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Rudolph
Dieter Paul Rudolph: Arme Leute
Saarbrücken: Conte, 2009. Taschenbuch, 205 Seiten – Dieter Paul LinksDieter Paul Literatur
Arme Leute ist vom Start weg fürchterlich (Halt! Weiterlesen! "Fürchterlich" ist mehrdeutig.)
• Auf den ersten Seiten wird eine drastische Ohrabschneidung inszeniert: furchterregend, wie man es von einem guten Krimi erwartet.
• Doch fürchterlich ist auch der Stil: ein innerer Monolog, der dem Leser einiges abverlangt. In diesem Jargon geht's weiter. Nun ist ein innerer Monolog spätestens seit Arthur Schnitzlers Novelle Leutnant Gustl ein verbreitetes literarisches Verfahren. Obwohl es Dieter Paul Rudolph hier gewinnbringend einsetzt ist starke Stilkritik notwendig.
• Er bricht Sätze ab und reichert sie mit unbekannten oder ungewöhnlichen Wörtern an (z.B. "Maschinendenke", S. 21). Manchmal bestehen die Sätze nur aus solchen Ausdrücken ("Mongolische Erweckung. Obertongemurmel.", S. 34). Unter anderem frage ich mich, wer so denkt. Der Ein-Wort-Satz "Obertongemurmel" als Gedanke erscheint mir völlig abgefahren, in hohem Masse konstruiert.
Nur teilweise kann entwarnt werden: man muss nicht jedes Wort, jeden Satz verstehen: den Fluss der gut ausgedachten Handlung bekam ich mit.
Der Ohrabschneider kehrt nach seiner Gefängnisstrafe in die Stadt zurück und die Ereignisse spulen sich ab. Einiges in der Vergangenheit der Leute in der kleinen Stadt ist erklärungsbedürftig.
Der Roman gliedert sich in drei lange innere Monologe von drei verschiedenen Personen: Der Ohrabschneider. Das Flittchen. Der Idiot. Das ermöglicht überraschende Wendungen und bringt etwas Abwechslung in die oft schwer verständliche Sprache. Als wär das nicht anstrengend genug setzt der Autor noch syntaktische Spielereien obenauf. Hier ein Dialog im Monolog:
"Ihr seid blöd": Gelika.
"Du hältst gefälligst die Schnauze!": Holstein.
"Aber Bruno!": Schröder.
Oha, das Spielchen. Guter Cop. böser Cop.
Die Gliederung in drei Monologe nutzt der Autor nicht nur für den Perspektivenwechsel sondern auch inhaltlich geschickt: Der Ohrabschneider führt in die Handlung ein und verwirrt. Das Flittchen lichtet den Nebel etwas und steigert das "Was geschah?" Die letzten vierzig Seiten gehören dem Idioten. Er erweist sich als unzuverlässiger, weit ausbreitender Erzähler. Er hätte es auf vier Seiten sagen können. Ob man seinen Ausführungen trauen darf?
Insgesamt gelingt aber die Zuspitzung der Handlung und Aufklärung der Verstrickungen der armen Kleinstadtleute. Der Verlagsinformation: "Auch wenn am Ende die Ecken der Vergangenheit ausgeleuchtet sind: Es bleibt dunkel, drum herum" stimme ich zu.
Der Leser der 200 Seiten muss lange Feuchtgebiete überstehen. Das war für mich ärgerlich.
Der inhaltliche Faden und das zugrundeliegende Handlungsgeflecht werden von D.P. Rudolph gut eingesetzt. Sein Wagnis mit den drei inneren Monologen in beabsichtigt authentischen Stilarten verdient Anerkennung. Leider wird das Experiment auf dem Rücken des Lesers ausgetragen. Ich werde diesen Krimi nicht weiter empfehlen.
Links
RudolphArme Leute. Dieter Paul Rudolph, Krimi-Couch
RudolphSaarlandkrimi "Arme Leute": Weg ist das Ohr, Saarbrücker Zeitung 23.09.2009
RudolphBarbara Keller: Dieter Paul Rudolph, “Arme Leute”, 12. November 2009
Rudolph"Arme Leute" – Dieter Paul Rudolph über die Entstehung
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Rudolph Philippe Claudel: Die grauen Seelen
Rudolph Dieter Paul Rudolph: Der Bote. Ein Science-Fiction-Krimi aus der guten alten Zeit
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Rudolph RudolphDieter Paul Rudolph: Arme Leute. Saarbrücken: Conte, 2009. Taschenbuch, 205 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 13.11.2009