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Joseph Roth: Radetzkymarsch
Köln: Kiepenheuer & Witsch 1994. 323 Seiten
roth Anmerkungenroth Vergleichsliteraturroth Rezensionenroth Linksroth Literaturroth Rezensionen (allgemein)
Durch eine spontane Aktion wider alle Etikette des Leutnants Joseph Trotta wird Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht von Solferino, 1859, vom Tode gerettet. Joseph Trotta wird belohnt zum Hauptmann Joseph Trotta von Sipolje. Sein Vater war ein armer slowenischer Bauer, ab jetzt ist das Geschlecht der von Trotta dem Kaiser und Österreich-Ungarn verbunden. Roth erzählt deren Geschichte durch vier (wenn man den Vater von Joseph mitzählt) Generationen. Der Sohn Franz von Trotta wird Bezirkshauptmann, schlägt also die Beamtenlaufbahn ein. Er wird als völlig korrekt und prinzipientreu geschildert, gewinnt aber mit der ahnungsvollen Auflösung der Donaumonarchie an Menschlichkeit, auch gegenüber seinen Sohn Carl Joseph, der entgegen seinen Neigungen zum Militär geht. Erst ganz zum Schluß wird er für kurze Zeit wieder zum Bauern, muß aber zum Ersten Weltkrieg einrücken. Beim wagemutigen Wasserholen wird er tödlich getroffen. So spannt sich der Bogen von Solferino zu Sarajevo, 1914; von der Rettung des Kaisers bis zur Opferung des Lebens für den Kaiser.
In seiner Offizierszeit hatte Carl nur einen militärischen Einsatz, der sich bezeichnenderweise gegen aufständische Arbeiter richtete und bei der er – ähnlich seinem Großvater, dessen Tat und Gestalt die Trottas lebenslang begleitet, bei Solferino – am Schlüsselbein verletzt wurde. Der Einsatz der Wehrmacht im Innern, der auch in Deutschland über hundert Jahre später wieder diskutiert wird, ist im Radetzkymarsch mahnend ausgeführt.
Historischer Roman
Radetzkymarsch wird als historischer Roman gelesen, mit besonderer Betonung des Untergangs der Habsburger Monarchie von Solferino bis Sarajevo. Der Habsburg-Mythos altert mit dem Franz Trotta. Als der alte Diener Jacques stirbt ist der Niedergang sowohl der Trotta als auch der Monarchie vorgezeichnet. Großartig ist die Benachrichtung des Militärs über das Attentat von Sarajevo mitten in einem brausenden Sommerball (S. 285). Das Sommerfest des Dragonerregiments wird ein Jahr vorm hundertjährigen Jubiläum gefeiert, also vorzeitig. Roth steigert das durch einen Blitzeinschlag (S. 287) bis zum Abbruch des Festes (S. 288).
Ich empfehle mit dem Sommerfest (ab S. 278) Maurice Ravel: La Valse (1919-20) anzuhören.
Zum Ende betont Roth das Überhandnehmen der Raben, die eine wichtige Rolle in der Mythologie spielen (siehe den Abschnitt "Die Bedeutung des Raben für den Menschen" auf rothDie Raben und roth Das Raben Paradox). Am bekanntesten vielleicht: "The Raven" von roth Edgar Allan Poe.
Epiktet schreibt zwar: "Wenn dir ein Rabe Unheil krächzt, so laß dich nicht von der Vorstellung davon beunruhigen, ..." (rothEpiktet: Handbüchlein der Moral, 18), aber im Radetzkymarsch kündigen die Raben eine völlig neue Epoche an.
Verlust der Identität
So sehr man über den Historischen Roman Radetzkymarsch in der Folge eines Walter Scott diskutieren kann: ich las auch oder hauptsächlich eine Aufgabe der Identität der Trottas ab dem einen einzigen Akt der Rettung. Mit diesem – eher zufälligen Ereignis – verliert der Stamm der Trottas die Bodenhaftung. Sie werden aus der angestammten Bahn geworfen, verlassen ihre Scholle und werden durch Beamtentum und Militärlaufbahn vom Geretteten abhängig. Gerade Carl läuft blind in die vom Vater und den Umständen vorgegebene Richtung. Beim Militär langweiligt er sich und sieht im Offiziersleben mit dem (überholten) Ehrenkodex keinen Sinn. Ersatz sind ihm Alkohol, Glücksspiel, Frauenaffären und Ehrenhändel. Erfüllung findet der Offizier nur im Krieg.
[Dr. Skowronnek:] "Ein junger Offizier unserer Armee kann mit seinem Beruf nicht zufrieden sein, wenn er nachdenkt. Seine Sehnsucht muß der Krieg sein. Er weiß aber, daß der Krieg das Ende der Monarchie ist." S. 235
Der Offizier strebt also nach der Vernichtung seiner Existenzgrundlage.
Die Dichotomie Habsburger Monarchie durch Aufgabe des, wenn auch ärmlichen Bauerntums in Sipolje wird im Roman mehrfach angesprochen. Die Trottas begeben sich in die Abhängigkeit von Kaisers Gnaden, der viermal zu ihren Gunsten eingreift: Beförderung, Schulbuchepisode, Frauenaffäre und Schuldenbegleichung des Carl von Trotta.
Am Ende schließt sich der Reigen, doch nicht aus Carls freiem Entschluß. Er nimmt (und glaubt sich dazu gezwungen) aus formalen Gründen seinen Abschied vom Militär und wird für kurze Zeit, das was seine Ahnen waren: Bauer. Doch die Weltgeschichte holt ihn ein. Er wird zum Ersten Weltkrieg eingezogen. In einem Anfall von Todessehnsucht opfert er beim Wasserholen sein Leben für den Kaiser. Völlig sinnlos: denn nun hat die Armee kein Wasser und keine Eimer mehr. Der Ring schließt sich.
Stil
Joseph Roth ist der Moderne abhold und schreibt auch 1932 recht konventionell. Er besticht den Leser durch zahlreiche kurze treffende Charakterisierungen der Personen:
"Kindermann, ständig darauf bedacht, sein äußerst schwaches Interesse für Frauen durch besondere Aufmerksamkeit wettzumachen, die er ihnen zu widmen vorgab, ..." (S. 69-70).
Oft ist Roth humorvoll, wenn auch mehr durch Wortwitz als durch Klamaukszenen. Carl Trotta wird dem Regimentsarzt vorgestellt:
"Enkel des Helden von Solferino?" fragte Doktor Demant.
Man hätte ihm diese genau Kenntnis der militärischen Geschichte nicht zugetraut.
"Alles weiß er, unser Doktor!" rief er Oberst. "Er ist ein Bücherwurm!" S. 73
Hat so etwas nicht auch Gerhard Polt im Repertoire? Dabei nimmt er ahnungsvoll manche Auswüchse, die erst wir so richtig merken, vorweg.
Ich erinnere an
  • die "Goldene Medaille des Wettesservereins von Hietzing" für die "übernatürliche Gefräßigkeit" des Siegers im Beinfleischessen (S. 228).
  • die Diskussion der Offiziere über Wortlaut und Reihenfolge der Versendung der Einladungskarten zum Sommerfest (S. 279).
Die Szenenbeschreibungen sind oft großartig. Ich nehme nur zwei Sätze aus einem Klasse-Absatz:
Der Doktor sah zum Himmel hinauf, von den ruhigen Sternen kam kein Rat, kälter waren sie als der Schnee ringsum. Finster waren die Häuser, taubstumm die Gassen, der Nachtwind zerblies den Schnee zu Staub, die Sporen Trottas klirrten sacht, die Sohlen des Doktors knirschten daneben." S. 106
Zu diesen kurzen Szenen kommen die großartigen Beschreibungen über mehrere Seiten, beispielsweise das Eingangskapitel über Solferino, die Prozession in Wien oder das Sommerfest der Militärs.
Schach
im Radetzkymarsch wird häufig Schach gespielt, vor allem vom Bezirkshauptmann: von S. 12 - 322.
Fazit
Ein großartiger Roman und angenehme Pflichtlektüre für jeden, der sich als Romanleser bezeichnen will.
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Anmerkungen
Kaiser Franz Joseph I.
18. August 1830 Wien-Schönbrunn – 21. November 1916 Wien-Schönbrunn
Solferino, 1859
Die Schlacht von San Martino/Solferino am 24. Juni 1859 war eine der beiden entscheidenden Niederlagen Österreichs unter Kaiser Franz Josef gegenüber den französischen–sardinischen Mächten unter Napoleon III. Der Schweizer Henry Dunant sah nach der Schlacht zurückgelassene Soldaten im Felde verbluten. Er organisierte eine Hilfsaktion mit Freiwilligen; daraus entstand das Rote Kreuz. Solferino liegt einige Kilometer südlich von Sirmione, am Gardasee.
Sarajevo, 1914
Das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 auf den Thronfolger Österreich-Ungarns, Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg löste im weiteren Verlauf den Ersten Weltkrieg aus.
Radetzky-Marsch
komponiert im Revolutionsjahr 1848 von Johann Baptist Strauß (Vater), 14.3. 1804 Wien-Leopoldstadt – 25.9. 1849 Wien; op. 228, zu Ehren von Johann Joseph Wenzel Graf Radetzky von Radetz (2.11. 1766 Trebnice, Böhmen – 5.1. 1858 Mailand)
Verfilmungen
1958, "Hoch klingt der Radetzkymarsch", Regie: Géza von Bolváry, mit Heinz Conrads, Boy Gobert, Paul Hörbiger, Gustav Knuth, Lotte Lang, Winnie Markus, Johanna Matz, Walter Müller, Susi Nicoletti, Walter Reyer, Alma Seidler, Oskar Sima, Ernst Waldbrunn
1965, "Radetzkymarsch", Regie: Michael Kehlmann, mit Leopold Rudolf, Helmuth Lohner, Fritz Eckhardt, Jane Tilden, Rudolf Rhomberg, Pit Krüger, Alfred Böhm, Walter Sedlmayr
1995, "Radetzkymarsch", Regie: Axel Corti, mit Max von Sydow, Charlotte Rampling, Julia Stemberger, Karlheinz Hackl, Miguel Herz-Kestranek, Fritz Muliar, Ernst Stankovski, Alexander Strobele, Friedrich von Thun, Gert Voss
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Vergleichsliteratur  
vater Vater-Sohn Beziehung und Vater-Sohn-Konflikt
Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie (1901) Verfall einer Familie mit der sich ändernden Welt. roth Rezension
Thomas Mann: Zauberberg (1924) Eine zum Untergang bestimmte Welt
Hermann Broch: Die Schlafwandler (1930-32) Möglichkeiten der Selbsttäuschung
Robert Musik: Der Mann ohne Eigenschaften (1930-43) Ende der Donaumonarchie
Siegfried von Vegesack: Die Baltische Tragödie. Eine Roman-Trilogie. »Blumbergshof«, »Herren ohne Heer« »Totentanz in Livland« (1935) Untergang eines baltischen Geschlechts durch/mit dem Weltgeschehen.
roth Rezension
Ingeborg Bachmann: Simultan (1972); enthält die fünf Erzählungen »Simultan«, »Probleme Probleme«, »Ihre glücklichen Augen«, »Das Gebell« und »Drei Wege zum See«. Beraubung der Identität; mit der Figur des Trotta aus Radetzkymarsch und Kapuzinergruft
Rezensionen
rothMichael Hofmann: The Radetzky March (Rezension in englisch)
rothDieter Wunderlich
"The Radetsky March may be an elegy for the glories of a lost era, but it's far from being a work of straightforward nostalgia. The cramped emotional lives of Carl Joseph's father and grandfather, the furtive awkwardness and painful alienation that Carl Joseph and so many of his fellow soldiers experience in the army -- these are hardly advertisements for the joys of imperial service."
rothZoe Heller, Autorin: Zoe Heller on a Joseph Roth Classic
Links
roth Autor Joseph Roth mit weiteren Rezensionen
rothCerny, Susanne: Stichworte zu Roths Radetzkymarsch (pdf)
rothRadetzkymarsch (Joseph Roth) Wikipedia
rothDer Kanon. Die deutsche Literatur. Romane
rothDie verlorene Welt des Joseph Roth. Ein Gespräch mit dem Regisseur Michael Kehlmann (zweiteilige Verfilmung von Joseph Roths Radetzkymarsch, 1965 mit Helmut Lohner als Karl Trotta)
rothFranz Joseph I. (Österreich-Ungarn) Wikipedia
rothKaiser Franz Josef: Mir bleibt doch nichts erspart!
rothThomas Kirschner: "»Der alte Prochazka« - Kaiser Franz Joseph I. und die Tschechen"
rothThomas Kirschner: "Der mythische Monarch - Kaiser Franz Joseph I. wird 175"
mit Audio von 1888 !
rothVideo: Emperor Franz Josef I, 1914 mit Video
rothHans Makart: Kostüme des Festzuges anläßlich der Silbernen Hochzeit des Österreichischen Kaiserpaars Franz Joseph I. und Elisabeth, 1879. mit Video
rothNach der Hochzeit von Karl I. und Zita von Bourbon-Parma: Kaiser Franz Joseph, Karl, Zita, Franz Ferdinand und Josepha in der Gartenlaube, 1911. mit Video
Radetzkymarsch
rothWikipediarothWiener Institut für Strauss-Forschung WISFrothinfos.aus-germanien.de
rothJohann Strauß (Vater)rothGraf Radetzky
rothSchlacht von San Martino/Solferino am 24. Juni 1859
rothSarajevo
rothAttentat von Sarajevo
roth Schach in der Literatur
Literatur
Böning, Hansjürgen: Joseph Roths »Radetzkymarsch«. Thematik, Struktur, Sprache. München: Fink 1968.
Curling, Maud: Joseph Roths "Radetzkymarsch": eine psychologische Interpretation. Frankfurt am Main: Lang, 1981.
Foster, Ian (2001): "Joseph Roth’s Radetzkymarsch as a Historical Novel". In: Osman Durrani & Julian Preece, Hg.: Travellers in Time and Space: The German historical novel= Reisende durch Zeit und Raum: Der deutschsprachige historische Roman. Amsterdam: Rodopi, S. 343-356.
Hackert, Fritz: "Joseph Roth. Zur Biographie". Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 43.1. (1969). S. 161-186.
Müller, Klaus-Detlef: "Joseph Roth: Radetzkymarsch". In: Interpretationen. Romane des 20. Jahrhunderts. Band 1. Stuttgart: Reclam 1993. S. 298-321
Portmann-Bogosavac, D.: Masken der Melancholie in Joseph Roths späten Romanen. Corpus: Das falsche Gewicht, Radetzkymarsch, Die Kapuzinergruft. Diplomarbeit 2002. rothEntgeltlich verfügbar
Scheible, Hartmut: "Radetzkymarsch". In: Kindlers Literatur Lexikon S. 7972-7974
Schlosser, Jan T. : "Identitätsproblematik und Gesellschaftskritik. Zum Solferino-Kapitel in Joseph Roths Radetzkymarsch". Orbis Litterarum 60.3 (2005). S. 183-201
Wirtz Merki, Irmgard: "Habsburgischer Mythos und mitteleuropäische Realitäten. Joseph Roths Fiktionen des Faktischen". Unipress 99 (1998). rothonline verfügbar
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Roth schenkel Joseph Roth: Radetzkymarsch. München: Dtv, 1998. Broschiert: 403 Seiten roth
Joseph Roth: Radetzkymarsch. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2005. Gebunden, 416 Seiten roth
roth rothClaudio Magris: Der habsburgische Mythos in der modernen österreichischen Literatur. Wien: Zsolnay, 2000. Gebunden, 414 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 13.8.2006