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Axel Ulrich
Axel Ulrich: Walzer
Allensbach: Eigenverlag, 2004. Ohne Seiten
Franz Walzer, Anwalt aus Konstanz, ist mit sich und seiner Freundin Lena zufrieden. Weniger gefällt ihm die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Deutschland. Deshalb setzen er und seine Geschäftsfreunde den Hebel an: Verweigerung der Beiträge an die Zwangsorganisation IHK. Diese kommt in Zahlungsschwierigkeiten, doch die Rebellen geraten ins Visier der Mächtigen im Lande. Justiz und Politik sind gut vernetzt und so bricht einiges über Walzer herein. Clever rettet er sein Hab und Gut und sich selbst in die nahe Schweiz.
Ulrich führt mit seinem Helden Walzer vor, was passieren kann, wenn der Staat sich angegriffen fühlt. Schon jetzt ist der Bürger der Generalverdächtige, Franz Walzer wird gar zum Feind und ebenso behandelt. Der Autor spinnt viele Fäden, so daß man das Buch (anfangs) möglichst schnell wieder zur Hand nimmt. Ein Wirtschafts- und Politikmärchen, das köstliche Stellen enthält.
Leider hat es auch einige Mängel. Der Roman wird reportmässig abgespult. Da wird genau berichtet, wann ein Glas Champagner getrunken wird, wieviele Orgasmen Franz hatte (im Vergleich zur Lena). Die katastrophale Lage der Bundesrepublik (Steuern, Schulden, Bürokratie) wird witzig thematisiert, aber dann ständig wieder dem Leser vorgebetet. Im zweiten Teil des Romans wirkt das ermüdend.
Die IHK-Aktion soll geheim bleiben, darum bittet Walzer alle "inständig, mit niemandem – auch nicht mit Ehefrauen und Freunden darüber zu reden". Er plaudert es am nächsten Morgen (nach dem obligaten "Morgen-Sex") seiner Lena aus. Diese Fährte wird nicht verfolgt, obwohl später eine Verschwörungslücke offenbar wird. Der Roman schwankt zwischen Groteske und Tatsachenbericht. Lokalredakteur Laudacher bringt einen erfolgreichen Artikel und schon landet er in der Tagesschau und verdient "plötzlich wie verrückt". Wie geht das? Die Honorare mögen ja hoch sein, doch sie schießen sicher nicht von heut auf morgen aufs Konto. Da ist manches sehr plakativ, wechselt aber mit Banalem: "Nachdem sie gefrühstückt hatten, ging Lena zur Arbeit, Walzer hatte einen Termin." Beides ist für die Geschichte völlig unbedeutend.
Die tragenden Ideen des Romans sind hervorragend. Hier bin ich voreingenommen, da mir die Zwangsmitgliedschaft in der IHK (ulrich IHK – Zwangsinstrument) ebenfalls ein überflüssiger Kropf zu sein scheint und der Hieb auf die Ära Kohl ("Die Lohnnebenkosten waren da, wo sie in den achtziger Jahren zuletzt waren") war ein Balsam (ulrich Die Untaten Helmut Kohls). Die Mitnahmequalität unserer Politiker wird gekonnt in Szene gesetzt (ulrich Der Staat und unsere Abgeordneten bedienen sich). Die Ideen sind gut eingebaut, doch gleitet das Ganze zu sehr in die Welt der Hochfinanz und Glamour. Ich habe die Champagner, die getrunken werden, nicht gezählt; das Geld verdienen die Leute als Millionenerbe oder ähnlich einfach. Und sie teilen es gerne mit anderen. Als Franz Walzer in Berlin aktiv wird, entgleitet die Handlung: da wird nur noch aufgezählt, was auch immer gekürzt oder gestrichen wird. Es wurde mir am Ende nicht klar, ob die Methode Walzer das erhoffte Ziel erreichte oder nicht oder ob (wie es einmal im Laufe des Romans anklingt), das politische System auch ihn aufsog und verwandelte. Die letzte Szene des Romans spricht eher für die zweite Variante (Mißerfolg). Für eine Groteske zu glaubwürdig, für einen hintergründigen Politthriller teils zu bieder, teils zu absurd.
Nach Straffung und Kürzung könnte ein witziger parodistischer Roman in der Art des köstlichen Being There (deutsch unter Chance und Willkommen, Mr. Chance verbreitet; ulrich Jerzy Kosinski: Being There) entstehen.

Axel Ulrich
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.10.2004