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Heinz-Joachim Simon: Der Picassomörder. Huntinger und das Geheimnis des Bösen
Hamburg: Acabus, 2012. Broschiert, 262 Seiten – Heinz-Joachim LinksHeinz-Joachim Literatur
Im Juli 2010 wird in Berlin die Kuratorin einer Gallerie an ihrer Arbeitsstelle ermordet aufgefunden. Noch sensationieller: ein Bild von Picasso aus der Minotaurus-Serie fehlt. Kommissar Huntinger übernimmt. Er stößt auf einen ähnlichen zurückliegenden Fall in Dachau und fährt hin. Schon bald zielen seine Ermittlungen auf wenige Mitglieder zweier einflussreichen Familien in einer fiktiven Stadt nahe Dachau. Den nächsten Morden der Serie will Huntinger zuvorkommen. Doch er schafft es nicht. In Frankreich – Huntinger ist vor Ort – erwischt es die nächste Frau. Wie die anderen ist sie grausam durchpfahlt, der Täter hatte mit seinem Opfer Geschlechtsverkehr und ein Picassobild fehlt.
Am Ende ist der Kommissar dem Wüterich dicht auf den Fersen. Er wird auf den Berghof Hitlers nahe dem Kehlsteinhaus gelockt. Es kommt zum Showdown mit überraschendem Ende.
Diese knappe Inhaltsangabe klingt besser als der Roman ist. Dabei liest er sich flüssig, ist durchdacht (Kritik dazu weiter unten) und hat ein paar Nebenstränge und –motive:
• Eine »amour fou«, zumindest wiederholt es der Autor oft, obwohl es eine »ménage à trois« ist.
• Dialoge zur modernen Kunst: aufgrund des Genre verständlicherweise oberflächlich
• NS-Vergangenheit und –Verherrlichung heute: fand ich etwas aufgesetzt; diente aber letztlich – außer der Sexbessenheit – zur Charakterisierung des Täterprofils
• Die übliche Konstellation: Ermittler passt den Vorgesetzten nicht, wird aber letztlich wegen seiner Aufklärungsquote akzeptiert.
Die Mitarbeiter(innen) des Kommissars sind gut getroffen, insbesondere die emsige Mäusel wächst im Laufe des Romans ans Herz der Leser.
Modisches Schema im Kriminalroman
Seit einiger Zeit pflegen viele Krimis eine besondere Mode. (Wer begann damit? War es Henning Mankell?) Sie haben diese Zutaten mehr oder weniger zusammen und ausgeprägt:
1) Grausame Serienmorde, die oft schon beim ersten Mordfall als Serie erkannt (!) werden
2) "Botschaft" beim Opfer für Polizei und Presse
3) karnevalistische Verkleidung der Opfer
4) besonders grausame Ermordung oder Verstümmelung
5) Motiv der Mordserie: Ursprung in lange zurückliegenden Ereignissen.
Leider erfüllt auch Der Picassomörder nahezu alle Punkte des Schemas. Liest man nur gelegentlich Krimis mag das nicht stören, vielleicht auch nicht auffallen. Einem Viellesern wie mir hängt es zum Halse heraus.
Nachlässigkeiten, Unglaubwürdigkeiten
Das modische Schema wäre zu ertragen, doch es passieren auch einige mehr oder weniger offensichtliche Nachlässigkeiten und Unglaubwürdigkeiten.
  • Der Täter bekommt binnen weniger Tage jede der Frauen herum, die in sein Rubensschema passen und Zugang zu Picassowerken der Minotaurusserie haben.
  • Das wird dadurch noch unglaubwürdiger, dass einige der Frauen vorher explizit vorm Täter gewarnt werden.
  • Der Gipfel der Unglaubwürdigkeit ist aber, wie leicht und dilettantisch die Picassos aus den Galerien und Ausstellungen zu entwenden sind. Sie werden auch nicht – obwohl Huntinger konkret mit Diebstählen rechnet – vorsorglich durch Kopien ersetzt.
  • Der treffend als "Minotaurus" benannte Täter ist strohdumm. Das passt nicht zu den gut durchdachten Picassodiebstählen und seiner langen Mordserie. Ein paar Beispiele:
    • Ohne Not kümmert er sich nicht um Verkehrsbeschränkungen (S. 126).
    • Er durchbricht eine polizeiliche Strassensperre und trotzdem gelingt es ihm gleich darauf den Jeep in der Rhone zu versenken ohne gefasst zu werden (S. 131).
    • Ein Opfer kann sterbend noch etwas in die Blutlache schreiben (S. 234). Absehen davon, dass ich nicht glauben kann, dass eine Sterbende noch willig und fähig ist, das zu tun, begeht Minotaurus einen schweren Fehler, eines seiner Opfer leben zu lassen.
    • Dabei betont der Autor durch Huntinger öfters, wie intelligent der Mörder sei, z.B. S. 172.
  • Kommissar Huntinger leistet sich einige Schnitzer:
  • Obwohl seit dem Mord in Berlin die DNA des Täters vorliegt und obwohl er nur 4-5 Männer in Betracht zieht, läßt er keinen DNA Abgleich durchführen. Der Roman wäre dann freilich nicht einmal halb so lang. Auf S. 177 merken es auch die Ermittler, dass DNA-Proben der beiden Hauptverdächtigten nicht schlecht wären. Bei einer späteren Hausdurchsuchung passiert aber immer noch nichts zum DNA Abgleich (S. 242).
  • Im Grunde tippt Huntinger nur auf die beiden jungen Männer, den Regieassistenten und den Werbefritzen (S. 137). Obwohl der Täter brandgefährlich ist werden die zwei nicht überwacht. Auch mögliche Opfer wie Lisette werden nicht polizeilich überwacht.
  • Obwohl einige Orte für die Fortsetzung der Serie in Frage kommen (der Täter könnte zudem pausieren) zieht Huntinger mit grossem Pomp nach Paris und er liegt richtig.
Struktur und Stil
  • Der Autor verwendet ein gängiges Mittel um mit psychopathischen Tätern die Spannung zu steigern: einige Kapitel zwischendrin erleben die Leser durch die Erzählposition des Täters ohne dass der Autor seine Identität preisgibt. Das gelingt gut.
  • Die Dialoge wirken gelegentlich künstlich theatralisch. Huntinger erwähnt gegenüber seiner Geliebten den Tod der anderen Geliebten und merkt erst dann, dass sie davon noch nichts weiß. Sie hakt hölzern nach: „Was? Sie ist tot? Wie schrecklich. Was ist passiert? So rede doch.“ (S. 246)
  • Verzögerungen können im Krimi durchaus die Spannung erhöhen, wenn sie geschickt gesetzt sind und den Leser bei der Stange halten. Das trifft der Autor hier nicht immer.
    • Huntinger wird wegen des vierten Mordes im Hotel alarmiert und es braucht zwei Seiten Text bis der Kommissar das Hotel verläßt.
    • Ein Stierkampf in Arles hat mit der Story absolut nicht zu tun, wird aber seitenlang ausgemalt (S. 155-159). Da bricht des Autors Faible für Ernest Hemingway durch (11. Kapitel "Tod am Nachmittag ... in Arles").
    • Auch die NS-Huldigung des Grossvaters (S. 238-242) hätte man den Leser ersparen können. Das Wesentliche, wie der Täter durch Erzieung und Umgebung zum Serienmörder werden konnte, wird damit nicht vermittelt.
Huntinger spielt mit dem Pathologen Wurmser allwöchentlich Schach. Das kann ich als Schachspieler nur gut finden. Es ist ein gelungener Kunstgriff um im Gespräch den Ermittlungsstand zu rekapitulieren und voranzutreiben. Dass beide im Schach Amateure sind, zeigt der Marmortisch auf dem sie spielen und dass sie nicht eine Partie ("die Partie") spielen: „Eins hat er gewonnen, eins ich“ (S. 221).
Wer eine schnelle Krimihandlung mit viel Sex will, die Stümperhaftigkeit des Täters und der  Ermittlern in Kauf nimmt und die Unglaubwürdigkeiten nicht bemerkt oder überliest, mag zu Der Picassomörder greifen.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 11.4.2012