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Arne Roß: Frau Arlette
Köln: DuMont, 2002. Gebunden, 176 Seiten
Der etwa 45-jährige Werner hilft einer gefallenen blinden Frau auf. Er kam wegen ihrer Zeitungsanzeige, da sie eine Hilfe für Garten und Reparaturen suchte. Vom Mai bis September (Frau Arlette kündigt Werner) bleibt er bei ihr. Er wird von der übersprudelnden Arlette angestellt, in ihren Bann gezogen und schließlich entwickelt sich ein eigentümliches Liebesverhältnis: Arlette ist etwa achtzig Jahre alt; sie bleiben beim "Sie".
Arlette hütet ein rotes Zimmer, daß niemand ausser ihr betreten darf. Während mich das schier erzwungene Verhältnis an Uwe Timms Die Entdeckung der Currywurst (Timm Rezension) denken ließ, fällt einem zum verbotenen Zimmer sofort Blaubarts Zimmer in seiner vielfältigen literarischen und musikalischen Verarbeitung ein.
Dem Leser wird oft nahegelegt, daß Arlette nicht so blind sei. Frau Arlette erwähnt mehrmals, daß ihre Umgebung ihr unterstellt, daß sie die Blindheit nur vorgibt. Der Erzähler deutet es an, nimmt es aber sofort zurück.
Während die geschätzige Arlette im Laufe der fünf Kapitel viel von sich und ihren Gedanken erzählt (sie meint von jedem übers Ohr gehauen zu werden), erfuhr ich über den 1. Ich-Erzähler Werner wenig.
Die Nachbarn Butenschön und Kobold sind ein weiteres seltsames Paar (Rosenkranz und Güldenstern aus "Hamlet"?).
Die Darbietung der vielfältigen Motive ließ für mich zu wünschen übrig. Die fünf Kapitel sind in mehrere Abschnitte eingeteilt, die jeweils mit einem Satz (und damit grossem Anfangsbuchstaben) beginnen. Diese Abschnitte bestehen aus mehrzeiligen Satzfetzen, die von mehrern Ich-Perspektiven (und auch aus der Erzählerperspektive) formuliert sind. Selten (oder nie) gibt dabei ein Punkt Einhalt. Der Leser muß herausfinden, was innerhalb des langen Satzfetzens von Arlette, von Werner, oder vom Erzähler stammt. Es sind Gedanken und wörtliche Rede (diese aber nicht – man ist ja avantgardistisch – durch Satzzeichen kenntlich gemacht) in einem Fluß. Der Sinn oder die Absicht des Autors dieser stilistischen Unart erschloß sich mir nicht. Meine Vermutung, daß Frau Arlette und Werner sich gedanklich immer näher kommen und somit angedeutet wird, daß ihre Sprache ineinander über geht, vom Leser nur schwer zu trennen sein soll, bestätigte sich nicht. Ich meine, der farblose Werner ist am Ende froh, gekündigt zu werden. Vielleicht wollte der Autor mit seinem Hin- und Herspringen zwischen den Erzählinstanzen die Hilflosigkeit der Blinden für den Leser nachbauen. Doch der Blinde hat gerade in den Stimmen eine exakte Dialogzuordnung. Der Leser von Frau Arlette weiß oft nicht, denkt das jetzt Arlette oder Werner oder ist es der Autor.
So wird die Lektüre unnötig durch den ständigen Wechsel zwischen inneren Gedanken und Dialogen und den Wechsel verschiedener Personen (und dies innerhalb eines Satzes) erschwert.
Wenn Roß dieser modernistischen Manie entsagt, wird er (beim nächsten Buch) lesenswert.
Arne Roß
* 1966 Hamburg
Studium der Germanistik und Geschichte in Berlin
Lehrer und freier Schriftsteller in Berlin
1999 Preis für das beste deutschsprachige Debüt
2004 bachmannpreisKlagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur: Preis der Jury für Pauls Fall.
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ross blablaArne Roß: Frau Arlette. Köln: DuMont, 2002. Gebunden, 176 Seiten


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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.7.2004