zählen und sie schlimmer als Vieh behandeln. Eine andere, gängige Antwort ist: "Und wenn ich mich weigern würde, den befehl auszuführen, wem wäre damit gedient? Ein anderer würde vielleicht härter mit Ihnen verfahren. Aber ich bemühe mich dabei, ein Mensch zu bleiben, es ist also nur ein Vorteil für Sie" (S. 88). Die Häftlinge sehen es anders: "O ja, im Erfinden höchst verwickelter Feinheiten der Folter waren die Stiefelträger perfekt" (S. 117). Doch die Häftlinge bleiben menschlich, die Stiefelträger werden zu Tieren (wenn das für die Tiere beleidigend ist: sie werden zu Folterknechten und Schlächtern). Dazu ist eine Überlegung Christa Wolfs im Nachwort aufschlussreich: "immer sind es die Opfer, die etwas über ihre Henker wissen: nie ist es umgekehrt" (S. 157).
Die Häftlinge entwickeln Kräfte, die in jedem Menschen schlummern (S. 13), ganz im Sinne der späteren Feststellungen Viktor Frankls (frankl Haddon Klingberg: When Life Calls Out to Us: The Love and Lifework of Viktor and Elly Frankl). Neben der Hoffnung auf ein Jenseits ("... zwei Stunden noch oder zwanzig Jahre, wo ist der Unterschied angesichts der Ewigkeit?", S. 15) hilft den Geschundenen die Literatur: sie zitieren und diskutieren über Charles Baudelaire (S. 36-37; "Litaneien des Satans" aus "Fleurs du Mal"; Wander"Abel und Kain"), Stendhal (S. 74; wander Autor), Honoré de Balzac (wander Autor), Gustave Flaubert (S. 74; wander Rezension: Madame Bovary), Shakespeare, die Bibel, Leo Tolstoi (wander Rezension: Anna Karenina) und den Rabbi Löw (Motto, S. 6). So ähnlich gelang Nico Rost das Überleben in Dachau (wander Goethe in Dachau. Ein Tagebuch).
Fred Wanders Erzählung gewinnt, da er nie zornig und haßerfüllt (was verständlich wäre) schreibt.
Der siebente Brunnen hat Gemeinsamkeiten mit Anna Seghers: Das siebte Kreuz (wander Rezension). Bei Seghers bleibt das siebte Kreuz für den Entflohenen frei. Bei Wander ist die Episode perfider. Häftlinge werden an Pfähle gefesselt oder frei hingestellt, mit der Finte: der Häftling kann sich selbst töten, indem er in den elektirschen Draht läuft. Ein Pfahl ist für einen Verschwundenen frei, doch der Gesuchte ist nicht geflohen, sondern in einem Schuppen ermüdet eingeschlafen. Das freilich rettet sein leben nicht.
Sehr empfehlenswert, wenn es auch, ähnlich zu Thomas Toivi Blatt: Nur die Schatten bleiben. Der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór (wander Rezension) kein schönes Buch ist.
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Fred Wander
* 5.1.1917 als Fred Rosenblatt in Wien; floh im Mai 1938 vor den Nazis über die Schweiz nach Paris, wurde in Frankreich (andere Quellen: der Schweiz) verhaftet und nach Auschwitz verschleppt; er blieb bis zur Befreiung in Auschwitz und Buchenwald; trat der KPÖ bei und arbeitete als Reporter und Fotograf; verheiratet mit Maxie Wander (3.1.1933 Wien – 20.11.1977 Berlin), mit der er 1958 in die DDR geht. Fred Wander arbeitete als Journalist gearbeitet, schrieb Romane und Erzählungen, Theaterstücke, Jugendliteratur und Reisebücher.
1958 bis 1983 in der DDR
1972 Heinrich-Mann-Preis für Der siebente Brunnen
2003 Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und im Exil
Fred Wander, 89, starb nach schwerer Krankheit am 10. Juli 2006 in Wien
Ralph Giordano über Der siebente Brunnen
"... ein Klassiker des Holocaust, die Reflexionen des eigenen Lebens und Leidens im deutsch besetzten Europa, verfremdet in einem »Roman«, der seinen Autor unsterblich machen wird. Nachdem ich es gelesen hatte, war ich lange nicht ansprechbar."
Ralph Giordano: "Das Leben obsiegen lassen. Trotz allem, über alles", Die Welt 12.8.2006
Links
WanderFred Wander (eigtl. Fritz Rosenblatt)
WanderBiografie Fred Wander
WanderHans Höller: "Erzählen als Erinnern und Widerstand. Fred Wanders »Der siebente Brunnen« im Kontext der Literatur über die Shoa"
WanderTheodor Kramer Preis 2003 für Fred Wander
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Literatur
Fred Wander: Der siebente Brunnen. Erzählung. Berlin, Weimar: Aufbau 1971
Fred Wander: Der siebente Brunnen. Erzählung. Darmstadt: Luchterhand, 1985. Nachwort: Christa Wolf. 159 Seiten
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Wander WanderFred Wander: Der siebente Brunnen. Erzählung. Wallstein 2005. Gebunden, 160 Seiten Wander
Fred Wander: Der siebente Brunnen. Erzählung. Frankfurt: Fischer, 2002. Broschiert, 120 Seiten Wander
Adorno Wander Theodor W. Adorno: Ob nach Auschwitz sich noch leben lasse. Suhrkamp, 1997. Broschiert
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 12.8.2006