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Lenz
Siegfried Lenz: Erzählungen
Hamburg:Hoffmann und Campe, 2006. Gebunden, 1536 Seiten. Mit einem Geleitwort von Marcel Reich-Ranicki.
 – Siegfried LinksSiegfried Literatur

Dieser Sammelband vereint sämtliche Erzählungen von Siegfried Lenz in einem Band. Auf 1536 Seiten sind das 168 Erzählungen.
Marcel Reich-Ranicki schrieb das Geleitwort und nennt darin diese Erzählungen als Höhepunkte:
  • „Das Feuerschiff”
  • „Der Verzicht”
  • „Die Phantasie”
  • „Ein Kriegsende”
Das ergibt einen Fahrplan, wo man zu lesen anfangen kann.

Die Lampen der Eskimos oder die Leiden eines Spezialisten, S. 558-564
Ein Universitätsprofessor – der Ich-Erzähler – denkt nach einem Umzug seines Instituts in neue, großzügigere Räume in Hamburg, nahe der Alster, über sein zerstörtes Forschungswerk nach.
Er hatte sich auf eine Grönlandreise begeben, die eigentlich die Krönung der sechzehnjärigen Forschung bringen sollte, aber das Gegenteil bewirkte.
In diesen sechzehn der Erzählzeit vorangegangenen Jahren wird der Professor zur Kapazität auf dem Gebiet der Forschung über die Lampen und Dochte der Torngasuk-Eskimos. Durch nahezu wöchentliche Lieferung von authentischem Material direkt aus Grönland kann er die Forschung vorantreiben und eine berühmte Sammlung aufbauen.
Dann wird er zu einer Reise nach Grönland eingeladen. Er will dabei eine bestimmte Forschungshypothese überprüfen und seinen emsigen Lieferanten M-Whan kennenlernen.
Vor Ort trifft der Professor nur die Gattin M-Whun an. Sie berichtet, dass M-Whan auf einer Floridareise ist. Gerne und arglos zeigt sie ihm das Nebengebäude ihres stattlichen Landhauses. Es entpuppt sich als Fabrik mit zwölf Angestellten, die dort die Inhalte der wöchentlichen Lieferungen selbst herstellen und gegen gute Bezahlung nach Hamburg zum Professor verschiffen.
Entsetzt kehrt der Professor an sein Institut zurück.
Da trifft gerade in  Hamburg einen neue Lieferung ein. Der Professor freut sich auf spannende Inhalte. Die Leser können annehmen, dass der Professor den Schwindel weiterlaufen läßt.

Spezialist im Elfenbeinturm
Lenz zeichnet in dieser Geschichte den weltfremden Spezialisten im Elfenbeinturm, der sich sechzehn Jahre von einem schlauen Grönländer täuschen läßt. Doch nicht nur er, auch die Fachwelt läßt sich von ihrem Hamburger Kollegen täuschen. Sogenannte "Fakten" oder gar wissenschaftliche Theorien müssen hinterfragt werden.

Verletzung wissenschaftlicher Standards
Gleichzeitig kann man die Story als Plädoyer dafür lesen, dass die wissenschaftlichen Standards eingehalten werden müssen. Jedes Forschungsergebnis muss gut begründet und belegt werden. Verstöße gegen diese Standards müssen deshalb streng geahndet werden um Situationen wie die geschilderte zu vermeiden. Plagiate dürfen – entgegen landläufigen Auffassungen – nicht geduldet werden. Auch dann nicht, wenn es "nur" um Lampen und Dochte bei den Torngasuk-Eskimos geht.

Urteile und Aussagen müssen ausreichend begründet werden
Man darf sich – das gilt nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch im Alltag – nicht auf unbestätigte Nachrichten verlassen, sonst baut man seine Urteile auf Sand und produziert sinnlose Ergebnisse und Fake-News. Gerade deshalb ist auch das Einhalten der Wissenschaftsstandards so wichtig: der Professor hat nicht nur wissenschaftlichen Unsinn produziert, sondern – im Vertrauen auf die Einhaltung wissenschaftlicher Seriösität – hat er die gesamte Fachwelt hinters Licht geführt.

Wissenschaftliche Thesen und Theorien müssen falsifiziert werden
Der Professor und sein Team verlassen sich zu sehr auf die Bestätigung ihrer Thesen. Dabei hätten die Forscher im Sinne Karl Poppers versuchen müssen ihre Thesen zu falsifizieren. Nicht wöchentliche Bestätigung ihrer Thesen sollte zum wissenschaftlichen Erfolg und Ruhm führen, sondern der stetige Versuch die Thesen zu falsifizieren. Auch in diesem Punkt gibt es Parallelen zu schlimmen Auswüchsen in der Gegenwart. Viele tragen nur zusammen, was die eigenen Thesen stützt. Was der These widerspricht, wird nicht zur Kenntnis genommen. Das führt zum Echokammer-Effekt (Begriff aus der der Kommunikationswissenschaft), siehe "Filterblase" unter Siegfried Links.
Inwiefern der Professor dies bewusst macht oder nur aus Blindheit auf andere Quallen verzichtet, kann dem Text nicht entnommen werden.

Macht Erfolg oder auch schon Aussicht auf Erfolg blind?
Zudem wirft die Geschichte die faustische Frage auf: Was darf ein Wissenschaftler um des Erfolgs willen tun? Der Hamburger Lampenforscher hat zwar nicht seine Seele an den Teufel verkauft, aber in Verblendung durch das zugesandte Material sechzehn Jahre lang auf die Überprüfung seiner Forschungsgrundlage verzichtet.

Der Professor nennt seinen Namen nicht. Das verstärkt den Eindruck, dass all die Problembereiche allgemeingültigen Charakter haben.

Der Text „Die Lampen der Eskimos” steht zwischen Kurzgeschichte (knappe Form) und Erzählung: er verläuft nicht linear, sondern setzt nach der Reise ein.
Er erschien erstmals gedruckt 1959 und dann im Sammelband Der Spielverderber, 1965.
Ein Jahr vor Veröffentlichung erschien von Graham Greene der Roman Our Man in Havana. Darin liefert der kubanische Staubsaugervertreter James Wormold als angeworbener Spion dem britischen Geheimdienst erfundene Informationen. Eine gewisse Ähnlichkeit zu „Die Lampen der Eskimos” drängt sich auf.

Lenz Der Verzicht, S. 717–725

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