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Timm
Uwe Timm: Morenga
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1985. Broschiert, 395 Seiten – Uwe LinksUwe Literatur
Morenga wird als Roman ausgegeben, ist aber eine Mischung aus Fiktion und Quellenauszügen. Als Genre passt daher Tatsachenliteratur, aka Faktographie, Faction, Dokumentarliteratur, Dokumentarismus.
Wenn von einem Mittelpunkt gesprochen werden kann, so ist es nicht der einheimische Führer Morenga sondern der Veterinär Gottschalk. Dieser bricht 1906 – also nach dem Hereroaufstand und dessen Niederschlagung mit anschließendem Genozid unter Lothar von Trotha – nach Deutsch-Südwestafrika auf.
Anhand von Gottschalks (fiktiven) Tagebuchnotizen, Reportagen und Quellentexten zeichnet Uwe Timm ein umfassendes Bild von der Lage in der deutschen Kolonie.
Nach dem  Hereroaufstand wollten auch die Namas – von den Deutschen geringschätzig Hottentotten genannt (siehe Uwe Hottentottenmusik) – das unterdrückende Joch der Kolonialherren aus Deutschland und Großbritannien abschütteln. (Bereits in 1893/94 war eine Hottentottenaufstand niedergeschlagen worden.)
Gottschalk zieht freiwillig und gerne nach Deutsch-Südwestafrika, wird aber durch die Verhältnisse vor Ort ernüchtert. Zunächst vermutet er Fehler innerhalb der Verwaltung, erkennt aber, dass das Leiden der Einheimischen gewollt ist und System hat. Sein Kollege Wenstrup überläßt ihm das Buch Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung, angeblich vom russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin (der hat Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt  geschrieben) und verschwindet in der Wüste.
Gottschalk entwickelt seine Sicht weiter und empfindet den Krieg als Unrecht. Beim Vollzug der Prügelstrafe muss er als Viehdoktor (!) anwesend sein. Er konnte der Prozedur, die bei ihm Magenweh und Brechreiz auslöste, nur nach einigen Schnäpsen zusehen (S. 227). Gottschalk kann sich lange nicht entscheiden, was er unternehmen will. Er zieht sich allmählich vom Geschehen zurück und macht intensive Wetteraufzeichnungen. Einen Höhepunkt bildet Gottschalks Begegnung mit Morenga.
Gottschalks Begegnung mit Morenga

Gottschalk begleitete einen Transport, der von den Aufständischen überfallen wurde. Darüber schrieb Gottschalk einen Bericht an das Kommando der Kaiserlichen Schutztruppe. Deshalb ist fraglich, ob Gottschalk immer alles wahrheitsgemäß berichtete, beispielsweise: „Ich verweigerte jede Auskunft” (S. 352).
Timm bedient sich eines Tricks um die Sichtweise der Vorgesetzten kernnbar zu machen. Die Empfänger kommentierten den Bericht mit Randbemerkungen.
Gottschalk und Morenga unterhielten sich in Nama, der Eingeborenensprache, die Gottschalk erlernt hatte. Den Militärs genügte zur Kommunikation mit den Einheimischen ein Dolmetscher und die Nilpferdpeitschte (S. 98). Gottschalk hielt Morenga die Hand zur Begrüßung hin, die dieser ignorierte (S. 355).

Gottschalk berichtete:
„Morenga betonte aber auch, daß er bis zum letzten Mann weiterkämpfen werde. Und auf meine Frage, warum, gab er die verwunderliche Antwort: Damit ihr und wir Menschen bleiben können.” (Hervorhebung im Original). Randbemerkung: „Eingeborenenlogik!” (S. 353).

Die Begründung Morengas ist tatsächlich verwunderlich. Zunächst ist auf die Asymmetrie der beiden Diskutanten hinzuweisen. Nach der deutschen Sichtweise waren die Aufständischen die nicht satisfaktionsfähigen Untermenschen, die vom Deutschen Reich zivilisiert werden sollten. Ihnen gibt man keine Hand. Die deutsche Moral war es zudem, keine Gnade walten zu lassen: der Gegner war zu vernichten. Die Rechtfertigung für die Unterwerfung der Hottentotten wurde aus der Bibel bezogen (Uwe biblische Rechtfertigung der Versklavung).

Für die Namas war es jedoch wirklich ein Kampf auf Leben und Tod. Ihre Bedingung für eine Frieden war einfach: „In dem Land, das ihnen gehöre, frei zu leben” (S. 353). Moranga sagte, dass sie keine Gefangenen töten werden. In mehrfacher Hinsicht waren also die Namas die moralisch Überlegenen. Wie brutal die deutsche Besatzung mit den Einheimischen umging zeigt sich mit exemplarischen Strafe an einem unschuldigen Herero. Er wurde (der Täter konnte nicht ermittelt werden) „ersatzweise an ein Wagenrad gebunden, an dem er mehrere Tage in der glühenden Sonnenhitze und in der nächtlichen Kälte aufrecht stehen mußte” (S. 181).

Am Gesprächsende reichte Morenga dem Veterinär die Hand. Die Moral, die die Europäer für sich reklamierten und den Eingeborenen abstritten, wurde genau von diesen beachtet.

Im Gegensatz zur vorherigen Kolonialliteratur (Morenga erschien erstmals 1978) heroisiert Uwe Timm nicht die Deutschen Eindringlinge. Obwohl sie den Hauptteil des Textes ausmachen, kommen auch die Einheimischen zu ihrem Recht. Timm bleibt kühl und distanziert, es gibt keine Identifikationsfigur.
Wurde Deutschlands Sicherheit verteidigt?
Lange vor dem Befund von Peter Struck, SPD: „Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt” wurde unsere Sicherheit schon in der Wüste Kalahari und dem Karrasgebirge verteidigt. So die Mär der Politik und des Militärs. Gottschalk und Wenstrup sind nicht die einzigen, denen das Geschehen in Deutsch-Südwestafrika zuwiderläuft. Rittmeister Tresckow merkt, dass in Deutsch-Südwestafrika nicht Deutschland verteidigt wird, sondern, dass die Hottentotten ihr Vaterland verteidigen (S. 244).
Typen und Mythen
Timm reichert Morenga mit zahlreichen Typen und Mythen an. Zwei Beispiele:
  • Unteroffizier Rattenhuber aus Plattling, der plant, das Schlittschuhlaufen in Afrika einzuführen, lange vor dem Lachsfischen im Yemen (siehe Paul Torday: Salmon Fishing in the Yemen)
  • Ein Branntweimfass wird zu den Eingeborenen gezogen um sie gefügig zu machen und ihnen Land und Hab und Gut abzuluchsen.
Biblische Rechtfertigung der Versklavung
Noah verfluchte im 9. Kapitel der Genesis Kanaan, den Sohn Hams und dessen Nachkommenschaft zur Knechtschaft. Das wurde von den Christen auf alle Hamiten bezogen, die Hottentotten zählten dazu (S. 317). (siehe Ham, Links). Diese  Rechtfertigung führte dazu, dass die aufständischen Stämme enteignet wurden, ja es wurde ihnen verboten Grundbesitz zu erwerben, Großviehzucht zu betreiben und Reittiere zu halten. Die 16000 Gefangenen wurden 1907 in Konzentrationslager gesteckt und zur Zwangsarbeit eingesetzt  (S. 365).
Hottentottenmusik
Hottentottenmusik wurde als abwertender Begriff von der Reichskulturkammer der Nazis als Sammelbegriff für Jazz, Blues, und jegliche Musik von Schwarzen eingeführt.  In den 50-er Jahren wurde der Rock-'n'-Roll von Bill Haley, Chuck Berry, Elvis Presley, u.a. als Hottentotten– und Negermusik desavouiert.
Schach
Kleinschmidt, ein Agent der Landgesellschaft, pflegte in Deutsch-Südwestafrika das Schachspiel. In der Badewanne sitzend löste er die Aufgaben aus der Schachecke der Appenrader Zeitung (S. 283). Sogar beim Reiten löste er die Aufgaben. Dazu schnallte er ein Steckschachspiel auf den Sattelknopf (S. 286).
Mit Morenga schrieb Uwe Timm einen Kolonialroman, der beide Seiten auf Augenhöhe zeigt. Er nimmt keine Partei und zeigt das Geschehen von vielen Seiten. Das hat zur Folge, dass ich beim Lesen länger brauchte um die Konstruktion zu durchschauen und Gottschalk als den roten Faden zu erkennen. Das Genre der Tatsachenliteratur und die angewandte Collagetechnik hat den Nachteil, dass die Leser nicht erkennen, was ist Fakt und was Fiktion. Vielleicht ist es aber Absicht, dass wir das selbst herausfinden sollen. Anspruchsvolle und lohnende Lektüre.
Links
TimmDeutschland in Afrika. Der Kolonialismus und seine Nachwirkungen
TimmDeutsch-Südwestafrika
TimmHam (Bibel)
TimmHottentotten
TimmPjotr Kropotkin
TimmThorina Lepak (2013): Deutsche Kolonialromane. Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf.
TimmJacobus Morenga
TimmLothar von Trotha
Timm Afrika in der Literatur
Timm Josef Fischer: Kamerun oder der Belltownaufruhr. Roman aus der deutschen Kolonialgeschichte
Timm Christian Kracht: Imperium. Roman
Timm Paul Torday: Salmon Fishing in the Yemen
Timm Schach in der Literatur
Literatur
Baumbach, Kora. (2005): „Verdrängte Kolonialgeschichte: Zu Uwe Timms Roman Morenga”. Monatshefte 97:2, S. 213-231.
Göttsche, Dirk. (2003): „Der neue historische Afrika-Roman: Kolonialismus aus postkolonialer Sicht”. German Life and Letters 56:3, S. 261-280.
Uerlings, Herbert. (2001): „Die Erneuerung des historischen Romans durch interkulturelles Erzählen. Zur Entwicklung der Gattung bei Alfred Döblin, Uwe Timm, Hans Christoph Buch und anderen”. Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik 51, S. 129-154.

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